Medizinischer Einsatz: Wie MDMA bei psychischen Leiden helfen könnte

Nathan McGee attestierten Ärzte bereits einige psychische Störungen. Therapien halfen nicht. Eine MDMA-gestützte Studie gibt ihm neue Hoffnung.

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(Bild: Andrea Daquino)

Von
  • Charlotte Jee
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Nathan McGee war erst vier Jahre alt, als er ein Trauma erlebte, das ihn auch vier Jahrzehnte später noch beschäftigte. Dann ließ er sich mit MDMA therapieren, das man eigentlich nur als Droge kennt.

In den Jahren zwischen dem erlebten Trauma und der MDMA-Therapie spielte er – wie er es nennt – "Diagnose-Bingo". Die Ärzte sagten Nathan immer wieder, er habe eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Angstzustände, Depressionen und Legasthenie. Im Jahr 2019 wurde bei ihm eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) diagnostiziert. Auf seinem Therapie-Weg nahm er eine ganze Reihe von Medikamenten – Antidepressiva, Pillen gegen Angstzustände und Tabletten gegen die Auswirkungen von ADHS. Aber er wollte nicht jeden Tag mehrere Pillen schlucken, nur um sich normal zu fühlen.

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"Ich habe mich nie wirklich glücklich gefühlt, egal, was in meinem Leben passiert ist", sagt er. "Ich fühlte mich immer ruhelos, hatte immer dieses unterschwellige Gefühl der Schwere. Die Dinge passten in meinem Kopf einfach nicht zusammen. Es war, als hätte jemand ein Kabel herausgezogen, und ich versuchte, es wieder anzuschließen."

Schließlich hörte Nathan von einer Studie, in der der Einsatz von MDMA zur Behandlung schwerer PTBS getestet wurde. Er schaffte es, an einer klinischen Studie der Phase 3 teilzunehmen, der letzten Hürde vor der Entscheidung der US-Behörden über die Zulassung der Therapie.

MDMA ist eine synthetische psychoaktive Substanz, die als Partydroge (Ecstasy, E oder Molly) unter Clubgängern bekannt ist. Sie bewirkt, dass das Gehirn große Mengen des chemischen Stoffes Serotonin freisetzt, was eine euphorisierende Wirkung hat. Aber es wurde auch festgestellt, dass es die Aktivität im limbischen System des Gehirns reduziert, das unsere emotionalen Reaktionen steuert. Dies scheint Menschen mit PTBS zu helfen, ihre traumatischen Erlebnisse in der Therapie zu verarbeiten, ohne von starken Emotionen wie Angst, Scham oder Traurigkeit überwältigt zu werden.

Um diese Theorie zu überprüfen, hat die Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies, eine in Kalifornien ansässige gemeinnützige Organisation, eine randomisierte Doppelblindstudie durchgeführt, bei der auch Nathan mitmachte. Die Teilnehmenden nahmen an drei achtstündigen Sitzungen teil, in denen sie entweder Placebos oder zwei Dosen MDMA erhielten, bevor sie ihre Probleme besprachen und von zwei qualifizierten Therapeuten beraten wurden.

Im Mai 2021 wurden die Ergebnisse der Studie in "Nature Medicine" veröffentlicht. Sie waren atemberaubend: Von den 90 Patienten, die an der Studie teilnahmen, berichteten diejenigen, die MDMA erhielten, über deutlich bessere Ergebnisse als die übrigen. Zwei Monate nach der Behandlung hatten 67 Prozent der Teilnehmer in der MDMA-Gruppe keine PTBS mehr, verglichen mit 32 Prozent in der Placebogruppe.

Ben Sessa, ein britischer Forscher, der an der Gründung der ersten psychedelischen Therapieklinik des Landes in Bristol beteiligt war, ist der Ansicht, dass die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA die MDMA-gestützte Psychotherapie für PTBS bis Ende 2023 genehmigen könnte.

In den USA, Großbritannien und anderen Ländern werden mittlerweile Studien durchgeführt, um zu prüfen, ob auch Substanzen wie Psilocybin und Ketamin in ähnlicher Weise zur Behandlung psychischer Erkrankungen eingesetzt werden können. Die ersten Anzeichen sind positiv – und wenn sie so bleiben, könnten sie die Behandlung psychischer Erkrankungen auf den Kopf stellen. Im Gespräch mit MIT Technology Review erläutert Nathan McGee, wie er seine Therapie erlebt hat.

Herr McGee, wie haben sich Ihre Probleme mit der psychischen Gesundheit manifestiert?

Bevor ich an der Studie teilnahm, lief es für mich nicht gut. Alles, was ich ausprobiert habe, ging daneben. Nichts funktionierte. Ich hatte so viele verschiedene Therapeuten und verschiedene Techniken ausprobiert. Im Januar 2018 habe ich dann meinen Job verloren. Das war deprimierend. Ich hatte schon früher Jobs verloren, aber dieses Mal war es anders. Ich beschloss: Wenn das alles durch meine psychische Gesundheit verursacht wird, werde ich das in Ordnung bringen. Ich werde alles tun, was nötig ist. Wenn mein Therapeut mir gesagt hätte, dass es mir helfen würde, mich nackt auszuziehen und durch ein volles Einkaufszentrum zu laufen, dann hätte ich das aber auch getan.

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Wie sind Sie auf die Untersuchung gestoßen, an der Sie teilgenommen haben?

Ich hatte mich gerade ins Internet vertieft und ein paar Stunden lang über posttraumatische Belastungsstörungen recherchiert und stieß dabei auf diese Studie. Ich dachte, ich könnte mich da doch einfach bewerben. Ich habe mir nicht viel dabei gedacht. Tatsächlich habe ich es danach sogar gleich wieder vergessen und nicht einmal meiner Frau davon erzählt. Dann, zwei Monate später, erhielt ich einen Anruf von der Forschergruppe, ob sie mich denn interviewen könnten.