Kryptowährungen: Wer hält sich an seinen Coins fest?

Wenn der Wert einer Währung davon abhängt, ob die Menschen an sie glauben, könnte so mancher Coin in Zukunft Schwierigkeiten bekommen, meinen Experten.

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(Bild: Velishchuk Yevhen / Shutterstock.com)

Von
  • Rebecca Zacks
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DeFi ist und war in aller Munde. Das dezentrale Finanzwesen, "decentralized finance", ein Sammelbegriff für allerlei Kryptowährungen und Blockchain-Projekte, die stets mit dem Austausch virtueller Werte zu tun haben, soll die bösen Banken entmachten – und ein System schaffen, das widerstandsfähiger gegenüber globalen Krisen, wirtschaftlichen Verwerfungen und Kriegen ist, die traditionelle Märkte erschüttern. Das Problem: Dem scheint mit Blick auf die aktuelle Kursentwicklung eher nicht so zu sein.

Denn in unserem derzeitigen prekären Finanzklima, in dem die traditionellen Märkte dramatisch abrutschen und selbst große Tech-Aktien abstürzen, hat sich die Theorie der DeFi-Widerstandsfähigkeit praktisch in Luft aufgelöst.

So hat Bitcoin, die Kryptowährung aller Kryptowährungen, in den letzten Wochen einen Sturzflug hingelegt, während Ethereum und andere bekannte Coins ebenfalls nachgegeben haben. Während die Aktien von angeblich altertümlichen "Web2"-Technologieunternehmen wie Amazon und Netflix fallen, sahen Coinbase, eine der drei größten Krypto-Börsenplattformen oder das App-Handelshaus Robinhood, das den Krypto-Handel unterstützt, ihre Aktien ebenfalls abschmieren. Sogar das beliebte Proof-of-Stake-Netzwerk Solana musste einen Wertverlust von etwa 80 Prozent gegenüber seinem Allzeithoch im November hinnehmen.

Der größte Absturz kam aber beim algorithmischen Stablecoin TerraUSD (UST). Ein Einsatz von 100 Dollar in UST am vorvergangenen Montag war am darauffolgenden Sonntagmorgen nur noch 18 Dollar wert; der gleiche Betrag im Schwester-Token Luna ist jetzt nur noch ein paar Cent wert.

Stablecoins sind, wie der Name schon sagt, als Fels in der Brandung des Krypto-Ökosystems konzipiert und fest an reale Vermögenswerte wie den Dollar gekoppelt. Börsen verwenden Stablecoins, um die Volatilität anderer Kryptowährungen auszugleichen – und Krypto-Investoren bevorzugen sie als sicherere Anlagemöglichkeit für ihr Geld. Sie haben ihre Funktion bisher recht gut erfüllt, obwohl Fragen zum Verbraucherschutz oder zu ihrem Potenzial für illegale Aktivitäten die Aufmerksamkeit der Regulierungsbehörden auf sich gezogen haben.

Algorithmische Stablecoins sind jedoch eben nicht von Echtgeld gedeckt. Das sah man an UST. Im Prinzip sind sie ein DeFi-Experiment, das nicht an Fiatgeld gekoppelt ist und keine Sicherheiten zur Stabilisierung ihres Wertes enthält. Stattdessen werden sie in der Regel durch einen zweiten Token in einer "Push-me-pull-you"-Gleichung gestützt. Terra zum Beispiel gleicht Schwankungen im Wert des Stablecoins aus, indem es das Angebot an Luna-Token durch Anreize erhöht oder verringert. Investoren können von diesen Tauschvorgängen profitieren, wodurch sie – theoretisch – Token in den Mengen handeln, die der Algorithmus vorhersagt. Aber vieles davon scheint magisches Denken zu sein.

Schon lange vor dem UST-Crash wurde allgemein davon ausgegangen, dass algorithmische Stablecoins weit weniger stabil sind als reguläre Stablecoins. Sogar Sam Bankman-Fried, CEO der Kryptobörse FTX und bekannter "Krypto-Milliardär", argumentierte auf Twitter, dass die beiden Arten von Stablecoins sowohl aus funktionaler als auch aus Risikoperspektive so unterschiedlich sind, dass "wir eigentlich nicht das gleiche Wort verwenden sollten".

Warum also algorithmische Stablecoins überhaupt nutzen? Weil sie der heilige Gral der DeFi sein sollten: eine stabile Werteinheit, die sich selbständig und elegant reguliert. Sie sprechen Bitcoin-Puristen an, weil algorithmische Stablecoins darauf abzielen, das zu vermeiden, worauf reguläre Stablecoins wie Tether und USDC angewiesen sind, um zu funktionieren: eine Verbindung zur realen Welt und zu traditionellen Märkten. Sie funktionieren allein auf der Grundlage von Code – abgesehen natürlich von den menschlichen Händlern, von denen das System annimmt, dass sie auf vorhersehbare Weise handeln. Wenn die algorithmischen Stablecoins die versprochene Leistung erbringen, könnten sie zeigen, dass Krypto-Code die Zukunft des Finanzwesens ist, und dieser Weltanschauung neue Glaubwürdigkeit verleihen.

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Eine Zeit lang sah es so aus, als könnte das Experiment von Terra funktionieren. Im Februar schloss die Firma hinter dem Coin einen millionenschweren Sponsoringvertrag mit den Baseball-Team Washington Nationals ab. Vor etwas mehr als zwei Monaten, im März, wurde die Blockchain – zu diesem Zeitpunkt die siebtwertvollste der Welt – zum zweithäufigst genutzten Netzwerk hinter Bitcoin und verdrängte Ethereum. Doch am Montag, den 9. Mai, geriet alles aus den Fugen. Offenbar hat jemand entgegen den Vorhersagen des Algorithmus dafür gesorgt, dass der Wert von UST zu sinken begann. Dann stürzte die Münze weit unter den Wert von einem US-Dollar ab, den sie eigentlich halten sollte, angeheizt durch einen sehr menschlichen "Bank Run".