Kreditwürdig getwittert

Start-ups wollen die Vergabe von Unternehmenskrediten revolutionieren. Sie lassen Algorithmen entscheiden, wer Geld erhält, und werten dafür aus, was sie in die Finger bekommen: von der Buchhaltung bis zum Twitter-Feed.

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  • Malte Buhse

Nein, nur weil mein Tweet gestern kräftig geteilt wurde und meine Facebook-Seite neue Fans gewonnen hat, bekomme ich noch keinen günstigen Kredit – das macht Kevin Phillips sofort klar. "Aber Social-Media-Aktivitäten spielen eine Rolle, wenn wir über unsere Kredite entscheiden."

Willkommen bei Kabbage, einem Start-up aus Atlanta, das eines der ältesten Bankgeschäfte überhaupt revolutionieren will: die Vergabe von Krediten. Dabei setzt die Firma, bei der Kevin Phillips als Head of Corporate Development arbeitet, auf eine Zielgruppe, die bei Banken momentan nur wenig Chancen hat: Bars, die eine neue Inneneinrichtung anschaffen wollen, Fitnessstudios, die neue Geräte brauchen, oder kleine Geschäfte, die das Lager auffüllen müssen.

Diese Kleinunternehmen brauchen oft nur wenige Tausend Euro. Die durchschnittliche Kreditsumme bei Kabbage beträgt gerade mal 15000 Dollar. "Für Banken lohnen sich Kredite in dieser Größenordnung nicht", sagt Christoph Schneider, Assistenzprofessor für Corporate Finance an der Universität Mannheim. Allein der Verwaltungsaufwand ist oft zu groß: Ein Bankberater muss sich mit dem Unternehmer hinsetzen, den Businessplan und die Finanzen prüfen und am Ende eine Entscheidung treffen. "Das dauert mehrere Stunden und ist vielen Banken bei geringen Kreditsummen einfach zu teuer", sagt Schneider. "Einige Institute haben sich aus diesem Bereich daher komplett zurückgezogen."

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Diese Lücke versuchen Start-ups wie Kabbage zu füllen. Gegründet wurde die Plattform 2009 vom Unternehmer und ehemaligen Urheberrechtsanwalt Rob Frohwein. Seine Idee damals: Noch nie zuvor war es so leicht, in kurzer Zeit so viel über ein Unternehmen zu erfahren – das kann man doch bei der Kreditvergabe nutzen. Wenn Banken über eine Vergabe entscheiden, schauen sie vor allem auf die Finanzkennzahlen eines Unternehmens, zum Beispiel den Gewinn und die Umsatzentwicklung.

"Bei Kabbage dagegen berücksichtigen wir bis zu 10000 Variablen", sagt Kevin Phillips. Neben den Finanzberichten wertet das Unternehmen zum Beispiel das Verkäuferkonto bei Amazon aus und die Rezensionen, die Kunden dort über die Produkte schreiben. Im Juni schloss das Unternehmen zudem eine Partnerschaft mit dem Paketdienst UPS und kann seitdem Daten darüber abrufen, wie viele Pakete ein Unternehmen wohin verschickt. Und auch ein aktiver Twitter-Feed oder eine beliebte Facebook-Seite können die Kreditwürdigkeit steigern.

Einen Kreditberater würden solche Datenmengen schnell überfordern, deswegen entscheiden bei Kabbage nicht mehr Menschen, sondern Computer. Ein Algorithmus berechnet eine individuelle Kennzahl zur Kreditwürdigkeit und überweist im Falle einer Zusage direkt das Geld. Das ist nicht nur günstiger als die aufwendigen Prozesse in einer Bank, sondern auch schneller: In vielen Fällen sei das Geld innerhalb weniger Minuten nach dem Antrag auf dem Konto, wirbt Kabbage. Damit der Algorithmus richtig arbeiten kann, braucht er aber möglichst viele Informationen. Wer sich bei Kabbage um einen Kredit bewirbt, muss dem Unternehmen weitreichenden Zugriff auf seine Firmendaten geben, zum Beispiel einen Zugang zur verbreiteten Buchhaltungssoftware Intuit.

Und das nicht nur einmal, sondern über die gesamte Laufzeit des Kredits. Kabbage ruft jeden Tag frische Daten ab, der Algorithmus kann damit nahezu in Echtzeit überwachen, wie das Geschäft läuft. So lässt sich überprüfen, wie verlässlich die Entscheidungskriterien für die Kreditzusage waren, um daraus für spätere Anträge zu lernen. "Mit jedem neuen Kredit, den wir vergeben, wird das System besser", sagt Phillips. Laufzeit und Zinsen des aktuellen Kredits beeinflussen die fortlaufende Analyse nicht. Wie der Algorithmus genau arbeitet, will Kabbage nicht verraten. Aber natürlich seien Daten aus Social-Media-Portalen weniger wichtig als Umsatz- und Verkaufszahlen, sagt Kevin Phillips.

