Missing Link: Wie ich beinahe den BER eröffnete

Der BER-Bausimulator ist eine Simulation, die trotz enormer Geldmittel nicht zur Eröffnung des Berliner Flughafens führt. Oder vielleicht doch?

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(Bild: MemoryMan / Shutterstock.com)

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Der "BER Bausimulator" des Satire-Magazin Der Postillon begeisterte nach seinem Release durch seinen bissigen Humor und war zeitweise in den Download-Charts ganz oben zu finden. Die Aufgabe des Spielers ist das Fertigstellen des Berliner Flughafens – was laut etlichen Rezensionen gar nicht geht. Aber stimmt das wirklich?

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Um den BER zu eröffnen, muss der Spieler alle Gebäude durch die drei Phasen Rohbau – Innenausbau – Abschlusstest bringen. Dafür bekommt der Spieler jeden Monat 500.000 Euro gutgeschrieben, kann Kredite aufnehmen und Aufträge an verschiedene mehr oder weniger seriöse Firmen vergeben. Beim Bau tauchen immer wieder Baumängel auf, die es zu beheben gilt, außerdem darf man den Eröffnungstermin nicht überschreiten. Den Termin kann man zwar beliebig oft nach hinten verschieben, darf dies aber nicht vergessen. Denn nach drei überschrittenen Terminen ist das Spiel fertig. Nützlicherweise kann man sich im Spiel eine Option hinzukaufen, durch die der Termin automatisch nach hinten verschoben wird. Wie viele der 16 Gebäude fertiggestellt sind, kann auf den Klick des Eröffnungsterminzählers eingesehen werden – wo sich auch der heiß ersehnte Button zur Flughafeneröffnung befindet.

Das Ziel des Spiels: Durch Fertigstellung aller Gebäude den linken Button aktivieren.

Nach etlichen Runden und verschiedenen Strategien stellte ich frustriert fest: Selbst wenn man nicht durch die parallele Aufnahme verschiedener Kredite (zum Beispiel des "Kollegah"-Kredits, dessen Rückzahlung fast das komplette Monatsbudget auffrisst) pleitegeht und auch nicht eine der "Game-Over"-Lösungen für einen Baumangel auswählt (man flutet eben weder Maulwurfshügel mit Wasser noch mischt man Marken-Schoko-Aufstriche mit No-Name-Produkten!), ist spätestens am 11.11.2035 Schluss: Denn an diesem Tag zerstören entweder Aliens den Flughafen, oder der 3. Weltkrieg bricht aus, oder die Bevölkerung rafft dahin.

Fast so frustrierend wie die echte BER-Baustelle: Eines der möglichen Ereignisse am 11.11.2035.

Man hat zwar, wie des Öfteren im Spiel, die Möglichkeit den Schaden durch Geld abzuwenden – nach ein paar Versuchen war mir aber klar, dass der geforderte Betrag an diesem Tag immer höher ist als der aktuelle Kontostand. Da helfen auch etliche Millionen auf dem Konto nicht.

Trotz prall gefülltem Geldbeutel: Das Spielende lässt sich nicht abwenden.

Darum endet das Spiel immer im Jahre 2035. Als alter Zocker wollte ich mich damit nicht abfinden – es muss doch irgendwie möglich sein, das Spiel zu überlisten? Was wäre, wenn man den BER tatsächlich irgendwie fertigbauen könnte? Es wäre nicht das erste Spiel, das ein alternatives Ende bereitstellen würde...

Mein Ziel war klar, also probierte ich ein bisschen herum und ersann eine erste Strategie: Die App beenden, das Spiel fortsetzen und noch ganz schnell einen Kredit aufnehmen – in der Hoffnung, dass das Guthaben am Tagesanfang errechnet wird und ein neuer Kredit nicht in die Schadensberechnung einfließt. Ergebnis: Klappt leider nicht, da man nicht so schnell klicken kann, wie die Meldung erscheint. Ich probierte es einige Male, immer mit demselben Ergebnis: Das Spiel ist leider schneller als ich. "Warum müssen die heutigen Smartphones aber auch so flotte Prozessoren haben? Mist! Denk weiter, denk weiter!" Während mein Denkprozess in vollem Gange war und ich hierbei nervös auf dem Bildschirm herumtippelte, entdeckte ich aber plötzlich etwas Merkwürdiges: Das Spiel lief weiter! Warum und wieso war mir nicht klar. Verwundert stellte ich fest, dass sich mein Kontostand erhöhte, während ich eigentlich die zu bezahlende Schadenssumme auswählen sollte.

