Krankenhauslage schlägt Inzidenz bei der Beurteilung der Corona-Lage

Vertraute Kennwerte wie Inzidenz und R-Wert verlieren durch den wachsenden Impfschutz an Bedeutung. Ein neuer Kennwert muss her: Hospitalisierungen.

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(Bild: HH E / Unsplash)

Von
  • Jo Schilling

Sie steigt – die 7-Tage-Inzidenz. Nicht nur in den Urlaubsgebieten, sondern auch wieder bei uns. Im Bundesschnitt liegt sie gerade (15.07.2021) bei 8, gestern lag sie noch bei 7,4. Sie ist also da, die gefürchtete vierte Welle. Die Frage ist: Wie gehen wir mit ihr um? Sind die im Infektionsschutzgesetz verankerten Mechanismen, die sich rein an Inzidenzwerten orientieren, auch in der Delta-Welle sinnvoll?

Mit jeder neuen Welle haben wir gelernt, uns an einem neuen Kennwert im Infektionsgeschehen zu orientieren. Den Anfang hat der R-Wert gemacht – die Reproduktionszahl. Sie beschreibt, wie viele Menschen durch eine infizierte Person im Durchschnitt angesteckt werden. Ist dieser Wert größer als 1, steigt die Zahl der Infizierten.

Die Wildtyp-Variante von SARS-Cov-2 hätte ohne Schutzmaßnahmen einen R-Wert zwischen 2,8 und 3,8 ausgelöst, hat das RKI damals errechnet. Jede infizierte Person steckt im Mittel also zwischen drei und vier Personen an. Die Erhebung des R-Wertes und die Beurteilung der nationalen Lage auf seiner Basis ist jedoch nur solange sinnvoll, wie die Infektionszahlen insgesamt sehr niedrig sind. Und in Kombination mit anderen Kennzahlen, wie etwa den Neuinfektionen.

Inzwischen ist der R-Wert nur noch eine Zahl für Epidemiologen, denn wir sind umgeben von Varianten mit unterschiedlichen Basisreproduktionszahlen. Alpha etwa ist deutlich ansteckender als die Wildtyp-Version des SARS-CoV-2 Virus und Delta ist noch mal infektiöser als Alpha.

Also löste die 7-Tage-Inzidenz die Bedeutung des R-Wertes im Lauf der Pandemie ab. Lockdown, Quarantäne-Pflicht, das Schließen von Grenzen – all diesen Entscheidungen lagen – teilweise willkürlich – angesetzte Inzidenzwerte zugrunde. Nun haben wir jedoch eine in mehreren Faktoren abweichende Situation: Seit Kalenderwoche 25 dominiert in Deutschland die Delta-Variante das Infektionsgeschehen. Dass diese Variante deutlich infektiöser ist als ihre Verwandten, ist unstrittig. Allerdings trifft sie auf eine zunehmend stärker geimpfte Bevölkerung. 44,6 Prozent der Deutschen sind vollständig geimpft, 59,2 Prozent haben eine Impfung erhalten. Das macht die Beurteilung der Lage jedoch nicht einfacher, denn die Wirksamkeit der Impfstoffe ist nach aktuellen Studien zwar ausreichend, jedoch geringer als gegenüber der Wildtyp-Variante.

Das RKI hat seit Anfang Februar insgesamt 5.374 sogenannte Impfdurchbrüche registriert. Das heißt, durchgeimpfte Menschen sind trotz vollständiger Impfung an COVID-19 erkrankt. 62 Betroffene unter 60 und 614 Menschen über 60 Jahre wurden ins Krankenhaus eingewiesen. Wie sich diese Zahlen unter der Dominanz der Delta-Variante entwickeln werden – niemand weiß es. Setzt man diese Zahl in Bezug zu den 37.124.516 Geimpften, sind diese Zahlen verschwindend gering und zeigen, wie gut die Impfungen grundsätzlich schützen.

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Und diese Risiken sollen nach den Empfehlungen des RKI künftig zentrale Kennzahlen zur Beurteilung der Pandemielage werden: Einer neuen Verordnung des Bundesgesundheitsministeriums zufolge müssen Kliniken in Deutschland künftig nicht nur melden, wie viele Patienten auf die Intensivstationen kommen. Sie sollen auch Daten darüber sammeln, wie viele mit COVID-19 auf den Normalstationen aufgenommen werden, welche Symptome sie haben und wie ihr Impfstatus ist. Das Gesundheitsministerium erhofft sich dadurch mehr Informationen zu allen in den Kliniken behandelten COVID-19-Patienten.

Eine Entwicklung, die Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin der München Klinik Schwabing, begrüßt: „In großen Kliniken mit ausreichender Erfahrung in der Versorgung von COVID-19-Patienten ist eine Erhebung von COVID-19-Fällen im 24-Stunden-Rhythmus seit Beginn der Pandemie geübte Praxis. Wichtig ist nunmehr auch zu erfassen, ob die COVID-19-Erkrankung der primäre Aufnahmegrund für den Patienten war oder ob zum Beispiel ein Unfallopfer zufällig auch im Aufnahme-Screening in der Notaufnahme der Klinik positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurde. Insgesamt ist es gut, dass nunmehr ein feingranuläres Frühwarnsystem in den Kliniken installiert werden soll, sodass eine Belastungsprobe des Gesundheitssystems nicht erst dann offensichtlich wird, wenn Intensivstationen überfüllt sind.“

Es ist naheliegend, diese Kennwerte zu erfassen – und weshalb geschieht das nicht längst? An dieser Stelle tappen wir mal wieder in die so häufig bemühte Digitalisierungsfalle. „Die Datenerfassung erfolgt im Moment leider noch nicht automatisiert, das sollte aber unser Top-Ziel für die kommenden Monate sein“, sagt Christian Karagiannidis, Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Intensivmedizin am Klinikum Köln-Merheim. „Die Innovationskraft der deutschen Medizintechnik ist gefragt, ad hoc Schnittstellen zu entwickeln, um Daten automatisiert aus Krankenhausinformationssystemen auszuleiten.“

Allerdings ist die Beurteilung der Hospitalisierung nicht trivial. Menschen, die ins Krankenhaus eingewiesen werden und im Zuge der Routine positiv auf COVID-19 getestet werden, sind keine hospitalisierten COVID-Fälle im Sinne des RKI. „Dies voneinander zu trennen, kann bei der Erfassung eine Herausforderung darstellen“, gibt Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung zu bedenken. „Bei intensivmedizinischen Neuaufnahmen ist es dagegen sehr wahrscheinlich, dass sie nicht nur mit, sondern auch wegen der SARS-CoV-2-Infektionen erfolgt sind.“ Auch die Zahl der COVID-19-Toten ist ein wichtiger Indikator. Und eine Zahl, die bei jeder Influenza-Epidemie eine wichtige Rolle spielt, wird bislang ebenfalls nicht zeitnah, sondern erst nachdem sie die Mühlen der Krankenkassen durchlaufen hat, erfasst: die COVID-19-bedingte Arbeitsunfähigkeit. Das Gesamtbild aus diesen Informationen – unterteilt nach Alter, Berufsgruppen und Risikofaktoren ergibt dann eine Bild der aktuellen Situation.

Es wird also nicht übersichtlicher. Aber mit der neuen Kennzahl sind wir bei den eigentlich kritischen Punkten der Pandemie angekommen: der Notwendigkeit, sich mit einer COVID-19-Infektion ins Krankenhaus begeben zu müssen, der Gefahr, intensivmedizinisch behandelt werden zu müssen – und schließlich dem Risiko, an COVID-19 zu sterben.

(jsc)