Kulturwandel mobiles Arbeiten

Immer mehr Konzerne erlauben ihren Angestellten, sich ihren Arbeitsort auszusuchen. Aus Sicht von Experten überwiegen die Vorteile, sie warnen aber vor Risiken.

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(Bild: Albert Hulm)

Von
  • Christian Wölbert

Ein Großteil der Angestellten im Homeoffice – das war 2020 für die meisten Unternehmen eine neue Erfahrung. Corona zwang sie dazu, und nun tasten sie sich an neue Regeln und Gewohnheiten heran. Dürfen sich alle künftig aussuchen, wo sie arbeiten? Oder sollte man nach der Pandemie zurück zur Präsenzkultur?

Einige Unternehmen haben sich schon lange vor Corona mit diesen Fragen beschäftigt, und sich für ein hohes Maß an Flexibilität entschieden. Ein Beispiel ist Microsoft Deutschland: Schon seit 2014 gilt dort eine Betriebsvereinbarung zum "Vertrauensarbeitsort", die allen die Wahl lässt, ob sie im Büro, im Homeoffice oder an einem anderen Ort arbeiten. Diese Möglichkeiten hätten 90 Prozent der Angestellten auch schon vor Corona genutzt, erklärt Personalchefin Claudia Hartwich im Gespräch mit c’t.

Microsoft schreibt nicht einmal eine Mindestzahl an Bürotagen vor. "Solche Regeln passen nicht zu der Grundüberzeugung, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ganz nach ihren individuellen Bedürfnissen darüber entscheiden sollen, wann und wo sie arbeiten möchten", sagt Hartwich. Lediglich bei bestimmten "Gesprächsformaten", etwa Personalgesprächen, könne die persönliche Anwesenheit gewünscht sein. Und "je nach Abteilung und Position" könne es wichtig sein, bestimmte Standorte kurzfristig erreichen zu können.

"Mitarbeiter sollen nach ihren individuellen Bedürfnissen entscheiden, wann und wo sie arbeiten möchten", sagt Claudia Hartwich, Personalchefin von Microsoft Deutschland.

(Bild: Microsoft)

Ein Grund, warum Unternehmen Mobilarbeit erlauben, liegt auf der Hand: So locken und halten sie Menschen, die aus individuellen Gründen nicht jeden Tag ins Büro fahren wollen. Aus Hartwichs Sicht steigert die Flexibilität nicht nur die Zufriedenheit, sondern auch die Leistung: "Kreative Ideen, das Nachdenken über Innovationen und die Lösung von Problemen brauchen Freiheit und selbstbestimmte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter."

Oft spart es auch schlicht teure Arbeitszeit, wenn Angestellte nach einem Kundentermin unterwegs oder zu Hause weiterarbeiten, statt weitere Wege ins Büro zu fahren. Hinzu kommt die Chance, die Büros zu verkleinern und dadurch Miete und Betriebskosten zu senken.

Nun, nach den Pandemie-Erfahrungen, folgen viele Unternehmen dem Beispiel von Vorreitern wie Microsoft. Viele Vorgesetzte waren überrascht, wie die Prozesse weiterschnurrten, obwohl kaum jemand im Büro war.

In den vergangenen Monaten stellte ein Konzern nach dem anderen neue, gelockerte Regeln vor, zum Beispiel TUI, Allianz und Porsche. Der Autobauer erlaubt künftig zwölf Tage mobiles Arbeiten pro Monat. "Im Ferienhäusle in Oberbayern oder im Café, das ist uns letztlich egal", sagte Personalvorstand Andreas Haffner der Frankfurter Allgemeinen. Der IT-Branchenverband Bitkom schätzt, dass nach der Pandemie etwa 27 Prozent aller Beschäftigten auch außerhalb des Büros arbeiten werden, fast doppelt so viele wie zuvor.

Doch es gibt auch Gegenbeispiele. Netflix-Chef Reed Hastings sieht verteiltes Arbeiten "rein negativ". Goldman-Sachs-Chef David Solomon nannte Homeoffice im Februar einen "Irrweg".

Der Arbeitsforscher Oliver Stettes vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) äußert sich über mobiles Arbeiten hingegen positiv: Sowohl die Unternehmen als auch die Angestellten könnten davon profitieren, sagt er.

Doch der Experte sieht auch Risiken. Diverse Umfragen von Wirtschaftsforschern und Gewerkschaften haben gezeigt, dass Menschen, die viel im Homeoffice und unterwegs arbeiten, zwar insgesamt zufriedener sind, aber auch mehr Überstunden machen als ihre Kolleginnen und Kollegen im Büro. Außerdem fällt es ihnen schwerer, abends mental abzuschalten.

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"Mit der Freiheit kommt Verantwortung", sagt deshalb Stettes. Wer viel unterwegs und zu Hause arbeite, müsse auch darauf achten, rechtzeitig Feierabend zu machen. Das liege auch im Interesse der Arbeitgeber: "Diese müssen Sorge tragen, dass das Arbeitszeitgesetz eingehalten wird. Und sie haben nichts davon, wenn Mitarbeiter im Dauerstress sind und dann irgendwann krank ausfallen."

Auch Microsoft-Personalchefin Claudia Hartwich betont die Verantwortung der Vorgesetzten: "Trotz verteilter Teams und sozialer Distanz sollten Führungskräfte sich stärker um das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter kümmern." In diesem Punkt habe auch Microsoft im vergangenen Jahr dazugelernt.

c’t Ausgabe 17/2021

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(cwo)