Mangel an Muttermilch-Ersatz erzeugt dubiosen Online-Markt in den USA

Eltern, die nur ihre Babys ernähren wollen, müssen sich mit Fehlinformationen, Wucherpreisen und Betrügereien herumschlagen.

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(Bild: paulaphoto/Shutterstock.com)

Von
  • Tanya Basu

Nach der Geburt ihres Babys Anfang April musste Ashley Diaz feststellen, dass sie nicht genug Muttermilch produzieren konnte. Ihr neugeborener Sohn brauchte zusätzliche Ersatzmilch, sogenannte Pre-Milch. Also schickte Diaz ihre Mutter zu dem US-Discounter Target, um sich einzudecken. Doch die Mutter kam mit nur zwei Packungen zurück – der maximal zulässigen Menge.

Jetzt sind viele Regale leer, und das nicht nur in Diaz´ Wohnort Los Angelos, sondern überall in den Vereinigten Staaten. Überall im Land suchen Eltern händeringend nach Muttermilch-Ersatz. Aufgrund dieser Situation konnte sich ein Online-Zweitmarkt entwickeln, der von Fehlinformationen, Betrügereien und überhöhten Preisen geprägt ist.

Menschen, die gerade keine kleinen Kinder haben, mag es so vorkommen, als sei der Mangel an Säuglingsnahrung plötzlich aufgetreten. Dabei begann er bereits vor Monaten und hat sich still und leise zu einer Krise ausgeweitet. Im Februar rief Abbott Nutrition – der Hauptanbieter von Säuglingsnahrung in Pulverform auf dem US-Markt – Säuglingsnahrung aus seinem Werk in Sturgis, Michigan, zurück. Zwei Säuglinge waren an bakteriellen Infektionen gestorben, die auf das Werk zurückgeführt wurden.

Dieser Rückruf brachte die ohnehin schon angespannte Lieferkette an ihre Grenzen. Am Montag einigten sich die Food and Drug Administration (FDA) und Abbott laut der US-Tageszeitung Politico auf Maßnahmen zur Wiedereröffnung des Werks. Auch wenn das Unternehmen erklärte, dass es die Anlage innerhalb weniger Wochen wieder voll in Betrieb nehmen könne, wird es Monate dauern, bis die Produktion erneut auf Hochtouren läuft. Ein Haupthindernis besteht darin, dass weder die FDA noch Abbott herausgefunden haben, wie es zu der Kontamination gekommen ist. Die Suche nach der Ursache könnte einige Monate dauern.

So lange können Babys natürlich nicht warten. Aus purer Verzweiflung suchen viele Eltern auf Instagram und TikTok nach Tipps, wo sie Muttermilch-Ersatz finden können. In einigen Videos wird beschrieben, wie man solche Pre-Milch selbst herstellt. Doch das ist gefährlich. Trotz wiederholter Warnungen der FDA, dass selbstgemachte oder verdünnte Säuglingsnahrung nicht die erforderlichen Nährstoffe enthält, die der empfindliche Babykörper braucht, werden die Rezepte weiterhin online geteilt. Einige Videos, die MIT Technology Review auf TikTok gesehen hat, haben Tausende von Aufrufen erzielt, eines sogar fast 150.000.

"Es ist eine sehr schwere Zeit für Mütter, die ihrem Baby die Flasche geben", sagt Erin Moore, Kinderkrankenschwester in Austin und zertifizierte Stillberaterin, die eine Instagram-Seite zum Thema Ernährung betreibt. Moore kennt die schlimmen Auswirkungen von schlechter Ernährung bei Babys und ist sehr besorgt. "Säuglingsnahrung zu verdünnen, ist keine gute Option. Bei empfindlichen Säuglingen kann es dadurch zu einem Ungleichgewicht im Elektrolyt-Haushalt kommen", sagt sie. "Selbst hergestellte Säuglingsnahrung kann zu ernsten Verläufen bis hin zu Krankenhausaufenthalten führen. Ich habe gesehen, was sowas anrichtet, und das ist nicht schön.“

