Mehr Spaß beim Suchen

Zwei Studien zeigen, dass so mancher Webnutzer Google, Bing und andere Suchmaschinen nicht zielgerichtet einsetzt, sondern einfach nur auf Unterhaltung aus ist. Kann Google auch daraus ein Geschäft machen?

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  • Erica Naone

Zwei Studien zeigen, dass so mancher Webnutzer Google, Bing und andere Suchmaschinen nicht zielgerichtet einsetzt, sondern einfach nur auf Unterhaltung aus ist. Kann Google auch daraus ein Geschäft machen?

Eine Suchmaschine soll nach landläufiger Meinung einen Webnutzer möglichst schnell ans Ziel bringen: hin zur Firmenseite des lokalen Elektroinstallateurs, zum tollen Last-Minute-Urlaub oder zum besten Pastarezept. Dementsprechend optimieren Suchmaschinenbetreiber ihre Algorithmen so, dass der Nutzer möglichst weit vorn in der Trefferliste fündig werden kann. Zwei neue Studien zeigen nun aber, dass das Suchverhalten gar nicht immer so zielgerichtet ist.

Vielmehr gehen die User offenbar auch auf Google, Bing und andere Suchseiten, um Zeit totzuschlagen und irgendetwas Unterhaltsames zu entdecken. Dann geben sie Suchbegriffe wie „lustige Bilder“ oder „interessante neue Doku“ ein. Nur: Für dieses Verhalten sind die Suchmaschinen bislang nicht optimiert. Wären sie es, könnten ihre Betreiber noch deutlich mehr Klicks bekommen und mittels Anzeigen in bare Münze verwandeln. Zu diesem Schluss kommen Informatiker der Swansea University in Wales und der Universität Erlangen, die ihre Studien kürzlich auf dem „Human Computer Interaction and Information Retrieval“-Workshop in New Brunswick vorgestellt haben.

Laut Swansea-Forscher Max Wilson konzentrieren sich derzeit 90 Prozent der Forschung bei Suchmaschinenbetreibern darauf, die klassische zielgerichtete Suche zu verbessern. Doch gerade der Boom bei mobilen Webgeräten wie Smartphones werde das „Freizeit-Suchen“ anwachsen lassen, erwartet Wilson.

Um das Suchverhalten von Nutzern besser zu verstehen, führten er und seine Kollegen zwei Untersuchungen durch. In der einen ließen sie die Testpersonen ein Tagebuch darüber führen, wonach sie im Netz suchten, wenn sie fernsahen. In der anderen durchforsteten sie den Strom an Kurznachrichten auf Twitter nach Begriffen wie „browse“ oder „explore“. Die Ergebnisse fokussierten sie noch einmal hinsichtlich Begriffen, die für ein „casual searching“, ein beiläufiges Suchen, stehen – und kamen dabei in fünf Monaten auf 2,4 Millionen Treffer.

Beim beiläufigen Suchen sei es den Testern nicht so wichtig gewesen, von der Suchergebnis-Seite wegzukommen, sagt David Elsweiler von Universität Erlangen. Vielmehr sei es ihnen um eine bestimmte Stimmung gegangen. Die drückte sich in Suchbegriffen wie „interesting“, „entertaining“, „distracting“ oder „challenging“ aus. „Das sind sehr subjektive Beschreibungen, und Suchmaschinen können damit nicht besonders gut umgehen“, sagt Elsweiler.

Dieses Verhalten erkläre, warum Internet-Dienste wie StumbleUpon so populär seien. Dort finden Nutzer Vorschläge für Webseiten, die man sich anschauen sollte. Würden Suchmaschinenbetreiber ihre Dienste dahingehend anpassen, könnten sie gerade auch für Menschen leichter zu nutzen sein, die mit zielgerichtetem Suchen ihre Schwierigkeiten haben.

Informatiker hätten sich immer schon schwer damit getan, Technologien zu entwickeln, mit denen Leute einfach aus Spaß drauflos suchen, meint der Soziologe Robert Stebbins, der an der University of Calgary das heutige Freizeitverhalten erforscht. Bei der Websuche ginge es auch um stimulierende Eindrücke, um die Interaktion mit anderen und aktive Unterhaltung, etwa in Spielen oder Videos. Suchmaschinen könnten theoretisch anhand solcher Bedürfnisse Links klassifizieren, findet Stebbins.

Diese Möglichkeit hätten die Betreiber vernachlässigt, räumt Daniel Tunkelang ein, der bei Google auf dem Gebiet „Information Retrieval“ arbeitet. „Man könnte solch ein Suchverhalten leicht abtun, nur: Die Leute verhalten sich so.“

Einige Online-Dienste wie YouTube oder Amazon würden Nutzer schon jetzt dabei unterstützen, auf ganz neue Inhalte zu stoßen, fügt Tunkelang hinzu. Sie hätten nicht nur gute Suchwerkzeuge für die, die wissen, was sie wollen. Die Unentschlossenen, die sich gerne von einer Seite zur nächsten treiben lassen, bekämen Vorschläge, die sich entweder am Seiteninhalt oder an Nutzern mit vergleichbaren Profilen orientieren.

Erkenntnisse über beiläufiges Suchen ließen sich sehr gut in herkömmlichen Verfahren einbauen, bekräftigt Max Wilson. Die Systeme müssten auf Nutzer mit unterschiedlichen Motivationen reagieren. „Es sollte machbar sein, Spaß-Abfragen herauszufinden – ähnlich wie Google bereits Inhalte kategorisiert – und ein bisschen mehr auf die Wünsche einzugehen.“

Das Paper:
Max Wilson & Daniel Elsweiler, "Casual Leisure Searching: The Exploratory Search Scenarios That Break Our Current Models", HCIR 2010 (nbo)