Linux wird 30: Erfolgsfaktoren damals und heute

Seinen großen Erfolg hat Linux vor allem den vielen Helfern zu verdanken. Die lockt es mit Tricks an, die nach dreißig Jahren besser denn je funktionieren.

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Happy Birthdday, Linux! Am 17. September 1991 erschien die allererste Version des Kernels.

(Bild: wideonet / Shutterstock.com (bearbeitet von heise online))

Von
  • Thorsten Leemhuis
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Herzlichen Glückwunsch zum 30sten, Linux! Am Freitag vor dreißig Jahren hast du das Licht der Welt erblickt, nachdem Linus Torvalds dein Erscheinen zuvor schon am 25. August in Aussicht gestellt hatte. Einige Ecken und Kanten aus deiner Frühzeit hast du dir bis heute bewahrt. Mach dir nichts daraus, wenn sie dir jemand vorhält: Kritiker erkennen oft nicht, dass einige von ihnen der Grund für deinen Siegeszug sind. Zum Jahrestag bietet es sich daher an, einige deiner charakteristischen Eigenschaften näher zu betrachten.

Der Hauptfaktor für den Erfolg des Linux genannten Betriebssystemkerns sind eindeutig die vielen Helferinnen und Helfer. Indem sie Linux für ihre jeweiligen Einsatzzwecke immer wieder ein klein wenig verbessert haben und kontinuierlich weiterverbessern, konnte es nach und nach Konkurrenten ausstechen und letztlich so gut werden, dass selbst Microsoft den Kernel von Torvalds für einige Dinge nutzt.

Die ersten Mitstreiter lockte der damals erst 22-jährige Linus Torvalds schnell an, nachdem er Linux 0.0.1 am 17. September 1991 veröffentlicht hatte. Der rege Zulauf lag vor allem am fruchtbaren Boden, auf den Linux fiel: Abgesehen vom bewusst beschränkten Lehrsystem Minix gab es nichts Vergleichbares für Intels 386er-Prozessoren, die sich damals breit machten.

Wie vor 30 Jahren gelingt es Linus Torvalds noch heute, viele helfende Menschen anzulocken.

Torvalds hätte Linux nicht einmal begonnen, wenn es den FreeBSD- und NetBSD-Vorläufer 386BSD schon gegeben hätte. Der erschien jedoch erst im Frühjahr 1992 – ungefähr ein Jahr also, nachdem Torvalds mit Linux angefangen hatte.

Die Software-Welt von heute hätte daher leicht ganz anders aussehen können. Die Frage ist allerdings, ob ein von BSD abgeleiteter Kernel tatsächlich den durchschlagenden Erfolg von Linux gehabt hätte. Denn während BSD-Ableger meist eine liberale Lizenz nutzen, wählte Torvalds eine, die beim Weitervertrieb zur Herausgabe aller Modifikationen verlangt.

Torvalds beging allerdings einen Fehltritt, als er Lizenzbedingungen für die erste Version formulierte. Sie waren zwar knapp, enthielten aber dennoch etwas, das ihnen den Stempel "Open Source Software" verwehrt hätte.

Konkret handelte es sich dabei um eine Klausel, die untersagte, Gebühren für den Weitervertrieb des Codes zu nehmen, wie es einige Dienstleiter damals taten. So eine Einschränkung widerspricht allerdings den Grundbedingungen der Definition von "Open Source", wobei die erst Jahre später im Fahrwasser des Linux-Erfolgs entstand.

Eine Klausel in den anfänglich von Linux genutzten Lizenzbedingungen widerspricht den Open-Source-Grundgedanken.

(Bild: Screenshot)

Software, die so eine Hürde reißt, findet heute schwer helfende Menschen; insbesondere das kommerzielle Umfeld hält sich dann zurück. Damals schreckte der Fehltritt weniger. Dennoch rieten schon bald die ersten Mitstreiter zum Wechsel auf eine ausgeklügeltere Lizenz – nämlich auf Version 2 der GNU Public License (GPL).

Die Szene um freie unixoide Betriebssysteme kannte die GPLv2 bereits von den vielen Werkzeugen des GNU-Projekts, die nötig waren, um mit dem Linux-Kernel ein Betriebssystem zu bauen – und die heute noch wichtig sind, auch wenn ihre Bedeutung schwindet. Torvalds stimmte mit der Idee überein. Bei Linux 0.12 kündigte er den Lizenzwechsel auf die GPLv2 an, den er Ende 1992 bei Version 0.99 vollzog.

Eine Sache hatten allerdings schon Torvalds erste Lizenzbedingungen mit der noch heute verwendeten GPLv2 gemein: Sie verpflichteten jedermann dazu, beim Vertrieb des Betriebssystemkerns auch den zum Bau genutzten Quellcode bereitzustellen. In den Anfangstagen war das hilfreich, aber auch nicht schrecklich entscheidend. Denn wer an Linux schraubte, um es für seine Anforderungen besser zu machen, übermittelte diese Änderungen ohnehin oft aus Idealismus von sich aus an Torvalds, damit er sie in neue Versionen seines Betriebssystemkerns integrierte.

Wichtiger wurde der Aspekt in den Folgejahren: Im weiteren Verlauf der Neunziger begannen nach und nach immer mehr Firmen, Geld mit Produkten zu verdienen, in denen Linux steckte. So mancher dieser Konzerne sah keinen Sinn darin, die Änderungen, mit denen er Linux für seine Einsatzzwecke aufgebohrt hatte, im Anschluss auch bei Torvalds zur Integration einzureichen. Kein Wunder, denn Torvalds und seine Mitstreiter verlangen bei der dabei durchgeführten Qualitätskontrolle häufig Verbesserungen, die Arbeit beim Einreichenden verursacht. Zudem sehen Firmen beim "Upstreamen" Wettbewerbsvorteile gefährdet, denn schließlich erhalten Konkurrenten die hauseigenen Modifikationen mit neuen Linux-Versionen dadurch frei Haus.

Knapp 84 Prozent der von 2007 bis Ende 2019 in den Kernel engeflossenen Änderungen stammen nach einer Studie der Linux Foundation von Entwicklern, die laut eigenen Angaben für ihre Arbeit an Linux bezahlt werden. Besonders viel tragen Mitarbeiter von Intel und Red Hat bei, aber auch sie müssen sich Hobbyentwicklern geschlagen geben.

(Bild: heise.de, mit Rohdaten aus dem Linux Kernel History Report 2020)

Noch heute findet sich so eine Denke bei manchen Firmen – insbesondere bei jenen, die mit Linux erst warm werden oder in Märkten mit kleinen Verdienstspannen agieren. Die Pflicht zur Bereitstellung des Quellcodes beim Weitervertrieb hilft dem Betriebssystemkern aber nach wie vor: Jeder mit genug Motivation kann den Code aufarbeiten und in Linux einbringen.

Genau das machen Hobbyentwickler oder Programmierer anderer Firmen immer mal wieder. Das verursacht oft erhebliche Arbeit und ist daher nicht ganz alltäglich, passiert aber häufig genug, um Linux einen Vorteil zu verschaffen. So ist es vor allem unabhängigen Entwicklern zu verdanken, dass Torvalds' Kernel dieser Tage viele Raspberry Pi von Haus aus unterstützt, denn die Foundation hinter den Kleinstcomputers hat sich lange gar nicht oder nur wenig darum geschert, ihre Modifikationen in Linux zu integrieren.