Schon über das Game-Over-Datum (11.11.2035) hinaus, denn das Spiel läuft im Hintergrund weiter – erkennbar an dem roten Pfeil in der Bildmitte.

Mit etwas Puls ging ich der Sache auf den Grund und fand heraus, wie ich dieses Verhalten reproduzieren kann: Wenn man mit zwei Fingern neben dem geöffneten Dialog auf ein Gebäude tippt und danach ebenfalls wieder mit zwei Fingern auf ein anderes, so läuft das Spiel einfach weiter – und man bekommt jeden Monat weitere 500.000 Euro. Irgendwann (ein Monat dauert bei voller Geschwindigkeit ca. 4,5 Sekunden) hat man genügend Geld, um den Schaden zu beheben und weiterzuspielen.

"So, mein liebes Spiel! Das wäre doch gelacht, wenn dieser Flughafen nicht irgendwie zu bauen wäre", dachte ich mir und spielte weiter. So entstand ein Gebäude nach dem anderen und immer mal wieder erschienen die verschiedensten Baumängel. So spielte ich einige Zeit, doch irgendwann stellte ich verwundert fest, dass sich der Zähler für den Eröffnungstermin auf das Jahr 1970 eingestellt hatte. Vielen Dank, liebes Jahr-2038-Problem!

Der Eröffnungstermin (links oben) ist in die Vergangenheit gerutscht – woher bekommt man nun einen Flux-Kompensator?

"Egal", dachte ich mir, "darum kümmere ich mich später, jetzt erstmal den BER fertigstellen". Also, weiterspielen. Irgendwann plagten mich menschliche Bedürfnisse und ich verließ das Spiel. Als ich wiederkam, war es abgestürzt und ich musste es erneut starten. Glücklicherweise konnte ich das Spiel zum letzten Zeitpunkt fortsetzen, musste aber feststellen, dass der Eröffnungsterminzähler nicht mehr sichtbar war.

Nach einem App-Neustart nicht mehr sichtbar: Der Termin für die Eröffnung (steht eigentlich links oben).

"Warum zur Hölle?", fragte ich mich. "Was muss das für eine Code-Zeile sein, die den Terminzähler beim Programmstart in Abhängigkeit vom Datum anzeigt?" Ich stellte mir das im Entwicklerteam so vor:

- "Guten Morgen zum täglichen SCRUM. Was steht an?"
- "Ich würde gerne was ganz Unsinniges einbauen!"
<Brainstorming>
- "Alles klar, so machen wir das!"
...und dann entstand diese Code-Zeile:
If (Datumszaehler = 0) then Datumszaehler.visible = false

Danach ging ich wieder zurück zum Spiel und verfolgte weiterhin das große Ziel, den BER fertigzubauen. Das zog sich eine ganze Weile, nicht nur aufgrund der Baumängel, sondern weil immer mal wieder eine der drei Katastrophen (Alien, Aussterben, Weltkrieg) erscheint.

Doch dann endlich war es so weit: Alle Gebäude hatten den Abschlusstest bestanden und waren fertig!

Alle Gebäude sind fertig – erkennbar an der Blau-Tönung.

Und nun kam dieser nicht mehr sichtbare Zähler ins Spiel: Der Zähler wird benötigt, um den BER nach Fertigstellung zu eröffnen, da sich beim Klick auf den Zähler das entsprechende Menü öffnet. Doch das ging nun nicht mehr. No Way, keine Möglichkeit. Ich versuchte durch Drehung des Smartphones den Zähler zum Zeitpunkt der Drehung zu erwischen, ich startete die App neu, ich probierte alles Mögliche: Der Zähler blieb einfach weg. Und es erschien auch keine Meldung von wegen: "Herzlichen Glückwunsch, du hast alle Gebäude fertiggestellt! Möchtest du den BER nun eröffnen?“. Zerknirscht legte ich das Smartphone weg.

