Long Covid: Antikörper-Signatur zeigt Risiko für Erkrankte

Bestimmte Abwehrmoleküle im Blut können verraten helfen, wer nach einer COVID-19-Erkrankung ein größeres Risiko hat, schwere Langzeitfolgen davonzutragen.​

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(Bild: Julia Koblitz / Unsplash)

Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler
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Die langanhaltenden und teils schweren Beschwerden von Long Covid quälen viele Betroffene monate- bis jahrelang nach der eigentlichen Erkrankung. Einige Faktoren wie die Schwere der Erkrankung und das Alter der Patienten wurden bereits früher mit einem höheren Risiko für die Langzeitfolgen von COVID-19 in Verbindung gebracht. Jetzt haben Forscher um Onur Boyman, dem Direktor der Klinik für Immunologie am Universitätsspital Zürich, untersucht, inwieweit sich die Immunantwort auf Sars-CoV-2 bei Long-Covid-Patienten von der bei Genesenen ohne Langzeitfolgen unterscheidet.

Viele Long-Covid-Betroffene hatten während ihrer COVID-Erkrankung und sechs Monate später niedrigere Mengen der Antikörpergruppen IgG3 und IgM im Blut, wie die Forscher im Fachjournal "Nature Communications" schreiben. "Es reicht schon, wenn entweder IgG3 oder IgM niedriger sind", sagt der klinische Immunologe und Erstautor Carlo Cervia. IgM schwärmen bei Infektionen als Erstes aus. IgG-Antikörper folgen später und sorgen für länger anhaltenden Schutz. IgG3 spielt besonders bei der Abwehr viraler Infektionen eine wichtige Rolle.

"Patienten mit einer medizinischen Vorgeschichte von Asthma haben ein besonders hohes Risiko für Long Covid", sagt Cervia weiter. Unabhängig davon, wie schwerwiegend ihre Erkrankung war, zeigten 94 Prozent Probanden mit Asthma bis zu drei Monate lang und 71 Prozent noch länger anhaltende Long-Covid-Symptome. Bei Asthma-freien Patienten lagen diese Anteile deutlich niedriger bei 59 und 42 Prozent.

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Boymans Team bestimmte bei insgesamt 175 COVID-19-Patienten und 40 gesunden Probanden mit negativem Antigentest die Gesamtmengen der Immunoglobuline, wie Antikörper auch genannt werden. Sie bezogen also neben jene gegen Sars-CoV-2 auch die gegen andere Pathogene gebildeten Abwehrmoleküle mit ein. Bei 134 Patienten erhoben sie die Werte auch sechs Monate später und bei 50 Patienten ein weiteres Mal nach einem Jahr. Dabei dokumentierten die Wissenschaftler gemäß den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation 45 schwere, 85 milde und vier asymptomatische COVID-Fälle. 82,2 Prozent der schwer erkrankten Patienten und knapp mehr als die Hälfte mit milden Verläufen entwickelten Long Covid.

Um auch einen praktischen medizinischen Nutzen zu liefern, haben die Schweizer Forscher ein Vorhersagemodell für Patienten entwickelt, das ihr Long-Covid-Risiko als moderat, hoch und sehr hoch einstufen kann. In die Berechnung fließen neben der IgG3- und IgM-Spiegel noch drei weitere leicht abfragbare Gesundheitsfaktoren ein: das Alter der Patienten, ob ihre medizinische Vorgeschichte Asthma enthält, und wie viele der fünf Symptomen Fieber, Husten, Atemnot, Verdauungstrakt-Probleme und Fatigue sie während ihrer Krankheit hatten. Unter Fatigue versteht man eine extreme Erschöpfung, die oft schon nach leichten physischen, aber auch mentalen Anstrengungen auftritt.

