Kuba als neue Internet-Nation?

Die USA wollen das Verhältnis zum Nachbarn Kuba normalisieren und unter anderem seine Belieferung mit Telecom-Technik erlauben. Noch aber ist unklar, ob die Regierung des Inselstaats solche Investitionen – und ihre freie Nutzung – zulässt.

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  • David Talbot

Die USA wollen das Verhältnis zum Nachbarn Kuba normalisieren und unter anderem seine Belieferung mit Telecom-Technik erlauben. Noch aber ist unklar, ob die Regierung des Inselstaats solche Investitionen – und ihre freie Nutzung – zulässt.

Die beschlossene Normalisierung des Verhältnisses zu den USA könnte den Kubanern drastisch verbesserte Kommunikationsmöglichkeiten bringen, denn sie würde lokalen Unternehmen erlauben, Telecom-Infrastruktur und -kompetenz zu importieren. Bis billiger, offener Internetzugang auf der Insel Realität werden kann, müssen jedoch noch einige wirtschaftliche und politische Hürden überwunden werden.

Das Weiße Haus will Handelsbeschränkungen aufheben, die den Verkauf von Telecom-Ausrüstung und anderer Technik nach Kuba verbieten. Wie das Regime von Raúl Castro, das den Internetzugang bislang strikt kontrolliert, darauf reagieren wird, ist allerdings noch nicht klar.

„Bisher hat Castro außer den Gefangenenaustausch und der Erlaubnis, eine US-Botschaft zu eröffnen, nichts fest zugesagt“, erklärt Coco Fusco, Visiting Professor im Fach Comparative Media Studies/Writing am MIT, die Kuba häufig besucht und die kubanische Blogosphäre erforscht hat. „Es wurden keine konkreten Versprechen gegeben. Wir müssen abwarten, was die Regierung tatsächlich erlaubt.“

Schon grundlegende Internetdienste könnten das Leben auf Kuba deutlich verändern. Derzeit kann außer an bestimmten Arbeitsplätzen nur die Elite des Landes problemlos online gehen. In den staatlich zugelassenen Cybercafés kostet das Aufrufen ausländischer Webseiten mindestens 5 Dollar pro Stunde – ein hoher Preis in einem Land mit einem monatlichen Durchschnittslohn von 20 Dollar. In manchen Fällen mussten Nutzer zudem unterschreiben, dass sie mit ihren Web-Aktivitäten nichts vorhaben, die „öffentliche Sicherheit“ zu beeinträchtigen.

Dies sind nicht die einzigen Beschränkungen. Wenn Kubaner mit Mobiltelefonen – die keinen Internetzugang haben – bei Twitter oder auf sozialen Medien schreiben wollen, müssen sie für rund 1 Dollar pro Nachricht eine internationale Telefonnummer anrufen, sagt Fusco. Und „die kubanische Regierung hat ein Monopol bei Telekommunikationsdiensten und kann absurde Tarife für internationale und Mobilfunkgespräche verlangen“.

Die neue US-Politik könnte indirekte technische Hilfe bieten, indem sie es Kubanern leichter macht, sich Produkte wie Mobiltelefone zu leisten. Das Weiße Haus möchte die Nutzung amerikanischer Kreditkarten in Kuba und mehr Tourismus in das Land ermöglichen und Beschränkungen für das Verschicken von Geld aus den USA nach Kuba lockern. All das könnte mehr Geld in den Taschen kubanischer Bürger bedeuten.

„Beliebte Produkte wie Computer, Mobiltelefone und USB-Speichersticks sind in Kuba nicht leicht zu finden, und die Leute wollen sie“, sagt Ellery Roberts Biddle, Redakteurin bei Global Voices Advocacy, die den politischen Umgang mit dem Internet auf Kuba untersucht. Mehr Geld wäre enorm hilfreich, sagt sie: Heute verbreiten Kubaner Informationen, indem sie Speichermedien weitergeben und sie in irgendeinen alten PC stecken, den sie auftreiben können.

Kubas elektronische Isolation zeigt sich auch an seiner Glasfaseranbindung. An der Küste der nahe gelegenen Dominikanischen Republik landen gleich fünf Glasfaserkabel. Kuba dagegen hat nur eines, finanziert von Venezuela.

Ob das Land bald die öffentliche Infrastruktur ausbaut und mehr Investitionen von Technologie- und Telecom-Unternehmen aus den USA und dem Rest der Welt zulässt, ist eine offene Frage. „Aber wenn es so kommt, wird spannend sein, zu sehen, ob sie bei den Investitionen in Glasfaser ein 'mobile first'-Modell anwenden“, sagt David Belson, Direktor für Branchen- und Dateninformationen beim Weboptimierungsanbieter Akamai. Auf jeden Fall würden solche Änderungen nicht nur eine Lockerung der kubanischen Vorgaben für Internetinhalte erfordern, sondern auch Wirtschaftswachstum, um die neue Infrastruktur zu finanzieren und den Bürger das für die Nutzung nötige Geld zu verschaffen.

Selbst wenn das kubanische Regime auf neue Kommunikationstechnologie setzt, könnte es weiter versuchen, das Internet zu kontrollieren – so gehen auch andere repressive Regierungen vor. Mehrere Staaten nutzen Technik aus den USA, um Inhalte zu filtern und die Bevölkerung auszuspionieren.

Die derzeitigen Beschränkungen für Kommunikationstechnologie sind als „interne Blockade“ zu verstehen, sagt Ted Henken, Professor am Baruch College in New York City und Autor eines Buches über Entrepreneure in Kuba. „Selbst wenn das externe Embargo aufgeweicht wird, kann das interne Embargo bleiben“, erklärt er.

(bsc)