Künstlich intelligenter Einzelhandel

Das Einkaufen in realen Geschäften ist aufgrund von Online-Shopping auf dem absteigenden Ast. Doch die Nutzung von Digital-Technologien könnte der Branche neuen Schub geben, wie in China zu beobachten ist.

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen
Von

Der chinesische Online-Händler Alibaba hat am Singles' Day am vergangenen Samstag einen Umsatz von atemberaubenden 25 Milliarden Dollar (rund 22 Milliarden Euro) verzeichnet und damit einen neuen Rekord aufgestellt. Außerdem hat das Unternehmen dabei unauffällig eine Technologie getestet, die dabei helfen könnte, den Einzelhandel mit Hilfe von künstlicher Intelligenz neu zu erfinden.

Im dritten Stock einer Mall im Zentrum von Shanghai probierte Xiaolan He, eine Frau Mitte 50, vergangene Woche in der Umkleidekabine eine grüne Daunenjacke an. Zu ihrer Überraschung fand sie dort einen Bildschirm in der Größe eines Plakats vor. Durch einen kleinen Sensor in dem Kleidungsstück wurde es von dem System erkannt, das dann mehrere Optionen für dazu passende Artikel anzeigte; He konnte sie durchblättern wie ein Fotoalbum. Der Bildschirm und das System dahinter bilden ein Angebot namens FashionAI – so etwas wie ein persönlicher Stilberater.

Die erste Welle von Kunden konnten FashionAI am Singles' Day nutzen, einem Einkaufsfest, das 2009 von Alibaba erstmal veranstaltet wurde und seitdem jedes Jahr am 11. November stattfindet.

Mehr Infos

He entschied sich für eine schwarze Hose und wählte ihre Größe aus. Mit einem großen, orangefarbenen Knopf in der unteren rechten Ecke des Bildschirms konnte sie einen Verkäufer rufen, der ihr die Hose brachte. Am Ende kaufte sie weder Jacke noch Hose, doch sie war beeindruckt, dass ein Computer ihr professionelle Stil-Empfehlungen gegeben hatte. "Manchmal gehe ich in einen Laden, ohne zu wissen, was für ein Kleidungsstück ich will", erzählt He, "auf diese Weise kann ich effizienter entscheiden."

FashionAI wurde von einem kleinen Einzelhandel-Forschungsteam bei Alibaba entwickelt. Das System zeigt, wie neue Technologie und vor allem künstliche Intelligenz bedeutende Branchen entscheidend verändern kann.

Bei FashionAI kommt eine verbreitete und mächtige Art des Maschinenlernens zum Einsatz, genannt Deep Learning. Schon heute kennt das System dadurch hunderte Millionen von Kleidungsstücken sowie die Geschmäcker von Designern und Mode-Fans auf den Shopping-Sites von Alibaba. Außerdem wird die Technologie für jedes einzelne Geschäft individualisiert: Das lernende System erstellt auf der Grundlage der dort verfügbaren Artikel Dutzende von aufeinander abgestimmten Outfits.

Derzeit ist es als kostenloses Angebot in 13 Läden in ganz China installiert. Wenn es sich weiter verbreitet, könnte es den Einzelhandel drastisch verändern. Denn in einer Zeit, in der Offline-Einkaufen in China wie in den USA auf dem absteigenden Ast ist, schafft es für Verbraucher neue Anreize, in der echten Welt einkaufen zu gehen.

Laut seinem CEO Daniel Zhang geht Alibaba auf Ganze, "um die Welt des Offline-Einzelhandels zu digitalisieren". Während des Singles' Day konnten manche Besucher von ausgewählten Restaurants und Geschäften in China mit der Alibaba-App ein Spiel ähnlich wie Pokémon Go spielen und dabei Rabatt-Gutscheine gewinnen.

"Im Zeitalter des mobilen Internet ist das Zusammenwachsen von online und offline ein klarer Trend", sagt Jianzhen Peng, Generalsekretär der China Chain Store and Franchise Association. "Verbraucher unterscheiden nicht zwischen online und offline, solange ihre Bedürfnisse erfüllt werden."

Mit JD.com will ein weiterer E-Commerce-Riese aus China ein Lebensmittelgeschäft namens 7Fresh in der realen Welt eröffnen. Es soll mit schnellen Lieferungen wie bei Online-Bestellungen überzeugen.

In einem Bericht legte das chinesische Handelsministerium in diesem September einen detaillierten Plan für die Modernisierung des Einzelhandels mit Technologien wie KI und Cloud-Computing vor. Die Beamten erwähnten die Steuerzahlungen von Alibaba in Höhe von 100 Millionen Yuan pro Tag (etwa 14 Millionen Euro) im Jahr 2016 und äußerten sich positiv über die Nutzung von neuen Technologien für E-Commerce, um das Wirtschaftswachstum zu unterstützen und neue Jobs zu schaffen.

Laut Menglei Jia, der das FashionAI-Projekt bei Alibaba leitet, kann das Deep-Learning-System auch für andere Aspekte im Einzelhandel genutzt werden. In naher Zukunft will das Unternehmen eine ähnliche App für seine Shopping-Sites herausbringen. Sie soll fast unbegrenzte Vorschläge für Kombinationen machen, während in den Läden bislang nur passende Artikel derselben Marke vorgeschlagen werden.

Der chinesische Einzelhandel setzt auf technischen Fortschritt, und je mehr Daten KI-Programme dabei sammeln, desto effizienter dürfte die Branche werden. Für den nächsten Singles' Day darf man also getrost wieder neue Rekorde erwarten.

(sma)