Missing Link: Ältere Coder, bewerbt Euch! Autoindustrie und Software-Entwicklung

In der Autoindustrie gab es in den letzten Jahren massive Veränderungen, wie und wo Software eingesetzt wird. Ein Interview mit Mercedes-Benz-CSO Magnus Östberg

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(Bild: metamorworks/Shutterstock.com)

Von
  • Clemens Gleich

Deutlich mehr als die Hälfte der Wertschöpfung im Autobereich findet bei der Software statt, und das nicht erst seit gestern, sondern schon seit über zehn Jahren. Entsprechend viel hat sich in den Entwicklungs-Büros der Autohersteller getan.

Mercedes-Benz (ex: "Daimler"), hat kürzlich den Büroblock "Electric Software Hub" in Sindelfingen eingeweiht. Der älteste Autohersteller der Welt wirbt um die weltbesten Software-Ingenieure und kann sich einiger Erfolge der Entwicklungsstrategie erfreuen. Wir sprechen mit dem aktuellen Chief Software Officer (CSO) Magnus Östberg über die Besonderheiten des Codings im Automotive-Bereich, Software-Effizienz und warum es in Sindelfingen keine monatelangen Crunches gibt.

Herr Östberg, was hat sich in den letzten 20 Jahren gewandelt in der automobilen Software-Entwicklung?

Früher lag der Schwerpunkt auf der Embedded-Programmierung. Jede größere Funktion hatte ihre "Kiste", ihr Steuergerät. Heute haben wir eine Service-basierte Infrastruktur mit mehr Bandbreite; wir haben weniger Rechner mit jeweils mehr Leistung; wir setzen auf Virtualisierung und mehr höherlevelige Programmiersprachen. Viele Funktionen wanderten zudem hinaus aus dem Fahrzeug und hinein in die Hersteller-betriebene Cloud.

Magnus Östberg, Chief Software Office bei Mercedes-Benz

(Bild: Mercedes-Benz)

Die Kundschaft heute kommt mit Erwartungen aus dem Consumer-Bereich, die mit den klassischen Zyklen der Automobilwirtschaft nicht abbildbar sind. Gleichzeitig sollen die Fahrzeuge ihre gewohnte lange Nutzungszeit bringen. Da gilt es dann, gute Kompromisse zu finden. Wir haben hier einerseits Rechenleistungsreserven im Fahrzeug und andererseits können wir neue Funktionen in der Lebenszeit über die Cloud bereitstellen – für alle Fahrzeuge.

Was ist Ihr Beitrag zur Software-Kultur bei Mercedes-Benz?

Mein größter Beitrag ist sicherlich meine Erfahrung, vor allem aus dem Zulieferbereich. Wie macht man Technologie real? Wie kommt sie in den Markt? So etwas muss man immer im Blick behalten, wenn man eine Idee bewertet. Und 20 Jahre Erfahrung aus dem Telekommunikations-Tech-Bereich haben mich gelehrt, stets gleich global zu denken.

Welche Software entwickelt Mercedes-Benz selbst?

Wir konzentrieren uns auf Architektur und Integration. Vor allem aber wollen wir alles Kunden-Nahe inhouse entwickeln. Das prominenteste Beispiel wäre unsere markante UX. Hier sind Beschleunigungen in den Zyklen möglich, die es nur mit interner Entwicklung geben kann. Gleichzeitig ist die Arbeit im Automotive-Ökosystem wenig inselhaft.

Wir kooperieren also eng mit unseren Technologiepartnern. Dazu gehören die klassischen Automobil-Zulieferer, aber auch Unternehmen wie Unity (3D-Engine) oder Nvidia (SoC Automated Driving). Hier findet viel gemeinsame Arbeit statt, vor allem dabei, Standards zur Zusammenarbeit zu setzen.

Ist die höherlevelige Software wichtiger geworden als der low-level-embedded-Anteil?

Ich möchte ungern jemanden "wichtiger" nennen. Im Automotive-Bereich ist die Systemperspektive enorm wichtig. Es gibt auch hier kein thematisch inselhaftes vor-sich-hin-Arbeiten verschiedener Bereiche, sondern wir müssen systemübergreifend kooperieren. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir verarbeiten Hardware-Daten mit Machine Learning. Oder noch einfacher: Wir zeigen Hardware-Daten in sehr aufwendigen Nutzerschnittstellen grafisch an. Welches Ende der Arbeiten ist nun jeweils "wichtiger"? Das wirklich Wichtige ist, die richtige Balance zu finden: Wie viel Zeit stecke ich in welchen Bereich?

