Kretschmann: "Verbrenner-Autos auch in zehn Jahren noch populär"

Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Kretschmann zweifelt daran, dass sich E-Autos schnell durchsetzen werden und sieht deren Ökobilanz kritisch.

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Kretschman nimmt an, dass auch im Jahr 2030 Verbrenner und Hybride einen hohen Anteil haben werden. Im Bild: Kia e-Soul aus unserem Praxistest

Von
  • Martin Franz

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hält einen schnellen Erfolg des Elektroautos in Deutschland für unwahrscheinlich. "Trotz der ganzen Transformation werden wir auch 2030 noch einen hohen Anteil an Verbrennern und Hybridfahrzeugen haben", sagte Kretschmann der Wirtschaftswoche. Das Fortführen dieser Produktionslinien sichere auch das Überleben der Zulieferindustrie. "Die Deckungsbeiträge beim Verbrenner sind eben ganz anders als beim Elektrofahrzeug", sagte der Grünen-Politiker.

Kretschmann sieht auch strategische Gründe, an Verbrennungsmotoren und Hybridfahrzeugen festzuhalten. "So lange wir bei den Batterien noch von Asien abhängen, ist es industriepolitisch gesehen nicht ratsam, nur auf einem Bein zu stehen." Unter dieser Abhängigkeit leiden derzeit viele Autohersteller, doch erste Schritte, dies zu ändern, sind auf dem Weg. So will unter anderem Volkswagen zusammen mit Northvolt das Werk in Salzgitter umrüsten und dort im großen Stil in die Zell-Fertigung einsteigen.

Der Regierungschef verwies überdies auf die seiner Ansicht kritische Ökobilanz reiner Elektrofahrzeuge. "Die Elektrifizierung des Verkehrs macht nur Sinn, wenn der Strom aus erneuerbaren Energiequellen kommt." Davon sei man aber noch weit entfernt. Diese Überlegung übersieht freilich, dass ein E-Auto mit durchschnittlichem Stromverbrauch schon mit der Nutzung des aktuellen Strommixes dem Verbrenner deutlich überlegen ist – perspektivisch wird der Unterschied durch einen steigenden Anteil von erneuerbaren Energien im Stromnetz noch größer.

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Hinzu kommt bei der Beurteilung von Antrieben oftmals mindestens eine Schieflage, auf der auch Kretschmann offenbar ausgerutscht ist: Bei der CO2-Aufschlüsselung eines Verbrenners wird die Kette vor der Befüllung des Tanks fast immer komplett ausgeblendet. Förderung, Transport von Öl und der Vorgang in der Raffinerie werden in der Bilanzierung nur selten berücksichtigt. Beim E-Auto wird die Stromerzeugung dagegen durch den Strommix sichtbar.

Auch beim Wirkungsgrad bleiben einige Dinge oftmals im Hintergrund. Es stimmt, die besten Verbrennungsmotoren erreichen einen Wirkungsgrad von bis zu 40 Prozent – allerdings nur unter idealen Bedingungen: Alle Flüssigkeiten müssen auf Betriebstemperatur sein, die Last in einem gewissen Fenster. Viele Fahrten im Alltag enden nach ein paar wenigen Kilometern aber schon wieder, der reale Wirkungsgrad eines Verbrennungsmotors liegt also geradezu dramatisch unter den bestenfalls erreichbaren 40 Prozent.

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In einem E-Auto kann sich die Klimatisierung kurzzeitig durchaus zwei kW genehmigen, doch der Wirkungsgrad insgesamt liegt gerade auf kurzen Strecken eklatant über dem eines Verbrenners.

Dass die Elektrifizierung des Verkehrs "nur Sinn mache, wenn der Strom aus erneuerbaren Energiequellen kommt, gelte erst recht, wenn künftig auch Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe breiter eingesetzt werden", so Kretschmann weiter. "Denn die brauchen ja noch mehr Energie in der Herstellung." Und machen dem batterieelektrischen Auto anschließend in der Effizienz keine Konkurrenz, möchte man noch hinzufügen. Sie haben erst dann eine Chance, wenn Strom komplett aus erneuerbaren Quellen kommt und die Energieeffizienz eine untergeordnete Rolle spielt.

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Der Grünen-Politiker versicherte, dass seine Parteifreunde kein Problem mit dem Auto und der Fahrzeugindustrie haben. "Auch Grüne fahren Auto", sagte er. Es komme allerdings auf dessen Emissionen an. "Ein Auto, das keine Schadstoffe mehr emittiert, ist nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung." Da ein tatsächlich umweltfreundliches Auto noch nicht erfunden ist, müssen wir darauf wohl noch etwas warten.

(mfz)