Mini-Auto in Toastbrot-Form: Hondas N-Box ist in Japan der Bestseller des Jahres

Miniaturisierung zahlt sich an Japans Automarkt groß aus. Das Segment der Kleinstwagen dominiert Japans Top-10.

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Honda N-Box

Der Honda N-Box.

(Bild: Honda)

Von
  • Martin Kölling

Ob Bonsai-Bäumchen oder der erste Walkman – Japan hat eine Liebe zur Miniaturisierung von Natur und Technik. Das zeigt sich auch am Automarkt: Der Bestseller des Jahres 2022 ist laut der Vereinigung japanischer Autohändler der Honda N-Box mit 202.197 verkauften Exemplaren.

Die hervorstechendste Eigenschaft des Autos ist nicht etwa ein starker Motor, ein besonderes Design oder gar ein extrem niedriger Preis, sondern die Anti-These zum Immer-schneller-stärker-größer-Denken, das oft die Märkte regiert. Der N-Box ist nämlich ein geräumiges und flexibles Exemplar des japanischen Segments der Kei-Cars, der Leichtwagen, die wegen ihres hohen Nutzens und der geringeren Kosten etwa ein Viertel des japanischen Automarkts ausmachen. Insgesamt schafften es immerhin fünf Kei-Cars von Honda, Daihatsu und Suzuki unter Japans Top-10.

Das Erstaunliche: Seit 1998 sind die Wagen dieser Klasse weder in Länge, Breite noch der Motorisierung gewachsen. Denn das einst deutlich steuerbegünstigte Segment ist in diesen Belangen strikt reguliert. Ein Kei-Car darf nicht länger als 3,40 Meter, nicht breiter als 1,48 Meter und nicht höher als zwei Meter sein. Und die "Motörchen" sind auf 660 Kubikzentimeter und 64 PS beschränkt. Mehr Auto geht nicht. Auch elektrische Minis wie der neue Nissan Sakura übernehmen das PS-Limit.

Hondas N-Box schöpft dabei in seinen unteren Preislagen nicht einmal das PS-Limit aus. Dafür übernimmt er die bei Kei-Car-Designern und -Kunden beliebte hohe Toastbrot-Form, die mit sehr kurzer Motorhaube und einem flachen Boden viel Platz für vier Personen auf engem Raum bietet.

Allerdings hat sich der Autohersteller seit dem ersten N-Box vor acht Jahren den Ruf erworben, besonders innovativ mit dem kleinen Raum und der Technik umzugehen. Daher ist er seit Jahren das beliebteste Kei-Car bei Kunden, die keine weiten Strecken fahren müssen, aber durchaus bequem reisen wollen. Gerade auf engen Land- und Stadtstraßen bieten schmale Kleinwagen Vorteile, die dank eines Tempolimits auch auf der Autobahn nicht gänzlich verschwinden. Mehr als 100 km/h darf man in der Regel nicht fahren. Wer will, kann daher auch mit den kleinen Motoren Strafmandate für Geschwindigkeitsübertretungen sammeln.

Auch bei mir stehen Kei-Cars und unter ihnen besonders der N-Box hoch im Kurs: In meinem Car-Sharing-Dienst, in dem ich in meiner Nachbarschaft aus 15 Modellen wählen kann, fahre ich am häufigsten den N-Box. Besonders haben es mir kleine Gimmicks angetan. Da ist zum Beispiel ein kleiner Spiegel über dem Rückspiegel, mit dem Fahrer oder Fahrerin die Kinder auf den Rücksitzen überwachen können. Ein weiteres Spiegelsystem im Seitenfenster auf der Beifahrerseite erlaubt es zudem, auch ohne Kamera den toten Winkel einzusehen.

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Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus - und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends aus Japan und den Nachbarstaaten.

Komfort und Fahrassistenten sind zwei andere Aspekte. Obwohl das Gefährt rund 60 Zentimeter kürzer ist als ein VW Polo, bietet es mit 2,52 Metern fast den gleichen Achsabstand. In der Innenraumhöhe gibt es ebenfalls Luft: Wollte man den Spielraum mit modischen Kopfbedeckungen veranschaulichen, so erlaubt es der Honda großen Insassen, einen Hut zu tragen. Kleinere Mitfahrer könnten sogar einen Zylinder aufsetzen.

Das Modell mit Zweirad-Antrieb ist fast 1,70 Meter hoch, das mit Allradantrieb sogar über 1,80 Meter. Zugleich lässt sich der Innenraum durch einzeln verschiebbare Sitze sehr flexibel gestalten. Opfert man Gepäckraum, sitzt es sich hinten wie in einer Mercedes S-Klasse, wenigstens in Bezug auf die Beinfreiheit.

Auf Wunsch erhalten Käufer und Käuferinnen heute bei Honda – wie auch bei vielen Konkurrenten – umfangreiche Sicherheitspakete. Dazu zählen etwa Spur-, Tempo- und Abstandshaltung und Erkennung von Geschwindigkeitsbeschränkungen.

Das zieht nach sich, dass die einst als Billigalternative entwickelten Kei-Cars gar nicht mehr so preiswert sind. Das Einstiegsmodell beginnt bei 1,4 Millionen Yen (10.100 Euro). Wer Wert auf Vierradantrieb, Spoiler und Zwei-Farb-Lackierung legt, kann den Preis auf etwa 2,3 Millionen Yen (16.600 Euro) treiben. Gleichzeitig hat die Regierung die Steuervorteile deutlich gesenkt, um größeren Autos bessere Marktchancen zu geben. Dies hat der Popularität der Kei-Cars aber nicht geschadet. Damit zeigt Japans Nachfrage, dass sich weniger Auto für die Hersteller mehr auszahlen kann. Vielleicht brauchen die Hersteller in anderen Märkten einfach nur mehr Mut.

(jle)