Wie zentral ist Effizienz im Automotive-Bereich?

Das ist einzigartig bei uns. Wir brauchen Effizienz im Betrieb der Fahrzeuge, die stets darauf optimiert werden. Hier haben wir auch sehr gute Erfahrungen mit erfahreneren Programmierern gemacht, die solche Problemstellungen bereits bearbeitet haben. Es geht bei der Effizienz immer um die Leistung aus der Kundenperspektive.

Wenn ich zum Beispiel eine Elektroauto-Route plane, wie und wo lade ich am effizientesten, nicht nur in Sachen Energie, sondern auch in Sachen Zeit? Was berechne ich onboard im Auto, was spiele ich über den Netzwerkadapter und die Cloud? Wir sahen jüngst am Beispiel unseres Versuchsfahrzeugs EQXX, das sehr wenig Antriebsenergie braucht, wie viel mehr dann die Subsysteme ausmachen. Da steht die ständige Reichweitenberechnung, die elektrische Reichweite ständig in Konkurrenz zur Klimatisierung, zu ADAS (Advanced Driver Assistance Systems), zum Infotainment.

Was ist mit der Effizienz der Software an sich?

Hier veranstalten wir regelmäßige Schulungen und nutzen entsprechende Frameworks. Wir suchen stets erfahrene Optimierer, die es im Automotive-Bereich noch recht häufig gibt. Die kombinieren wir mit jungen Menschen, die Code-Effizienz dann on the job lernen. Auf solche Dinge achten wir zum Beispiel in unserem neuen Electric Software Hub in Sindelfingen, wo auf sieben Stockwerken komplett in-the-loop entwickelt wird, mit Ausprobieren der nächsten Iteration in Simulationen oder gleich auf Testautos, die dort stehen. Bei der Optimierung steht wieder die Frage im Vordergrund: "Wie performant ist die Software im Realen?" Das führt dann wieder zurück zur Systemperspektive.

Sie haben jetzt mehrfach die Vorzüge erfahrener Coder genannt, die anderswo Diskriminierung erfahren. Was würden Sie älteren Software-Ingenieuren sagen?

Bewirb dich mal! Erfahrung wird gebraucht. Wir arbeiten an vielen Punkten sehr Hardware-nah, also ist Effizienz sehr wichtig, viel wichtiger als in anderen Bereichen der Software-Entwicklung. Das betrifft viele Bereiche, etwa die Datenübertragung, in der möglichst sparsam möglichst viel kommuniziert werden muss. Sparsamkeit und Effizienz sind Dinge, die heute nicht mehr zwangsläufig gelehrt werden in den Coding-Ausbildungen.

Trotz der Relevanz von Software im Autobereich haben viele Menschen ihn nicht auf dem Schirm, wenn sie an Jobs in der Software-Entwicklung denken. Was hat Mercedes-Benz da getan, was tun Sie weiterhin?

Wir haben vor allem reichlich investiert: in moderne Räumlichkeiten mit offenen Flächen, auf denen alle zusammenkommen, in moderne Führungsstile, in aktuelle Entwicklungsmethoden (Agile/SAFe). Wir bieten zudem flexible Arbeitszeitmodelle an, Fernarbeit ist bei uns kein Problem. Weiterhin führen wir Fach-Interviews wie dieses hier, wir sind auf LinkedIn, halten Vorträge. Auch Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert an vielen Orten erstaunlich gut. Das war einer der Treiber in Bangalore, dort gute Mitarbeiter zu finden. Ähnlich war es in Berlin.

Was macht es aus, bei Mercedes-Benz Software zu entwickeln?

Vor allem die komplexe Systemperspektive ist sehr spannend. Wir gestalten auf dem höchsten Level Luxus digital. Das tun wir in geregelten Arbeitszeiten. Bei uns gibt es kein "Push und dann Burnout". Wir setzen auf die Werte Mut, Vertrauen und Respekt, auf eine langfristige Sicht der Arbeitsqualität. Da finden wir dann unsere Balance der verschiedenen Perspektiven und Anforderungen, seien sie nun sozial, familiär, professionell oder finanziell. Natürlich gibt es auch bei uns zum Ende einer Produktionsperiode Pushes, an denen es stressiger wird. Doch wir versuchen, über kurzfristige Bedürfnisse hinaus sinnvoll zu denken.

(jk)