Mercedes EQS: E-Luxusauto als interner Konkurrent der S-Klasse

Mit dem batterieelektrischen EQS bekommt die Mercedes S-Klasse intern einen harten Gegner, und das nicht nur beim Antrieb.

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Mercedes EQS

(Bild: Hersteller)

Von
  • Martin Franz

Seit vielen Jahren erhebt Mercedes den Anspruch, mit der S-Klasse das beste Auto der Welt zu bauen. Es darf darüber spekuliert werden, ob sich eine Mehrheit diesem Urteil anschließen würde. Ziemlich unumstritten ist jedoch, dass die Luxuslimousine bei ihrer Vorstellung oft den Stand der Technik darstellte. Die aktuelle Generation ist noch nicht mal ein Jahr alt, doch im Antriebsbereich vollzieht sie den sich abzeichnenden Wandel nur sehr zögerlich. Zwar sind alle Benziner Mildhybride, und auch der Plug-in-Hybrid setzt mit vergleichsweise großer Batterie und schneller Aufladung Akzente. Doch den vollständigen Schritt hin zum batterieelektrischen Antrieb vollzieht Mercedes nur beim EQS.

In diesem Segment gibt es für jegliche Zurückhaltung natürlich keine Grundlage. Schon im am wenigsten teuren EQS 450+ hat die Batterie einen nutzbaren Energiegehalt von 90 kWh, eine größere Ausbaustufe bietet 107,5 kWh. Die Zellen sind mit NMC 811 angegeben, der Materialmix setzt sich also aus acht Anteilen Nickel, einem Anteil Kobalt und einem Anteil Mangan zusammen. Mercedes garantiert, dass innerhalb von zehn Jahren oder 250.000 km eine Restkapazität von mindestens 70 Prozent verfügbar ist. Das Batteriemanagement kann over-the-air aktualisiert werden.

Anders als Porsche und Hyundai setzt Mercedes nicht auf ein 800-Volt-Netz. Es bleibt im EQS bei 400 Volt. Die Ladeleistung liegt an Gleichstrom bei bis zu 200 kW, an Wechselstrom sind 11 kW serienmäßig, die Option auf 22 kW gibt es nur als Extra, was im Umfeld eines derart luxuriösen Autos ein wenig seltsam wirkt. Die Reichweite liegt im besten Fall bei 770 km unter den Bedingungen des WLTP. Mercedes verspricht, dass sich Strom für bis zu 300 km innerhalb von 15 Minuten nachladen lassen. Zum Start sind drei Ausführungen geplant, wobei Mercedes vorab noch nicht alle Daten freigegeben hat und betont, alle Angaben sind nur vorläufig.

EQS 450+ EQS 580 4Matic
Leistung in kW 245 385
Drehmoment in Nm 568 855
Antrieb hinten Allradantrieb
Energiegehalt Batterie in kWh 107,8
Verbrauch WLTP in kWh/100 km 15,7 bis 20,4 17,4 bis 21,8
Leergewicht in kg 2480 2585
Länge 5216
Breite 1926
Höhe 1512
Kofferraum 610 bis 1770
Beschleunigung 0 auf 100 km/h 6,2 4,3
Höchstgeschwindigkeit in in km/h 210

Vermutlich noch in diesem Jahr soll noch eine Performance-Version folgen, die dann 560 kW bereitstellt.

Der Antriebsbereich allein wäre schon eine bemerkenswerte Abgrenzung zur S-Klasse, die ja im Prinzip ebenfalls noch neu ist. Immerhin taucht der EQS mit seinem E-Motor das Vorzeigemodell der Stuttgarter in ein seltsames Licht, was meinen Kollegen Timo Daum im Missing Link dazu veranlasst hat, der S-Klasse "Nostalgie pur" ins Kreuz zu werfen. Das war fraglos schon etwas uncharmant, hat, isoliert auf den Antrieb bezogen, aber einen wahren Kern, an dem auch der interessante Plug-in-Hybrid nichts mehr ändern wird. Mercedes rechnet sich dennoch gute Chancen aus, die Luxuslimousine noch ein paar Jahre mit Verbrennungsmotoren erfolgreich zu verkaufen.

Mercedes EQS (15 Bilder)

Der Mercedes EQS hatte reichlich Vorlauf: Schon Mitte 2019 gab es einen ersten Vorgeschmack, kurz vor der Premiere waren Proberunden mit dem nur noch leicht getarnten Serienmodell möglich.

Spannend ist jedoch die Idee, den batterieelektrischen Antrieb nicht einfach in die S-Klasse einzubauen, sondern ihr mit einem eigenen Modell intern Konkurrenz zu machen. Das geschwungene Äußere des EQS ist dabei nur ein Aspekt, der die beiden sichtbar trennt. Im Innenraum stattet Mercedes den Neuen gegen Aufpreis mit einer riesigen Display-Flut aus, die bis zu einer eigenen Anzeige vor dem Fahrer reicht. Schaut dieser zu oft darauf, wird sie abgeschaltet.

Das Armaturenbrett der S-Klasse wirkt im direkten Vergleich wie Stückwerk. Im EQS gehen die aufpreispflichtigen Bildschirme gefühlt ineinander über, in der S-Klasse bleibt es stets bei einer harten Abgrenzung zwischen Kombiinstrument und Display in der Mitte. Was schöner ausschaut, ist sicher Geschmackssache, was moderner aussieht, nicht. Ich spekuliere mal, dass kaum ein EQS ohne den "MBUX Hyperscreen" ausgeliefert wird.

Der Funktionsumfang ist in beiden Autos weitgehend gleich. Die neue Generation des Infotainmentsystems MBUX bringt nicht nur noch mehr Funktionen, sondern vor allem eine leistungsstärkere Hardware und eine weiter verbesserte Sprachsteuerung. Mercedes hat sich hier in der vergangenen Jahren von den meisten Konkurrenten weit abgesetzt. Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass einige Hersteller, darunter Volvo mit seiner Submarke Polestar, sich mit Android Automotiv in die Hand von Google begeben haben. Die ersten Versuche sind vielversprechend und deuten darauf hin, dass Mercedes in diesem Bereich endlich ernsthafte Konkurrenz bekommt.

Die ist für den Mercedes EQS insgesamt derzeit rar. Tesla ist mit dem gerade überarbeiteten Model S seit vielen Jahren auf dem Markt und hält es mit Updates aktuell. Der EQS dürfte es Bereichen, darunter Fahrwerk, Verarbeitung und Ambiente, weit hinter sich lassen. Spannend wird es noch einmal im Bereich autonomes Fahren. Denn S-Klasse und EQS sind technisch darauf vorbereitet, auf Level 3 allein fahren zu können. Das System übernimmt dabei die Führung in einem spezifischen Anwendungsfall, ohne das der Fahrer es permanent überwachen muss. Der kann dabei allerdings nicht schlafen, sondern muss jederzeit in der Lage sein, eingreifen zu können. Vorerst bleibt es also dabei, dass der eigentliche Hauptsitz, auf dem man dann auch ruhen kann, noch immer hinten rechts ist. Zumindest das eint die Kontrahenten aus gleichem Haus.

(mfz)