Missing Link: Bis ans Ende der Zeit – die Geschichte unseres Universums, Teil 2

Sollte das Universum tatsächlich noch unvorstellbar lange existieren, wird es nur ungemütlicher. Es kann aber schneller enden, zeigt der letzte Teil der Serie.

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(Bild: Andrea Danti/Shutterstock.com)

Von
  • Alderamin
Inhaltsverzeichnis

Wie groß ist das Universum? Woraus besteht es? Wie ist es entstanden und wie wurde es so, wie wir es heute kennen? Mit diesen Themen beschäftigt sich die Kosmologie, die Lehre von der Entstehung und Entwicklung des Universums. Sie ist derzeit eine der spannendsten Disziplinen der Naturwissenschaft und sie spannt einen Bogen von der Physik des Allerkleinsten zu den größten Strukturen, die wir kennen. In dieser Reihe möchte ich den derzeitigen Stand des Wissens skizzieren und darlegen, warum die große Mehrheit der Kosmologen scheinbar so absurden Ideen anhängt wie etwa, dass leerer Raum eine abstoßende Gravitation habe, dass das Universum aus dem Nichts entstanden sei, und dass wir den Stoff, aus dem 95 Prozent des Universums bestehen, noch nie gesehen haben. Der letzte Teil der Serie nimmt uns mit in eine unermesslich ferne Zukunft.

Im vorangegangen ersten Teil der Reise ans Ende der Zeit sind wir beim Urknall aufgebrochen und haben die Entwicklung des Universums und speziell unseres kleinen Winkels darin bis zu Jetztzeit verfolgt. Wir Menschen sind dabei nicht einmal ein Wimpernschlag in der Geschichte des Universums. Würde man die bisherige Geschichte des Universums auf ein Jahr zusammenschrumpfen, so entstanden die ersten Galaxien Mitte Januar, unser Sonnensystem am 1. September um Mitternacht, das erste Leben Mitte September. Höheres Leben ("kambrische Explosion") traten jedoch erst am Morgen des 18. Dezembers auf. Die Dinosaurier betraten erst am frühen Morgen des 26. Dezember die Weltbühne und starben am 30. Dezember um 6:30 Uhr aufgrund eines Asteroideneinschlags schon wieder aus.

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Am Silvesterabend gegen 19:30 Uhr zweigten die Hominiden vom Stammbaum der Menschenaffen ab und gegen 22:30 Uhr tauchte mit Homo rudolfensis der erste Vertreter der Gattung Mensch auf. Um Viertel vor Zwölf trat dann der anatomisch moderne Mensch auf die Bühne, der Europa erst um 2 Minuten vor Mitternacht besiedelte und die dort seit einer halben Stunde lebenden Neandertaler verdrängte. Die gesamte niedergeschriebene Menschheitsgeschichte spielte sich in den letzten 12 Sekunden des Jahres ab. Die Zeitenwende fand vor 4,63 Sekunden statt und der Zweite Weltkrieg endete vor 176 Millisekunden. Unser Jahrtausend ist gerade einmal 51 Millisekunden alt.

Leider sind manche Menschen so pathologisch veranlagt, dass sie für ein paar Millisekunden Herrschaft über eine knapp zweistellige Prozentzahl der Fläche unseres kleinen Staubkorns, das man schon vom nächsten Nachbarstern aus selbst mit modernster Teleskoptechnik nicht mehr als Lichtpunkt abbilden könnte, unendliches Leid über ihre Mitmenschen bringen. Aber selbst auf tausend Jahre ausgelegte Reiche erledigen sich gewöhnlich deutlich schneller als gedacht.

Legt man die durchschnittliche Lebensdauer von Spezies zugrunde, dann haben Säugetierarten eine mittlere Lebensdauer von einer Million Jahren. Homo sapiens gibt es wahrscheinlich schon rund 300.000 Jahre lang, also sind wir schon in der Größenordnung der Lebensdauer unserer Spezies und wir können nicht davon ausgehen, dass uns deswegen noch 700.000 Jahre zustehen – es gibt bei einem Zufallsprozess wie der Lebensdauer einer Art keinen Anspruch auf die Erreichung des Erwartungswerts! Gerne träumen manche ja davon, dass die Menschheit den Planeten verlässt, die Erde vor der Roter-Riese-Phase der Sonne in Sicherheit bringt und irgendwie ewig weiter existiert. Das ist jedoch ein sehr unwahrscheinliches Szenario. Entweder sterben wir aus – oder die Evolution formt aus uns neue Arten. Es ist keinesfalls ausgemacht, dass wir die beherrschende Stellung im irdischen Ökosystem für lange Zeit beibehalten können. Eine größere ökologische oder militärische Katastrophe kann unsere Zivilisation zerstören, unsere Population radikal verkleinern und uns weit zurückwerfen in eine prätechnologische Zeit.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Nüchtern betrachtet, sieht es für uns eher mau aus. Wir führen gerade durch die Verbrennung fossiler Rohstoffe ein sechstes Massensterben herbei, welches unsere Lebensgrundlage ultimativ zerstören könnte. Noch nie in der Geschichte der Erde hat sich ein so schneller Temperaturanstieg ereignet, und er triggert gerade Kipppunkte, die irreversibel sind, zum Beispiel das Schmelzen des grönländischen Eisschildes, der Verlust des arktischen Meereises, das Absterben des Amazonas-Regenwalds und das Verebben des Golfstroms. Schon heute erreicht die Temperatur in äquatornahen Ländern Werte von 50 °C, eine lebensgefährliche Temperatur – langfristig dürften die Tropen unbewohnbar werden. Der Meeresspiegel würde bei einem 5°C-Anstieg um etwa zwei bis vier Meter pro Jahrhundert in den kommenden 1000 Jahren auf 25-50 m über dem jetzigen Pegel ansteigen und unsere Küstenlinien völlig verändern. Konflikte und große Flüchtlingsströme werden unvermeidlich sein.

Massenvernichtungswaffen sind nicht mehr aus der Welt zu bekommen und die Vorstellung, dass diese stets unter der Kontrolle besonnener Politiker bleiben, wird aktuell ad absurdum geführt, nachdem die Drohung damit gerade wieder in Mode gekommen zu sein scheint. Ich würde keinen Kasten Bier darauf wetten, dass unsere Zivilisation die nächsten tausend Jahre übersteht… Wie dem auch sei, die Menschheit wird, so wie sie sich aufführt, früher oder später irgendwann von der Bildfläche verschwinden und anderen Spezies Platz machen. Falls irgendjemand einmal die Erde durch Verschiebung ihres Orbits nach außen vor der wachsenden Sonne retten sollte – es wird mit großer Sicherheit kein Mensch mehr sein.