Es geht nicht nur um die Verbreitung gefährlicher Rezepte. Einige Eltern haben informelle Netzwerke eingerichtet, um diejenigen, die Milchersatz oder Muttermilch benötigen, mit denjenigen zusammenzubringen, die welche übrighaben. Moore hat ihre eigene Facebook-Seite, Baby Formula Finder, ins Leben gerufen, um genau diese Art von Quasi-Markt zu schaffen. Ähnliche Tauschbörsen gibt es auch in traditionellen Elternforen auf Facebook und in Gruppen, die sich speziell mit der Krise befassen.

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Diaz´ Situation hat sich inzwischen um 180 Grad gewandelt: Nachdem ihr Kinderarzt ihr zusätzliche Vorräte geschickt hatte, hatte sie sogar zu viel Babynahrung. Sie twitterte darüber und erhielt daraufhin Anfragen aus dem ganzen Land. Diaz wollte die Säuglingsnahrung jedoch vor Ort spenden und trat daher einer Facebook-Elterngruppe bei.

Diaz erlebte in dieser Gruppe jedoch Fragwürdiges: "Ich bekam sofort Nachrichten und Kommentare. Einige stammten von gefälschten Profilen aus anderen Ländern. Einige wollten meine Vorräte kaufen, obwohl ich sie kostenlos angeboten hatte", sagt sie.

Was Diaz da sah, war nur die Spitze eines Eisbergs. Denn dahinter steckt ein weit größeres Problem: Wucher! Auf Websites wie eBay und Craigslist wird Babynahrung zu überhöhten Preisen angeboten. Bei einer kürzlich vom MIT Technology Review durchgeführten Suche fanden sich mehrere Verkäufer, die bei eBay über 300 Dollar für 12 Packungen mit Babynahrung verlangten, was etwa 25 Dollar pro Packung entspricht. Normalerweise kosten sie 7 bis 10 Dollar.

Laut Moore haben insbesondere Eltern, die von Sozialhilfe leben müssen, große Probleme. Sie erhalten ihr Geld am Anfang des Monats und müssen dann versuchen, andere verzweifelte Eltern auszustechen – wenn sie es überhaupt können. Denn es sind nur bestimmte Marken gemäß den Sozialhilfevorschriften erlaubt – und die werden von Abbott, Gerber und Mead Johnson hergestellt.

Trotz der Einigung mit der FDA könnte sich die Krise in den nächsten Monaten noch verschärfen. Denn die Probleme in der Versorgungskette werden weiter bestehen. Die FDA überwacht die Produktion weiter, um die Sicherheit der Milchnahrung zu gewährleisten. Als Folge könnten Babys, die zu früh von der Milchnahrung entwöhnt werden, an ernährungsbedingten Mangelkrankheiten leiden und eventuell sogar ins Krankenhaus müssen.

Könnte man mehr Frauen bewegen, überschüssige Muttermilch zu spenden, ließe sich damit der Mangel leichter bekämpfen, so Lindsay Groff, Geschäftsführerin der Human Milk Banking Association of North America. Die Nachfrage bei den Muttermilchbanken in den USA sei bereits um 20 Prozent gestiegen. Aber es gäbe nicht genug Milch für alle. Groff hofft, dass Eltern die Nachricht online verbreiten und dazu auffordern, falls möglich Muttermilch zu spenden.

Bis dahin sind die Eltern auf die Gnade anderer angewiesen. Diaz konnte schließlich mit einer schwangeren Mutter eines Einjährigen in ihrer Gegend Kontakt aufnehmen, die nicht stillen konnte und Muttermilch-Ersatz für ihr Kind brauchte. "Wir schrieben uns auf Facebook. Ich stellte die gesamte Milchnahrung auf meine Veranda, und sie holte sie innerhalb von 30 Minuten ab", sagt Diaz. Viele andere hatten nicht so viel Glück.

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(jle)