In einer separaten Validierungsstudie mit 395 COVID-19-Patienten identifizierte die Risikoberechnung Long-Covid-Patienten mit durchgehend guter Empfindlichkeit. Zwar kann das Schweizer Modell das Risiko für Langzeitfolgen nicht schon vor einer COVID-19-Erkrankung bestimmen, weil eben auch die Symptome mit einfließen müssen. Trotzdem können die Risikofaktoren ein Grundrisiko ermitteln helfen. Darüber hinaus arbeiten die Züricher Forscher daran, ihr Prognoseprogramm unter der Webadresse www.pacs-score.com öffentlich zugänglich zu machen. Immunologe Cervia hofft, dass die Risikoeinschätzung bei der Entwicklung von Behandlungen für Long Covid und eines Tages sogar bei seiner Vermeidung helfen kann.

Noch gibt es keine umfassenden Therapien für Long Covid, dafür ist das Krankheitsbild zu vielfältig. Doch Studien zu einem ähnlich komplexen Syndrom mit ähnlichen Symptomen, an dem weltweit Millionen Menschen leiden, könnten Hinweise liefern. Denn auch bei der myalgischen Enzephalomyelitis, eine der schwerwiegendsten Formen des "Chronic Fatigue Syndroms" (ME/CFS), gehört Fatigue zu den Hauptsymptomen, gelten Infektionen als Auslöser, werden unterschwellige Entzündungen und Autoimmunreaktionen als Folge diskutiert – und häufig auch niedrige IgG3-Werte beobachtet.

In einer kleinen deutschen Proof-of-Concept-Studie hatten Forscher um Carmen Scheibenbogen an der Berliner Charité ME/CFS-Patienten mit IgG-Mangel begleitet, die sich ein Jahr lang monatliche Infusionen mit wachsenden Dosen verabreichten. Scheibenbogen leitet an der Charité die Immundefekt-Ambulanz und das Fatigue-Centrum, das sowohl ME/CFS als auch Long-Covid-Patienten betreut.

Bei fünf von zwölf ME/CFS-Patienten, die die einjährige Studie beendeten, sank eine "Chalder Fatigue Scale" genannte Erschöpfungsbewertung, während eine weitere Kennzahl für körperliche Funktionsfähigkeit anstieg – beide jeweils um mehr als die vorbestimmte Mindestpunktzahl. Allerdings seien randomisierte und kontrollierte Studien mit mehr Patienten notwendig, schrieben die Autoren letztes Jahr im "Journal of Clinical Medicine".

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Auch David Strain von der University of Exeter, der die Long-Covid-Gruppe der British Medical Association leitet, sieht Parallelen zwischen ME/CFS und den Langzeitfolgen von COVID-19. Zum einen sei die von den Züricher Forschern identifizierte Antikörper-Signatur jener bei ME/CFS-Patienten ähnlich. Zum anderen trage wahrscheinlich zur Auslösung beider Syndrome bei, dass der Körper einen Keim nicht vollständig vernichten kann. In der Folge kommt es unter anderem zu ständigen, niederschwelligen Immunreaktionen und Entzündungen.

"Als Long Covid auf der Bildfläche erschien, dachten wir, es ist fast dasselbe unterschwellige Krankheitsbild, nur mit einem anderen viralen Trigger", sagt der Mediziner. Aus klinischer Sicht mache es also Sinn zu versuchen, die Syndrome auch ähnlich zu behandeln. So gäbe es zum Beispiel Hinweise darauf, dass die gegen ME/CFS eingesetzten Entzündungshemmer (Antihistamine) Loratadin und Famotidin auch bei Long Covid Linderung schaffen könnten. Auch hier sind allerdings große randomisierte und kontrollierte Folgestudien nötig.

Für Strain passt ein zu niedriger IgG3-Wert auch deshalb gut als Long-Covid-Risikofaktor ins Bild, weil er erklären helfen könnte, wie Viren unter dem Immunradar durchschlüpfen und sich dauerhaft im Körper einrichten. "Viele Forscher denken, dass sich die Viren – wie auch bei ME/CFS – im Darm verstecken. Dort braucht es aber besonders hohe IgG3-Mengen, weil die Antikörper nur schlecht durch die Darmwand kommen." Kommen aber nicht genug an, bleiben genug Viren unbehelligt.

(vsz)