Ich wusste nun also drei Dinge:

  1. Bei einer Katastrophe (11.11.2035) kann ich das Spiel weiterlaufen lassen
  2. Je weniger Geld zum Zeitpunkt einer Katastrophe vorhanden ist, desto besser
  3. Im Jahr 2038 stellt sich der Eröffnungsterminzähler auf 0
  4. Wenn die App nach dem Jahr 2038 neu gestartet wird, dann ist der Zähler nicht mehr sichtbar (siehe die obige Code-Zeile) und der Button "BER eröffnen“ dadurch nicht anklickbar

Bedeutete für mich: Nach dem Jahr 2038 muss ich einfach dranbleiben und möglichst schnell alle Gebäude fertigstellen. Dazu benötigte ich zusätzlich noch etwas Glück, da die App nach einiger Zeit immer mal wieder abstürzt (Hinweis aus der Zukunft an mein Ich von vor ein paar Wochen: Die App läuft ca. 70-90 Minuten am Stück ohne Absturz. Ein Jahr dauert ca. 1 Minute. Du hast also ungefähr bis zum Jahr 2108 Zeit, alles fertigzustellen. Viel Glück!).

Ich ging also ans Werk, konzentrierte mich bei der Auswahl der Baumangelbeseitigung (und vermied die Option alle AfD-Wähler auf Fluchtpunkte zu hetzen, was Tausend Jahre dauert) und schaffte es endlich: Alle Gebäude waren fertig und der Eröffnungsterminzähler noch sichtbar:

Und nun der spannende Moment: Wie sieht die Eröffnung aus? Was für einen Gag haben sich die Entwickler hier einfallen lassen? Ein Video, eine andere Katastrophe? Mit zittrigem Finger öffnete ich das Menü und stellte fluchend fest: Dieser §$%&§$%&$§%&-Button ist tatsächlich ohne Funktion! Zwohundert Puls hatte ich!

Obwohl alle Gebäude fertig sind, ist eine Eröffnung nicht möglich. Der Button "Flughafen eröffnen" bleibt grau.

Viele Flüche später stellte sich dann bei mir Ernüchterung ein und mein Hirn stellte von Frustration auf sachlich-kühle Logik um: Die Entwickler gingen nicht davon aus, dass man diesen Zustand überhaupt erreichen kann. Denn darauf deutet dieser Text hin:

"Es fehlen 0 Gebäude"

Die Programmierlogik dahinter scheint mir folgende zu sein:

Anzahl_fehlende_Gebäude = Anzahl_Gebäude - Anzahl_fertiggestellte_Gebäudewrite ("Es fehlen $Anzahl_fehlende_Gebäude")

Hätten die Entwickler damit gerechnet, dass man alle Gebäude (warum auch immer) fertigbekommt, so würde der obige Code wahrscheinlich so aussehen:

Anzahl_fehlende_Gebäude = Anzahl_Gebäude - Anzahl_fertiggestellte_Gebäude
If ($Anzahl_fehlende_Gebäude > 0)

then
write.text ("Es fehlen $Anzahl_fehlende_Gebäude")
else
# Sicherheitshalber, falls wir Entwickler einen Bug übersehen haben
write.text ("Herzlichen Glückwunsch! Aus uns unerfindlichen Gründen hast du alle Gebäude fertiggestellt. Aber die Eröffnung kann nicht durchgeführt werden, weil dieses tolle rote Band zum Durchschneiden leider als Absperrung bei Stuttgart21 benötigt wird!")

Von daher bleibt das Spiel auch ganz am Ende so nah an der Realität wie möglich: Trotz aller Hoffnung wird der Flughafen nie eröffnet werden…

(bme)