Luftfracht in die Wildnis

Während die Auferstehung der großen Luftschiffe als umweltfreundliche Lastentransporter noch auf sich warten lässt, erobern kleine Modelle immer mehr Märkte.

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  • Hanns-J. Neubert

Während die Auferstehung der großen Luftschiffe als umweltfreundliche Lastentransporter noch auf sich warten lässt, erobern kleine Modelle immer mehr Märkte.

Das brasilianische Unternehmen "Airship do Brasil" hat sich vorgenommen, weitgehend unzugängliche Gebiete im Amazonasbecken mit neuartigen Luftschiffen logistisch mit der Welt zu verbinden.

Entlang des Amazonas und seiner zahlreichen Nebenflüsse gibt es Siedlungen und sogar kleine Städte, die nicht selten Hunderte Kilometer voneinander entfernt liegen und nur teuer per Flugzeug oder sehr langsam per Schiff erreichbar sind. Straßen sind selten, weil weite Gebiete des Amazonasbeckens während der jährlichen Regenzeit bis zu fünf Meter unter Wasser stehen. "Außerdem sind Straßen für die Ökologie des Amazonasbeckens eine Katastrophe. Denn mit den Straßen kommen die Menschen, die den Wald durch Landwirtschaft und Jagd zerstören", sagte Marcelo Felippes, Geschäftsführer von Airship do Brasil, in einem Interview der Zeitschrift "New Scientist".

Luftschiffe dagegen benötigen keine Infrastruktur am Boden und eignen sich deshalb ideal für Frachten in entlegene und ökologisch empfindliche Gebiete. Felippes hat sich auch schon die Wildnis Alaskas angeschaut.

Er war einst Leutnant in der brasilianischen Armee und gilt heute als Autorität in Sachen Dschungel-Logistik. Das Unternehmen ging 2005 aus einem Projekt des Militärs hervor. Seit 1979 hatten die brasilianischen Streitkräfte Möglichkeiten erforscht, Luftschiffe für strategische Logistikoperationen und die Versorgung der Einheiten entlang der Dschungelgrenzen einzusetzen.

Airship do Brasil verfällt dabei nicht der Gigantomanie, die die Branche einst prägte. Millionen an Entwicklungskosten für immer größere Luftschiffe lösten sich schon oft in Luft auf, wie bei der Pleite der deutschen Cargolifter-Werft 2002, die unbedingt eine 260 Meter lange, 160 Tonnen tragende Luftzigarre bauen wollte.

Zwei Luftschiffe von Airship do Brasil fliegen bereits, allerdings als kleine Ausgabe der großen Pläne: Sie sind gerade einmal für eine Tragfähigkeit von zwei und 20 Kilogramm ausgelegt. Dafür lassen sie sich jedoch fernsteuern und können 20 Tage lang ohne Auftanken in der Luft bleiben. Das reicht für die Kameraüberwachung von Stromtrassen, Wasserkraftwerken oder unzugänglichen Grenzregionen, wo vielerorts Schmuggel und Menschenhandel blühen. Für diese beiden Luftschiffe setzten die Brasilianer noch auf sogenannte Blimps, auch Prallluftschiffe genannt. Sie sind mit unbrennbarem Helium gefüllt und besitzen kein festes Traggerüst.

Die Außenhaut besteht aus Kompositkunststoffen, die Blitze nicht anziehen. Doch bei der geringen Nutzlast soll es nicht bleiben. Derzeit arbeiten die Konstrukteure an einem versteiften, bemannten Luftschiff, das schon in den nächsten Monaten aufsteigen soll und bis zu drei Tonnen Nutzlast tragen kann. Felippes möchte das Transportangebot je nach Bedarf erweitern. Luftschiffe mit einer Tragkraft von 30 Tonnen sind schon in der Entwicklung. Damit könnten dann Wasserkraftturbinen und Windenergieanlagen transportiert werden, aber auch Baumstämme aus punktuellem, nachhaltigem Baumeinschlag.

Gebaut werden sie in der Werft in São Carlos nahe São Paulo. Eigentlich sollten dort nur Frachtluftschiffe entstehen, aber die Touristenströme im Zuge der Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro sind offenbar doch zu verlockend. Eigens dafür will Airship do Brasil ein Passagierluftschiff für Rundflüge bauen. (bsc)