Auf eine ähnliche Technik setzt der Rivale OnDeck. Gegründet hat das Unternehmen der Software-Entwickler Noah Breslow 2007. Wer von OnDeck Finanzhilfe bekommen will, muss zunächst Daten zum Geldzufluss seiner Firma hochladen. Darüber hinaus prüft das System Berichte über Gerichtsverfahren, erstellt Branchenanalysen und wertet Rezensionen bei Google und Yelp aus – alles vollautomatisch. Günstig sind die Kredite allerdings nicht gerade. Bei OnDeck werden im Durchschnitt fast 43 Prozent Zinsen im Jahr fällig, zeigt der aktuelle Quartalsbericht. Und das ist schon wenig im Vergleich zu den Konditionen, die noch vor zwei Jahren galten: Damals lagen die Zinsen bei über 60 Prozent. Kabbage wirbt zwar mit einem Zins von 18 Prozent, das dürfte jedoch eher die Untergrenze sein.

Das klingt nach Wucher, doch viele Kleinunternehmen haben keine Alternativen. Bei Banken bekommen sie in der Regel gar kein Geld, andere Kurzfristkredite sind oft noch teurer und umständlicher. Und es gibt durchaus Gründe für die hohen Zinsen. "Viele Kleinunternehmen kriegen bei Banken zu Recht keine Kredite, weil ihre Geschäftsideen einfach nicht gut sind", sagt Finanzexperte Schneider von der Uni Mannheim. Weniger als die Hälfte der neu gegründeten Unternehmen überleben die ersten fünf Jahre, belegen Daten des Statistischen Bundesamtes. Das hohe Ausfallrisiko lassen sich die Kreditplattformen bezahlen. Sowohl Kabbage als auch OnDeck behaupten aber, dass die Zinsen künftig sinken, weil die Algorithmen immer besser lernen, Ausfallrisiken abzuschätzen.

Die hohen Zinsen haben allerdings noch einen zweiten Grund: Die Anbieter besitzen keine Banklizenz und kommen daher nicht an günstiges Zentralbankgeld. Um möglichst viele Kredite vergeben zu können, brauchen sie immer wieder frisches Geld von Investoren, denen sie lukrative Renditen versprechen müssen. OnDeck stand 2009 plötzlich kurz vor der Pleite, als der wichtigste Geldgeber, ein Hedgefonds, überraschend ausstieg.

Kabbage hat einige prominente Start-up-Investoren an Bord wie die Silicon Valley Bank und die Investmentfirma Guggenheim Partners. Doch die wollen, wie immer bei Tech-Start-ups, vor allem eines sehen: Skalierbarkeit. Das ist mit dem jetzigen Geschäftsmodell nur schwer zu schaffen. Denn je mehr Kreditkunden Kabbage zulässt, desto größer ist die Zahl der Ausfälle, was wiederum neue Investoren abschreckt.

Um dennoch zu expandieren, suchen die Start-ups nun mächtige Partner. Bisher bietet Kabbage lediglich in den USA und Großbritannien Kredite an. Um seine Geschäfte in Europa auszuweiten, will das Unternehmen seine Technologie zunächst an Banken lizenzieren. Im Oktober vergangenen Jahres schloss es eine Kooperation mit der niederländischen Bank ING, die das Kabbage-System zuerst bei Krediten in Spanien testen will. OnDeck sucht sich ebenfalls Partner: Anfang Dezember 2015 gab das Unternehmen eine Kooperation mit der US-amerikanischen Großbank JPMorgan Chase bekannt. Mithilfe der OnDeck-Technologie will das Finanzinstitut schnelle und unkomplizierte Kredite für kleine Unternehmen anbieten.

Finanzexperte Schneider glaubt, dass auch weitere Geldinstitute Interesse an den Algorithmen der Kreditplattformen haben könnten. "Banken besitzen bereits eine Menge Daten über Unternehmen und Kreditverläufe, die einen derartigen Algorithmus noch besser machen würden", sagt er.

Vieles spricht daher dafür, dass die neuen Kreditplattformen in Zukunft eher mit Banken zusammenarbeiten werden als sie frontal anzugreifen. Für Kleinunternehmen, die günstige Kredite brauchen, wäre das gut. "Durch die neue Technologie kann da tatsächlich ein neuer Markt entstehen, den es vorher so nicht gab", sagt Schneider. (bsc)