Liveschalte vom Handy

Neue Streaming-Dienste versprechen Echtzeit-Zugang zu aktuellen Ereignissen. Werden sie auch die Berichterstattung verändern?

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Von
  • Rachel Metz
  • Hans Dorsch

Neue Streaming-Dienste versprechen Echtzeit-Zugang zu aktuellen Ereignissen. Werden sie auch die Berichterstattung verändern?

Wenn Erdmännchen die Umgebung beobachten, stellen sie sich auf ihre Hinterbeine, um nichts zu verpassen. So ähnlich verhielten sich Tausende Leute, als im Februar eine Video-Streaming-App erschien, die genauso heißt wie das putzige Felltier auf Englisch: Meerkat. Der iPhone-App zum Übertragen von Live-Videos gelang ein Senkrechtstart. Sie war bei der Musik- und Technikkonferenz "South by Southwest" im März ein großer Hit: Moderatoren, Musiker und Schauspieler streamten das Geschehen.

Popdiva Madonna stellte im April ihr neues Musikvideo exklusiv auf Meerkat vor. Laut CEO Ben Rubin hatte der Dienst schnell mehr als 400.000 Nutzer. Im März folgte bereits mit Periscope die nächste Live-Streaming-App. Über eine Million Nutzer probierten sie aus. Was beide Apps so verlockend macht: Sie bringen ihr Publikum in Form ihrer Twitter-Follower schon mit.

Dienste für mobiles Videostreamen gibt es an sich schon seit Jahren. Allerdings haben die bisherigen Angebote bei Weitem nicht eine solch virale Verbreitung erfahren, weil sie sich an spezielle Zielgruppen wenden. Der Vorreiter Justin.tv etwa hat sich in twitch.tv umbenannt und auf die Übertragung von Videospielen im Web spezialisiert. Ustream und Bambuser wenden sich auf der Suche nach Monetarisierung schon länger an professionelle Anwender.

Die Newcomer Meerkat und Periscope profitieren davon, dass Technik und Nutzer bereit sind für ein neues Medium: Leistungsfähige Smartphones mit hochwertigen Kameras sind Standard, und die Mobilfunknetze sind – vor allem in größeren Städten – schnell genug, um Videos in guter Qualität zu übertragen. Das Selfie ist nicht nur bei Jugendlichen populär, auch Rentner nutzen bereits Skype oder FaceTime für Videochats. Als unsere Autorin in San Francisco den Dienst ausprobierte, sah sie zum einen viel Banales: etwa mit knapp 1900 anderen Leuten den US-Talkshow-Moderator Jimmy Fallon beim Mario-Kart-Spielen. Dagegen ist der Hubschrauberflug einer Frau, die über schneebedeckte, von Skispuren durchzogene Flächen schwirrt, schon sehr viel spektakulärer.

Die ersten selbst produzierten Streams sind weit weniger aufregend, etwa der Nachmittagsspaziergang in San Francisco runter zum Hafen zu den putzigen Seelöwen. Nur eine Handvoll Leute schauen zu, alles Fremde außer einem Studienfreund. Aber alle bleiben die ganze Zeit dabei. Sie kommentieren (albern), man antwortet (laut über das Mikrofon oder als Text in der App). Das macht Spaß.

Inzwischen sieht es aber so aus, als würde Meerkat abgehängt. In einer selbst für das schnelllebige Internet kurzen Zeit scheint Periscope vorbeizuziehen. Twitter hatte den Dienst Ende März gekauft und gibt ihm seitdem den Vorzug. Die Nutzer teilen die Einschätzung und loben etwa die eingeblendete Nutzerstatistik, dass die Periscope-Videos 24 Stunden abrufbar sind und dass die Streams nicht um 10 bis 30 Sekunden verzögert werden. Meerkat dagegen erhält keinen Zugriff mehr auf die Follower-Daten und kann sie nicht über anlaufende Streams informieren. Als Antwort setzt der Dienst nun verstärkt auf Facebook: Bald können sich Nutzer mit ihrem Konto anmelden, Streams auf ihrer Profilseite veröffentlichen und auf ihre Kontakte zugreifen.

Wer das Rennen macht, ist noch offen – und ebenso, ob beide nicht als eines der vielen Internet-Pflänzchen enden, die schnell aufblühen und noch schneller welken. Der freie Journalist Richard Gutjahr ist allerdings davon überzeugt, dass die neuen Streaming-Dienste die Berichterstattung verändern werden. Ende März beschrieb er in seinem Blog, wie er als Beta-Nutzer von Periscope aus Bayern die Nachricht über eine Gasexplosion in New York innerhalb von 20 Minuten live verfolgen konnte.

Während die großen TV-Sender ihre Mitarbeiter oft nur per Telefonschalte einbinden können, zeigen die Aufnahmen einer Reporterin des Online-Nachrichtendienstes Mashable, wie immer mehr Feuerwehrleute mit Atemmasken anrücken. "Man wird mitten ins Geschehen hineingezogen", schreibt Gutjahr, "ganz anders, als wenn Reporter vor Absperrungen stehen und berichten, dass sie eigentlich gar nichts wissen." Gutjahr sieht darin eine Demokratisierung der Medien. Fälle von Polizeigewalt etwa lassen sich live verbreiten, noch bevor jemand beim Sender das Telefon abnimmt.

Auch wenn die Livebilder selbst nicht manipuliert werden können, sind bei solchem Bürgerjournalismus auch Falschinformationen möglich, etwa durch Inszenierungen. Die Aufgabe des Journalisten sieht Gutjahr darin, diese durch den Vergleich mit anderen gleichzeitigen Streams zu entlarven. Auch Markus Walsch, der beim Bayerischen Rundfunk als Produzent neue digitale Formate umsetzt, gibt zu, dass TV-Anstalten die Besonderheit von Liveberichten nicht mehr exklusiv besitzen. Dennoch sieht er ein eher begrenztes Potenzial: "Livestreaming mit diesen Apps wird eine Privatangelegenheit bleiben", sagt Walsch. Um das Medium schnell ein- zusetzen, seien die Abläufe bei den Sendern zu stark reglementiert und zu viele rechtliche Fragen offen.

Ein Paradebeispiel dafür, wie die Apps illegales Streamen befeuern, war Anfang Mai der Boxkampf zwischen Floyd Mayweather und Manny Pacquiao. Zuschauer mit Pay-TV-Zugang übertrugen den "Kampf des Jahrhunderts" vom Fernseher ins Web. Ähnliche Fälle sieht der Chef der Deutschen Fußball-Liga, Christian Seifert, auf den Fußball zukommen. Twitter-Chef Dick Costolos Tweet nach dem Boxkampf, in dem er Periscope zum Sieger des Abends erklärte, könnte für ihn teuer werden. Die Sender werden nicht lange nur darum bitten, die Verbreitung der Filme zu stoppen, sondern klagen, wenn Periscope & Co. nicht selbst eingreifen. (bsc)