Kunstfälschung: "Das Problem wird immer größer"

Das technische Repertoire, um Kunstfälschungen zu entlarven, wird beständig größer. Kunsthistoriker Hubertus Butin warnt, dass das nicht ausreicht.

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Kunstfälschung: "Das Problem wird immer größer"

Fälschungsentlarvung.

(Bild: James Hamm/Buffalo State College, The State University of New York)

Von
  • Wolfgang Stieler

Butin hat zahlreiche Aufsätze und Bücher zur zeitgenössischen Kunst und Kunsttheorie publiziert, Ausstellungen an internationalen Museen organisiert und arbeitet als Gutachter weltweit für Sammler, Kunsthändler, Auktionshäuser und Landeskriminalämter. Im März erschien sein neuestes Buch: „Kunstfälschung. Das betrügliche Objekt der Begierde“.

Man liest immer wieder, der Kunstbetrieb wolle betrogen werden. Stimmt das?

Hubertus Butin: Ich würde nicht sagen, dass diese Formulierung richtig ist. Kein Auktionshaus will sich nachsagen lassen, dass es ein gefälschtes Bild verkauft hat. Das ist ja rufschädigend. Ein Kunsthistoriker, der ein Buch über ein Bild geschrieben hat, das sich hinterher als Fälschung erweist, ruiniert seine Karriere. Und ein Sammler hat meist viel Geld ausgegeben – auch der will sich nicht täuschen lassen. Für Museen gilt das Gleiche. Fälschungen sind in vielerlei Hinsicht schädlich, und das Problem wird immer größer.

Wie kann das sein, wenn alle angeblich so großes Interesse daran haben, Fälschungen zu entdecken?

Es werden immer neue Fälschungen produziert und alte dem Markt nicht wirklich entzogen. Es ist ja nicht illegal, eine Fälschung zu besitzen. Sie dürfen sie nur nicht in den Markt bringen. Wenn Sie also mit einer Fälschung zu einem Auktionshaus gehen und behaupten, Sie wüssten nicht so genau, woher das Bild stammt und ob es wirklich echt ist, und das Haus ist daran interessiert, dann wird das Bild geprüft. Wenn die Fälschung auffliegt, bekommen Sie das Bild zurück – und gehen damit einfach zum nächsten Händler.

Die Polizei bleibt außen vor?

Sie wird nur manchmal eingeschaltet. Die kann das Bild aber nur dann einziehen, wenn man Ihnen nachweisen kann, dass Sie bewusst versucht haben zu betrügen oder sogar selber der Fälscher sind. Trotzdem kommt das Bild irgendwann wieder auf den Markt. Spätestens durch Ihre Erben, die nicht Bescheid wissen. Fälschungen unterliegen dem Prinzip der ewigen Wiederkehr. Die Gesamtmenge an Fälschungen nimmt also immer weiter zu.

Ist Kunstfälschung denn ein reines Luxusproblem, das nur extrem reiche Sammler betrifft, die Millionen für ein Bild bezahlen?

Nein, Fälschungen gibt es in allen Preiskategorien. Sie finden bei eBay auch schon Fälschungen für zehn Euro. Ich denke, die meisten Fälschungen gibt es im Bereich zwischen 2000 und 10000 Euro. Gerade im Bereich der Druckgrafik. Die Medien hingegen berichten vor allem über die spektakulären Fälle.

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Einerseits gibt es eine Menge wissenschaftlicher Methoden, um Fälschungen zu entlarven. Andererseits sagen Sie, Kunstfälschung sei ein wachsendes Problem. Hilft Wissenschaft also nicht?

Es gibt grundsätzlich drei Säulen, auf denen im Idealfall die Überprüfung eines Objektes auf seine Echtheit beruht. Das ist erstens die Stilkritik. Ich muss schauen, ob die Malweise und die Darstellung bei einem angeblichen Original den Gemälden beispielsweise von Rembrandt überhaupt entspricht, oder ob das ganz anders aussieht. Zweitens gibt es die sogenannte Provenienzrecherche. Ich muss überprüfen, so weit das möglich ist, woher das Bild kommt, welche Vorbesitzer das Bild gehabt hat und so weiter. Und das dritte ist die materialtechnische Untersuchung, die im Grunde genommen bereits anfängt, wenn ich eine Lupe aus der Tasche nehme und das Werk damit betrachte.

TR 9/2020

Trotzdem kommen Fälscher immer noch mit ihren Betrügereien durch. Warum?

Es gibt immer wieder Fälle, wo man die Echtheit nicht allein mit einer Stilkritik und Provenienzrecherche klären kann. Es gibt mittlerweile sogar berühmt gewordene Beispiele von Kunsthistorikern, die auf Fälscher hereingefallen sind. Werner Spies zum Beispiel gilt als Experte für Max Ernst und Picasso. Er ist aber vor einigen Jahren auf sieben Fälschungen von Wolfgang Beltracchi hereingefallen, die er ausschließlich aufgrund seiner Stilanalyse zu Originalen erklärt hat. Auch die Materialanalyse kann jedoch an Grenzen stoßen.

Nehmen wir als Beispiel eine Zeichnung von Rembrandt. Die sind typischerweise mit brauner Eisengallustinte oder Biestertusche auf Papier gefertigt. Sie können mit einer Röntgenfluoreszenzanalyse zerstörungsfrei bestimmen, wie die Zeichenmaterialien zusammengesetzt sind. Aber wenn die Zeichnung von einem Schüler Rembrandts stammt, kommen Sie auch mit einer materialtechnischen Analyse nicht weiter – weil die verwendete Tinte oder Tusche ja aus der richtigen Zeit stammt.

Das Wissen einzelner Experten reicht also längst nicht mehr aus?

Kein Kunsthistoriker kann mehr ex cathedra erklären, er sehe auf einen Blick Kraft seiner Expertise, dass ein Bild echt sei. Diese Ära eines bestimmten kunsthistorischen Selbstbewusstseins ist zu Ende gegangen. Man kann nicht mit Sicherheit sagen, dass ein Bild echt ist, wenn man es nicht näher untersucht, die Rückseite ansieht, die Provenienz erforscht und vielleicht auch das Werk materialtechnisch untersucht.

(bsc)