Lieferdrohne wird aus 800 Kilometer Entfernung gesteuert

In Helsinki hat eine Drohne einen Defibrillator ausgeliefert, während ihr Pilot in Schweden saß.

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(Bild: Everdrone AB)

Von
  • Gregor Honsel

Von Göteborg aus hat das schwedische Start-up Everdrone eine Drohne in Helsinki gesteuert – über eine Landesgrenze und 800 Kilometer Entfernung hinweg. In Helsinki hat die Drohne in mehreren, rund 1,6 Kilometer langen Testflügen jeweils in gut fünf Minuten einen Defibrillator zugestellt. Das Ganze war Teil des Forschungsprojekts "Carbon neutral drone service solutions in Southern Finland" mit dem Partner "Forum Virium Helsinki".

Die Verbindung zwischen Pilot und Drohne fand über eine normale LTE-Mobilfunkverbindung statt. Latenz sei dabei kein Problem gewesen, sagte Daniel Blecher, Ground Operations Manager bei Everdrone, gegenüber MIT Technology Review. Die Aufgabe des Piloten habe vor allem darin bestanden, mit der Luftaufsicht und den Partnern vor Ort zu kommunizieren. Ansonsten brauche er nur noch das Ziel in einer Karte zu markieren und auf einen Knopf zu drücken. Die Drohne plant dann selbstständig ihren Weg dorthin – unter anderem in Hinblick darauf, den Überflug von Menschenansammlungen zu vermeiden. Erst am Ziel müsse der Pilot wieder aktiv werden, um über die eingebauten Kameras zu checken, ob der Landeplatz frei ist. Zur Not könne er auch jederzeit manuell eingreifen.

Am Ziel seilt die Drohne ihre Ladung dann aus 30 Metern Höhe mit einer Winde ab. "Das ist sicherer", sagt Blecher. Denn ab dieser Höhe verhindere das eingebaute Fallschirmsystem, dass die Drohne etwa bei einem Motorausfall hart aufschlägt.

(Quelle: Everdrone)

Die zentrale Herausforderung bei der grenzüberschreitenden Drohnensteuerung seien vor allem administrativer Art gewesen, so Blecher. Doch dank EU-einheitlicher Regeln habe sich auch dieses Problem in Grenzen gehalten. "Wir sind stolz darauf, eines der wenigen Unternehmen der Welt zu sein, das von einer nationalen Luftverkehrsbehörde eine Genehmigung für Drohnenflüge außerhalb des Sichtbereichs erhalten hat", heißt es auf der Everdrone-Homepage.

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In vier schwedischen Städten betreibt Everdrone bereits seit April Pilotprojekte für die Zustellung von Defibrillatoren bei einem Notfall. In ein paar Wochen werde ein fünfter Ort hinzukommen, so Blecher. Insgesamt seien sieben Drohnen im Einsatz, die mehrmals wöchentlich ausrücken. Es gebe zwar jede Menge Ideen, was sich mit Drohnen sonst noch alles transportieren ließe, doch vorerst wolle man sich auf Defibrillatoren konzentrieren. Blecher: "Das ist am wichtigsten und dringendsten." Laut Everdrone sterben allein in Finnland jährlich 5.000 bis 10.000 Menschen an einem Kreislaufstillstand außerhalb eines Krankenhauses. Die Überlebenschance sinke mit jeder Minute um zehn Prozent. Entsprechend wichtig sei es, möglichst schnell einen Defibrillator vor Ort zu bringen.

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Doch wozu ist eine Steuerung aus 800 Kilometer Entfernung eigentlich gut, wenn man vor Ort ohnehin Menschen braucht, die Drohnen beladen oder Akkus wechseln müssen? "Wir brauchten erfahrene Piloten, deshalb war es am einfachsten, das von Schweden aus zu machen", sagte Blecher. Das Geschäftsmodell sehe vor, die Drohnenflotte von einer Zentrale aus mit spezialisierten Pilotinnen und Piloten zu steuern, die mit Partnern vor Ort zusammenarbeiten.

Als nächsten Schritt will Everdrone seine Drohnen auch für Nachtflüge tauglich machen – also mit entsprechenden Positionslichtern und LED-Scheinwerfern ausstatten.

(grh)