Missing Link: Contact Tracing – Gesundheit als globales Big-Data-Projekt

Wir überlassen den Plattformen des digitalen Kapitalismus bereitwillig unsere Daten. Ausgerechnet bei der Corona-Tracing-App haben wir Datenschutzbedenken.

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(Bild: Shutterstock/Peshkova)

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Anfang der Woche ging die deutsche Corona-App auf den Plattformen der Handy-OS-Betreiber Google und Apple an den Start – mit zwei Monaten Verzögerung, worüber sich bei IT-Projekten niemand groß wundert. Für eine wirksame Hilfe bei der Eindämmung der Pandemie – Erfolge mit schnellem Contact-Tracing in einigen asiatischen Ländern hatten zunächst für Euphorie gesorgt – ist es jetzt natürlich zu spät. Allenfalls als zusätzliches Hilfsmittel bei der Aufdeckung von Infektionsherden scheint sie noch tauglich zu sein.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Die Geschichte der deutschen Contact-Tracing-App kann gut und gerne als Fiasko bezeichnet werden. Anfangs dominierte die Frage, ob anonymisierte IDs auf zentralen Servern oder lokal gespeichert werden sollen, die Debatte. Und die alltägliche Datensammlungspraxis der Digitalkonzerne wurde mal wieder konsequent ausgeblendet.

Ein Beitrag von Timo Daum

(Bild: 

Timo Daum/Fabian Grimm

)

Timo Daum, geboren 1967, Timo Daum ist Physiker, kennt sich mit dem Digitalen Kapitalismus aus, ist Gastwissenschaftler beim Institut für digitale Mobilität und gesellschaftliche Differenzierung in Berlin. Zuletzt ist im Frühjahr 2019 sein Buch "Die Künstliche Intelligenz des Kapitals" bei der Edition Nautilus erschienen.

Insbesondere wenn ein Impfstoff möglicherweise Jahre auf sich warten lässt, bietet sich der Einsatz von Big Data und Location Tracking als Alternative zu Lockdown-Maßnahmen an: Die Hoffnung besteht, schneller Infektionsherde erkennen und so letztlich Einschränkungen im gesellschaftlichen Leben schneller aufheben zu können. Punkten kann eine solche App insbesondere beim Faktor Zeit: Ist eine Person positiv getestet, können mögliche Kontaktpersonen sofort informiert werden. Ohne eine solche App kann es Tage oder Wochen dauern, bis die Gesundheitsämter potenziell Infizierte kontaktieren – wertvolle Zeit, um Infektionsketten zu unterbrechen, geht verloren. Kritiker sagen jedoch, dass Bluetooth als Kontaktverfolgungstechnologie aufgrund seines Potenzials, eine große Anzahl von Fehlalarmen zu melden, keinesfalls verlässlich genug sei, sondern nur im Zusammenspiel mit umfangreichen Tests und weiteren Maßnahmen funktionieren könne.

Die Bereitschaft eine solche App zu nutzen ist durchaus da, auch in Deutschland: In einer YouGov-Umfrage gaben 50 Prozent der Befragten an, sie hielten die Nutzung von Handy-Daten zur Ortung von Kontaktpersonen für sinnvoll. Eine breite Akzeptanz der Nutzung ist allerdings auch Voraussetzung für deren erfolgreichen Einsatz; in der Debatte wurde immer wieder eine Studie aus Oxford zitiert, die die Quote von 60 Prozent der Bevölkerung angab. Eine solche Quote ist bisher in keinem Land der Welt erreicht worden, Island liegt mit rund 40 Prozent an der Spitze. Die Studie betont jedoch auch (und dies ist in der Berichterstattung regelmäßig untergegangen): "Selbst bei einer geringeren Anzahl von App-Benutzern schätzen wir immer noch eine Verringerung der Anzahl von Coronavirus-Fällen und Todesfällen." Die Immunologin Lucie Abeler-Dörner vom Big-Data-Institut der Universität Oxford nennt gar nur 15 Prozent als Untergrenze.

In vielen Ländern sind solche Apps entwickelt worden, eine aktuelle Übersicht stellt z.B. das Massachusetts Institute for Technology bereit.

Die weltweit erste Contact Tracing-App "TraceTogether" ging am 20. März in Singapur an den Start, sie gilt als die erste nationale BlueTooth-Tracing-Lösung der Welt, der Quellcode ist offen. Doch auch Singapur ist nie über 30 Prozent hinausgekommen, und eine jüngst in Wohnheimen von Wanderarbeitern aufgetretene Welle an Infektionen dämpfte zudem die Euphorie. Gerade an besonders gefährdete Spots (Alters- und, Flüchtlingsheime, Gefängnisse, aber auch Schulen) ist die Waffe stumpf – in Schulen etwa ist Handynutzung eingeschränkt, Corona-Abstandsregeln sind ausgesetzt. Alte und pflegebedürftige Menschen gehören zu denjenigen, die vermutlich am wenigsten die App richtig nutzten.

Auch die deutsche Corona-App ist nicht gerade inklusiv: Laut SAP, neben der Telekom Hersteller der App, kann sie auf gerade einmal 60 Prozent aller Smartphones installiert werden – auf iPhones ist iOS 13.5 oder höher erforderlich. Man könnte das auch als staatlich finanzierte Aufforderung an Millionen Nutzer verstehen, sich neue Geräte anzuschaffen. Singapur ist mittlerweile dazu übergegangen, eine technische Lösung anzubieten, die auch ohne Smartphone funktioniert: Das TraceTogether Token soll ab Ende Juni an die gesamte Bevölkerung kostenlos ausgeliefert werden. Wie bei der TraceTogether-App auch werden Bluetooth-Signale ausgewertet, um die IDs anderer in der Nähe befindlicher Tokens zu registrieren. Es werde kein Location-Tracking durch das "persönliche elektronischen Tagebuch" geben, so Außenminister Vivian Balakrishnan. Er hoffe auf eine große Akzeptanz, wollte aber eine Nutzungspflicht für die Zukunft nicht ausschließen.