Missing Link: Von Geheimnissen und Whistleblowing - 50 Jahre Pentagon Papers

Vor 50 Jahren wurden Berichte und Analysen unter dem Namen "Pentagon Papers" bekannt. Die Washington Post hatte zunächst kein Interesse an den Papieren gezeigt.

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(Bild: Shutterstock/Kunal Mehta)

Von
  • Detlef Borchers
Inhaltsverzeichnis

Vor 50 Jahren veröffentlichten die New York Times und die Washington Post erste Ausschnitte aus dem "Report of the Office of the Secretary of Defense Vietnam Task Force". Die Berichte und Analysen wurden unter dem Namen "Pentagon Papers" bekannt. Die 7000 Seiten des Reports zeigten, dass die Öffentlichkeit und der US-Kongress systematisch über das Vorgehen der USA in Vietnam getäuscht wurden.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Am 29. Juni 1971 verlas der demokratische Senator Mike Gavel in einem Filibuster 4100 Seiten des Reports, damit sein Inhalt öffentlich diskutiert werden konnte. Die Whistleblower Daniel Ellsberg und Anthony Russo, die von Staatsanwälten wegen Spionage und Diebstahl angeklagt wurden, wurden freigesprochen. Die Verfahren gegen die New York Times und die Washington Post wurden am 30. Juni 1971 mit der bemerkenswerten Begründung eingestellt: "Nur eine freie, unbehindert agierende Presse kann wirksam Täuschungen durch die Regierung aufdecken."

Am 13. Juni 1971 hatte die New York Times als erste Zeitung damit begonnen, die Pentagon Papers zu veröffentlichen. Schon die ersten vom Journalisten Neil Sheehan ausgewählten Dokumente schlugen wie eine Bombe ein. Sheehan hatte von 1962 bis 1966 als Reporter aus Vietnam berichtet. Er deckte zusammen mit David Halberstam und Malcolm Browne etliche Kriegsverbrechen der US-Armee auf. Die edlen Kämpfer gegen den Kommunismus, wie sie öffentlich dargestellt wurden, wurden gründlich entzaubert. Schon 1966 schrieb Sheehan in der New York Times: "Ich bin einfach sehr besorgt darüber, dass wir in diesem Krieg uns selbst korrumpieren. Ich wundere mich, wenn ich die ausgebombten Dörfer sehe, die bettelnden und stehlenden Waisenkinder in den Straßen von Saigon, die Frauen und Kinder mit den Napalm-Brandwunden in den Krankenhausgängen, ob die Vereinigten Staaten oder jede andere Nation das Recht hat, so ein Leid, so eine Erniedrigung von anderen Menschen allein für ihre Zwecke zuzufügen."

Mit der Veröffentlichung der Pentagon Papers konnte Sheehan das ganze Ausmaß der Täuschungen belegen. Eine der ersten Reaktionen auf die Veröffentlichung der Pentagon Papers kam von Hannah Arendt: "Die berühmte Glaubwürdigkeitslücke (credibility gap), die uns seit sechs Jahren vertraut ist, hat sich plötzlich in einen Abgrund verwandelt. Der Flugsand unwahrer Behauptungen aller Art, von Täuschungen und Selbsttäuschungen, benimmt dem Leser den Atem."

Die Pentagon Papers wurden 1967 vom damaligen US-Verteidigungsminister Robert McNamara in Auftrag gegeben und innerhalb von drei Jahren produziert. "Es ist kein schöner Anblick, wie die größte Supermacht der Welt bei dem Versuch, eine winzige rückständige Nation wegen einer heftig umstrittenen Sache in die Knie zu zwingen, wöchentlich tausend Nichtkombattanten tötet oder schwer verwundet." Für diesen Satz wurde McNamara hart kritisiert. Er ließ darum eine "Vietnam Task Force" bilden, in der unter der Leitung seines Vizes John T. McNaughton 36 Spezialisten eine umfassende Darstellung des Vietnamkrieges erarbeiten sollten. Unter ihnen befanden sich aktive Militär-Offiziere, außenpolitische Experten und Ökonomen sowie Analytiker der RAND Corporation, einem für die Regierung arbeitenden Think Tank". RAND produzierte bis 1975 über 100 Studien zum Vietnamkrieg und den Problemen in Südostasien.

Eine wichtige Rolle spielten die damals eingesetzten Forscher der "Social-Science-Abteilung" des RAND, die von dem deutschen Emigranten Hans Speier eingerichtet worden war. Das RAND schickte rund ein Dutzend Soziologen, die zumindest Französisch verstehen konnten, nach Vietnam, um eine zentrale Frage zu klären: Wie tickt eigentlich der Vietcong, der unmittelbare Gegner? Was machen Vietnamesen, die seit 2000 Jahren gegen die unterschiedlichsten Invasoren kämpfen? Die einfache Antwort: Sie kämpfen einfach weiter und werden weiter kämpfen. Die USA ist nur der nächste Gegner.

Die prägendste Erfahrung machte ein RAND-Analyst namens Anthony Russo, der gefangene Vietcong-Kämpfer interviewte, die alle möglichen Folterungen wie Waterboarding und Elektroschocks erlebt und überlebt hatten. Unter dem Eindruck seiner Interviews wurde Russo ein erklärter Gegner des Vietnamkrieges und musste RAND verlassen. Später sollte er dem weiterhin bei RAND beschäftigten Analytiker Daniel Ellsberg helfen, den gesamten Satz an Pentagon-Dokumenten zu kopieren, die das RAND besaß, eine Aktion, an die Ellsberg zum Tod von Russo 2008 dankbar erinnerte.