Künstliche Intelligenz für den Arzt

Eine Software untersuchte Aufnahmen nach Brustkrebs bereits verlässlicher als Ärzte. Anhand von telemedizinischen Gesundheitsdaten könnten Computer weiterlernen, um künftig dem Mediziner eine Entscheidungshilfe zu geben.

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Ist der Computer der bessere Doktor? Mit dieser Frage kann man Ärzte recht verlässlich griesgrämig machen. Sie finden schon den Vergleich recht erbärmlich und halten sich auch in Anbetracht des komplexen Studiums jeder Software für überlegen. Dabei spielen Computer perfekt Schach und E-Sports. Werden sie nur richtig trainiert, erreichen sie ein Niveau künstlicher Intelligenz, mit der sie den Arzt bei einigen Aufgaben ersetzen und sogar besser sein können, glaubt der Informatiker Daniel Sonntag vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz. Er ist sich sicher: Künftig helfen Entscheidungsunterstützungssysteme den Medizinern auf die Sprünge.

"Im Grunde ist jede Diagnose nur ein Dateninterpretationsproblem", übersetzt Sonntag das Metier der Ärzte in die Sprache der Informatik. Auf der Konferenz "Innovators Summit Digital Health" am 30. November 2016 in Berlin gibt er ein Beispiel: Das Auffinden von Brustkrebs. Der Arzt zählt die mutierten Zellen in der Gewebeprobe unter dem Mikroskop manuell aus. Eine Sisyphusarbeit sondergleichen, die ein Computer seit 2013 besser beherrscht. Eine Forschergruppe um den Informatiker Dan Ciresan vom Institut für Künstliche Intelligenz in Manno-Lugano hatte ein Auswerteprogramm mit 40.000 Krebsaufnahmen trainiert. Nach diesem Training übertraf es die Mediziner. "Das Problem ist, dass solche Datenmengen auf absehbare Zeit nicht verfügbar sind", benennt Sonntag jedoch ein wichtiges Hemmnis.

Daten zum Training des digitalen Arztes entstehen an anderer Stelle, zuvorderst bei telemedizinischen Gesundheitsdiensten wie dem Marktführer HealthTap oder den Konkurrenten Babylon und der TeleClinic. Die Onlinearztportale bieten Patienten Rat via Internetchat oder Videotelefonie. Hat das Kind Geschirrspülmittel verschluckt, helfen sie weiter. Genauso, wenn sich ein Urlauber im Ausland beim Wandern den Knöchel gebrochen hat und nicht weiß, ob er sich vor Ort operieren lassen soll. Alle Anbieter arbeiten mit Ärzteteams zusammen, die medizinisch beraten, ohne eine Diagnose zu stellen. Denn das ist per Gesetz ebenso wenig erlaubt, wie ein Rezept auszustellen.

"Babylon arbeitet daran, die Antworten zu automatisieren. Wenn einige Tausend Patienten mit einem bestimmten Symptom etwa mit Kopfschmerzen erfasst und die Dialoge ausgewertet wurden, ist das mit künstlicher Intelligenz möglich", sagt Sonntag und glaubt: "Dann merkt der Anrufer gar nicht mehr, ob er mit einem echten Arzt oder einem Computer kommuniziert." Man darf Zweifel haben. Aber auch, ob der Mensch immer die bessere Wahl ist. Schließlich gibt es auch schludrige Ärzte, die Fehldiagnosen stellen. Jedenfalls rechnen Analysten mit einem Wachstum der telemedizinischen Dienste von derzeit zwei Millionen Anwendungen auf sieben Millionen im Jahr 2018.

Softwaresysteme mit künstlicher Intelligenz können aber mehr, als nur den Arzt mimen. In einem Projekt mit einer Tagesklinik der Charité entwickelt Sonntag einen Roboter, der mit einer Datenbrille verknüpft ist und Demenzpatienten gegen das Vergessen helfen soll. "Er kompensiert den Gedächtnisverlust zu einem Teil durch ein ausgelagertes Gedächtnis", sagt Sonntag.

Ein Video zeigt einen dementen Herrn mit einem R2-D2-ähnlichen Gesellen neben sich, der ihn an die Tabletten erinnert und ihm aus der Patsche hilft, als er sich an den neuen Freund seiner Tochter nicht erinnert. Eine von Hand geschriebene SMS sendet der Roboter für seinen Besitzer ab. Kritiker fürchten, dass das Gehirn noch rascher abbaut, weil sich die Kranken auf den intelligenten Begleiter verlassen. Sonntag glaubt indes, dass der Helfer eine Gedächtnisstütze ist, wenngleich er einräumt, dass Tests dafür fehlen.

(jle)