Mach’s einfach

D-Rev gestaltet Produkte für jene vier Milliarden Menschen, die mit weniger als vier Dollar pro Tag überleben müssen. Ein Besuch bei Hightech-Tüftlern, die schlichte Lösungen für große Probleme schaffen.

Lesezeit: 4 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 6 Beiträge
Von
  • Helene Laube

D-Rev gestaltet Produkte für jene vier Milliarden Menschen, die mit weniger als vier Dollar pro Tag überleben müssen. Ein Besuch bei Hightech-Tüftlern, die schlichte Lösungen für große Probleme schaffen.

Auf den ersten Blick ist es ein Hobbykeller. Auf den zweiten Blick einer, der das Leben von Millionen Menschen verbessert. Die Zentrale der Firma D-Rev befindet sich in San Franciscos Szeneviertel Dogpatch, einer einst rauen Ecke, wo Metallarbeiter, Schreiner, Schweißer und Schiffsbauer in Werkstätten und den Piers im nahen Hafen arbeiteten. Angesagte Tech-Start-ups mit Milliardenbewertungen und entsprechend herausgeputzten Büros findet man auf diesem Abschnitt der Minnesota Street keine. Bei D-Rev sind der einzige Schmuck von der Decke hängende tibetische Gebetsfahnen. In einer Ecke steht eine Werkbank, an der Wand hängen Hammer, Schraubendreher, Bohrer und andere Werkzeuge.

Im Erdgeschoss befindet sich die Maschinenwerkstatt der Designfirma REM, die sich bei D-Rev eingemietet hat. Im Gegenzug können die D-Rev-Leute REMs Geräte wie Drehbank, Fräsmaschine, Laserschneidmaschine und 3D-Drucker für den Bau von Prototypen nutzen. Im Konferenzzimmer steht eine von einem PC gesteuerte Klimakammer. "Die haben wir aus einem Weinkühlschrank gebastelt", sagt Vorstandschefin Krista Donaldson. "Hier testen wir, welche Auswirkungen Feuchtigkeit, Temperatur oder Sand auf unsere Prototypen haben." An der Wand stehen Prothesen und künstliche Kniegelenke.

Bei D-Rev geht es nicht um Milliarden von Dollar. Sondern um Milliarden von Menschen. Die elf Mitarbeiter von D-Rev entwerfen lebenswichtige Medizintechnik für jene, die von weniger als vier Dollar am Tag leben müssen. Sie bauen Blaulichtlampen, um die gefährliche Neugeborenen-Gelbsucht in Afrika und Asien zu behandeln, oder Knieprothesen für Patienten in Indien.

Zum Beispiel für Jungen wie Amin Khan. Er verlor mit sechs Jahren sein linkes Bein bei einem Verkehrsunfall. Kurz darauf passte ihm eine Organisation in Madhya Pradesh eine Prothese an, zeigte ihm kurz, wie er sie benutzt und schickte ihn heim. Doch das Kniegelenk von Amins Prothese war minderwertig, sehr schwer und nicht optimal ausgerichtet, das Gehen war beschwerlich. Zwei Jahre später reiste er mit seinem Vater 15 Stunden in eine Klinik von Jaipur Foot im indischen Bundesstaat Rajasthan. Keine Organisation stattet weltweit – kostenlos – mehr arme Menschen mit Bein-, Fuß- und Armprothesen aus. In Jaipur erhielt Amin ein neues Bein. Das zugehörige Kniegelenk stammte aus Kalifornien, war leichter, strapazierfähiger. "Die Anpassung dauerte mehrere Tage", berichtet Donaldson.

"Eine Ärztin und Rehabilitationsexpertin arbeitete so lange mit Amin, bis sie sicherstellen konnte, dass die Prothese passt und er wieder gehen gelernt hatte." Noch bietet nur die Jaipur Foot Clinic das Kunstgelenk namens ReMotion an, und auch nur für ihre Patienten. Anfang nächsten Jahres jedoch soll eine weiterentwickelte Variante folgen und einem großen Kreis an Betroffenen zur Verfügung stehen – zu einem Preis von knapp 80 Dollar. In den USA kann dieser Teil einer Beinprothese bis zu 20000 Dollar kosten.

Dabei handelt es sich zwar um ein Hightech-Produkt, bestückt mit Mikroprozessoren, um die komplizierten Bewegungen des natürlichen Knies möglichst gut nachzuahmen. Amputierte in Entwicklungs- und Schwellenländern hätten davon allerdings nicht viel – selbst wenn sie sich den Gelenkersatz leisten könnten. Schweres Gelände, hohe Temperaturen, mitunter hohe Luftfeuchtigkeit, häufig mehr Sand würden die für Industrienationen optimierten Kunstgelenke rasch unbrauchbar machen. Zudem gibt es in Ländern wie Indien fast keine Experten, um diese Hightech-Prothesen anzupassen und zu warten.

