Missing Link: 20 Jahre 12. September 2001

Der Tag auf die Attentate in den USA ist 20 Jahre her und er dauert seitdem an. Auf eine neue Dimension des Terrors folgte eine neue Dimension der Überwachung.

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Ein Zeitungsstand vor 20 Jahren. Die deutschen Medien übernahmen schnell die Wortwahl des US-Präsidenten.

(Bild: dpa)

Von
  • Andreas Wilkens
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"Der gestrige terroristische Angriff hat uns noch einmal vor Augen geführt: Sicherheit ist in unserer Welt nicht teilbar. Sie ist nur zu erreichen, wenn wir noch enger für unsere Werte zusammenstehen und bei ihrer Durchsetzung zusammenarbeiten."
Bundeskanzler Gerhard Schröder am 12. September 2001 im Bundestag

Gerne wird behauptet, fast jeder Mensch, der damals gelebt hat und alt genug dafür war, könne sich daran erinnern, wo er oder sie an jenem Tag war, als Selbstmordattentäter in den USA Passagier-Flugzeuge entführten und das Pentagon in Washington D.C. und die Türme des World Trade Center rammten. Das Ereignis war sehr präsent in den Medien, wer es dennoch nicht sah oder im Radio davon hörte, dem und der wurde davon unweigerlich erzählt. Doch wer hat verfolgt und kann sich erinnern an das, was danach geschah, in den Tagen nach dem 11. September 2001? Mancherorts wie zum Beispiel in Edward Snowdens Autobiografie wird diese Zeit als "12. September" subsumiert. Der Tag ist 20 Jahre her und dauert gleichzeitig seit 20 Jahren an.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Wir haben für Sie in unserem Archiv und in anderen Quellen nachgeblättert nach Weichenstellungen und Verstärkungen bereits vorhandener Bestrebungen in einer Phase, die manche als Zeitenwende oder zumindest als Gelegenheit für einen Paradigmenwechsel bezeichnen. Auch für den Newsticker war es eine Art Wendepunkt, denn die Machenschaften der Geheimdienste gerieten bis heute viel stärker in den Vordergrund, so auch die Themen Überwachung und Datenschutz. Ins engere Themenfeld von heise online fällt die Nachricht vom 15. September 2001, dass Microsoft seinen Flugsimulator abändert und das nunmehr nicht existierende World Trade Center auch aus seiner Software entfernt. Über dieses Themenfeld hinaus weist in derselben Meldung die Mutmaßung, die Attentäter könnten ihre Suizidmission am PC trainiert haben.

Schnell wurde nach 9/11 ein Spannungsfeld schärfer, das einmal einer der Gründerväter der USA, Benjamin Franklin, aus seiner Sicht so formuliert haben soll: "Diejenigen, die ihre Freiheit zugunsten der Sicherheit aufgeben, werden am Ende keines von beiden haben – und verdienen es auch nicht." Dem setzt der damalige Innenminister Otto Schily (SPD) am 15. November 2011 im Bundestag (PDF) entgegen: "Wer versucht, zwischen Freiheit und Sicherheit einen Gegensatz zu bilden, befindet sich auf dem Holzweg." Freiheit sei die notwendige Garantie für Sicherheit und umgekehrt. Der Schutz des Lebens, der Schutz der körperlichen Unversehrtheit, der Schutz der Freiheit seien Grundrechte, die in die Sicherheit einmünden.

Für den US-Präsidenten George W. Bush sind die Konsequenzen aus den Attentaten schnell klar, er spricht vom "ersten Krieg des 21. Jahrhunderts" und versichert sich der Unterstützung seiner Verbündeten. Die Historikerin Carola Dietze weist hingegen rückblickend darauf hin, dass die Anschläge vom 11. September nicht notwendig als Kriegshandlung oder Eröffnung eines Krieges betrachtet werden mussten. "Sie hätten auch als kriminelles Verbrechen definiert werden können, wie auch schon einige Zeitgenossen wussten und vorschlugen." Das Ziel der terroristischen Taktik sei, durch spektakuläre Gewalt unter den Gegnern Angst und Terror zu verbreiten. Deutungen mit historischen Superlativen drohten den Gewalttätern in die Hände zu spielen.

Friedrich Merz sieht das als Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion anders, er greift am 12. September 2001 im Bundestag (PDF) verbal ins ganz Große. Die Anschläge hätten nicht nur die USA getroffen, "sie sind ein Angriff auf die Zivilisation, auf die Freiheit und auf die Offenheit unserer Gesellschaften. Sie sind ein Angriff auf die Grundwerte, die das friedliche Zusammenleben der Völker und der Menschen überhaupt erst möglich und das Leben der Menschen wertvoll machen. Das Böse schlechthin, Menschenverachtung und Barbarei haben uns gestern angegriffen".

In die Richtung gehen auch die Gedanken des SPD-Fraktionsvorsitzenden Peter Struck: "Wir haben gestern erfahren, wie verletzbar die von uns geschaffene Ordnung ist. Wir haben erfahren, dass das 21. Jahrhundert hinter den Brutalitäten der Vergangenheit nicht zurücksteht." Strucks Kollege von der FDP, Wolfgang Gerhardt beruft sich auf den Historiker Joachim Fest und meint, eine Zivilisation brauche befestigte Linien, die von niemandem preisgegeben werden dürften. "Es geht uns und unseren amerikanischen Freunden um diesen Kern des gemeinsamen Nenners, der Deutschland aus seiner größten Katastrophe herausgebracht und eine gefestigte transatlantische Partnerschaft begründet hat, die wir nicht zerschlagen lassen werden, durch wen auch immer."

Der Grüne Rezzo Schlauch spricht von einem Anschlag auf die offene Gesellschaft überhaupt. "Die Tat und die Täter spotten der Demokratie und der Freiheit, indem sie die Verwundbarkeit offener Gesellschaften demonstrieren, demonstrieren wollen." Dieser 11. September werde die Welt verändern; "er hat sie schon verändert. Und es ist schwer, den Umfang dieser Veränderung heute zu ermessen". Roland Claus von der PDS betont, es sei ein Anschlag auf die zivile Gesellschaft, auf Kultur und Humanität. "Es hat das Herz nicht nur der amerikanischen, sondern auch der Weltgesellschaft getroffen." Als Gebot der Stunde sieht Claus, über eine Sicherheit nachzudenken, "die menschenmöglich ist und dabei menschlich bleibt, über eine Sicherheit, die dem Recht folgt und gerecht sein will, über eine Sicherheit, die freiheitlich und auf Ausgleich bedacht ist".