Um ein besser geeignetes Kunstknie zu entwickeln, kommen die Maker-Methoden ins Spiel. Als kleines Nonprofit-Unternehmen steht D-Rev jährlich nur ein Betriebsbudget von zuletzt 1,4 Millionen Dollar zur Verfügung. Donaldson setzt daher auf Methoden wie den 3D-Druck. Ohne sie wäre der schnelle und günstige Bau von Prototypen unmöglich. "Wir nutzen die neuesten und ständig billiger werdenden Technologien", erklärt die Kanadierin. Der Ansatz hat noch einen zweiten Vorteil: Nutzer sind früh in die Entwicklung eingebunden – und D-Rev kann rasch viel über Entwicklung, Verbesserung und Fertigung eines Produkts lernen. Donaldsons Traum: 3D-Drucker direkt in Kliniken beim Bau maßgeschneiderter Produkte einzusetzen. "Dann könnten vor Ort großartige Schäfte für Stümpfe gebaut werden."

Am Bedarf vorbei zu entwickeln, will sich D-Rev schlicht nicht leisten. Die Organisation ist zwar gemeinnützig, Forschung und Entwicklung werden vor allem über Spenden finanziert. Wirtschaftlich müssen die Produkte dennoch sein. "Ohne Subventionen und Spenden im Markt überleben", lautet die Devise. Ziel sind Massenmärkte für Millionen Betroffene. Um sie zu erschließen, entwirft D-Rev nicht nur Produkte. Die Mitarbeiter identifizieren zunächst ein Problem, für das eine gute Lösung fehlt.

Dann entwickeln sie diese und suchen anschließend Partner für Herstellung, Vertrieb, Verkauf und Wartung des Produkts. Die Organisation kümmert sich zudem darum, "dass eine Klinik irgendwo in Kenia die anderen Komponenten – Fuß und Schaft – vorrätig hat, um unser Gelenk nutzen zu können", erklärt Donaldson. Der Ansatz hat seine Grenzen: Die Ärmsten der Armen erreicht D-Rev nicht immer. Können sich Kliniken in notleidenden ländlichen Gegenden eine Technik trotz niedriger Preise nicht leisten und effektiv einsetzen, entwickelt D-Rev sie nicht. Gibt es keinen Massenmarkt, sind von D-Rev keine Lösungen zu erwarten.

Ein Segen sind die Entwicklungen dennoch: An die 27000 Menschen in derzeit rund 15 Ländern in Afrika, Asien und Südamerika profitieren von ihnen. 6000 Knieprothesen hat die Organisation inzwischen ausgeliefert. Mittlerweile erreichen D-Rev sogar Anfragen aus den USA und Europa. In Armut lebende Amputierte "gibt es in Amerika nach Afghanistan und Irak ja leider sehr viel mehr", sagt Donaldson. Hinzu kommen 510 Blaulichtlampen gegen Neugeborenen-Gelbsucht, mit denen Ärzte bisher mehr als 21000 Babys behandelt haben.

Das Gerät mit dem Namen Brilliance ist die wohl berühmteste Entwicklung der D-Rev-Mannschaft. Ein indischer Doktor kam mit der Idee zu ihr, da er zahllose Neugeborene sah, deren Gelbsucht unbehandelt blieb. Sie entsteht, wenn nach der Geburt zu viel des Gallenfarbstoffs Bilirubin im Blut enthalten ist. Dieser wird vom Körper beim Abbau von Hämoglobin erzeugt. Fallen zu große Mengen an, kommt die Leber nicht mit der Beseitigung hinterher. Die Folgen können schwere Gehirnschäden oder Tod sein. Über sechs Millionen betroffene Babys erhalten D-Rev zufolge nicht die erforderliche Behandlung. Die großen Player im Gesundheitsmarkt sahen allerdings keinen Gewinn für sich darin, das Problem anzugehen.

D-Rev machte sich deshalb daran, ein hochwertiges Phototherapie-Gerät zu entwickeln, das Strapazen aushält und billig in Anschaffung und Unterhalt ist. "Wir entfernten alle überflüssigen Funktionen und widerstanden der Versuchung, andere Features hinzuzufügen", sagt Randy Schwemmin, D-Revs Director of Technical Operations. "Der unnötige Schnickschnack führt oft zu einem höheren Energieverbrauch, ist fehleranfällig und teuer." Anstelle kompakter Leuchtstofflampen setzten die Designer beispielsweise auf Leuchtdioden. Sie halten mit 50000 Stunden gut 25-mal länger, verbrauchen nur die Hälfte des Stroms und sind somit im Unterhalt billiger. Die aktuelle Basisversion von Brilliance kostet 400 Dollar, im Vergleich zu 3000 bis 4000 Dollar für ein konventionelles System. D-Rev will den Preis in einer nächsten Variante auf 200 Dollar senken.

In den kommenden Monaten soll zudem die Weiterentwicklung "Brilliance Pro" auf den Markt kommen. Hier ersetzte D-Rev die billigere Kunststoffplatte im Kopf des Geräts durch eine aus Metall. Sie führt die Hitze der LEDs besser ab. "So konnten wir den Ventilator weglassen, der Strom sowie regelmäßig neue Luftfilter braucht und gern kaputtgeht", erklärt Schwemmin. Sie bauten zudem einen Sensor ein, der den Kippwinkel der Lampe misst. So kann das Gerät die Strahlenintensität je nach Abstand zum Baby verringern oder erhöhen. "Brilliance Pro" wird beim Start zwischen 600 und 700 Dollar kosten, immer noch weniger als ein Fünftel des Preises herkömmlicher Geräte. Der Nutzen dagegen wird riesig sein. (bsc)