Missing Link: Die Sicherheit und Zukunft der Energieversorgung

Als "Letztmaßnahme" könnte es nötig sein, dass in einem geordneten Verfahren Lasten im Stromnetz abgeschaltet werden, heißt es bei einem großen Betreiber.

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(Bild: Pushish Images/Shutterstock.com)

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  • Dr. Stefan Krempl
Inhaltsverzeichnis

Die Sicherheit der Energieversorgung treibt die Bundesbürger in diesem Winter infolge Russlands Angriffskriegs auf die Ukraine und des damit verknüpften Gas-Stopps besonders um. 31 Prozent – vor allem Ostdeutsche (40 Prozent) und AfD-Anhänger (51 Prozent) – glauben laut dem RTL-Trendbarometer, dass es in den kalten Monaten zu zeitweiligen Abschaltungen der Stromversorgung kommen wird. Gut ein Drittel hat nach eigenem Bekunden Vorsorge getroffen für den Fall, dass die Energielieferung für den eigenen Haushalt unterbrochen wird. Dies erfolgte etwa durch den Kauf von elektrischen Heizgeräten oder eines Holz- oder Kaminofens.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Auch sonst treiben Energiethemen die Politik, Verbraucher und Wissenschaftler um, etwa bei der Debatte über ein neues Strommarktdesign und das Abschöpfen von "Zufallsgewinnen".

Eine Neuorientierung in dem gesamten Bereich könnte viele Vorteile haben. Bei einem flexiblen Energiemarkt mit Möglichkeiten für Bürger und Unternehmen, selbst unbegrenzt Strom aus Photovoltaik- und Windanlagen ins Netz einzuspeisen, mit dynamischen Tarifen gekoppelt mit intelligenten Stromzählern, virtuellen Kraftwerken, Batterie-Pooling etwa über Elektrofahrzeuge und Smart Grids könnten die Verbraucher in der EU Milliarden pro Jahr einsparen. Zugleich ließen sich jährlich 37,5 Millionen Tonnen Treibhausgas-Emissionen vermeiden. Dies geht aus einer ersten Studie zu "Flexibilität auf der Nachfrageseite" beim Energieverbrauch hervor.

Im zweiten Teil des Interviews mit Michael von Roeder, Digital- und IT-Chef des Berliner Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz, geht es daher um die Belastbarkeit der Energieversorgung durch neue Erzeuger im Heimbereich, mögliche Blackouts im Winter, Smart Meter als Basis für die Energiewende und Ladekapazitäten für die E-Mobilität. Zum Anfang des Gesprächs stand die Initiative von 50Hertz und dem Mutterkonzern, der belgischen Elia Group, im Vordergrund, eine Open-Source-Plattform für die Energiewirtschaft aufzubauen und so "Internet-Effekte" für die Branche zu erschließen.

heise online: Was droht im Winter im Stromnetz? Ein Heizlüfter-Debakel? Wie sieht es mit der vielbeschworenen Blackout-Gefahr aus?

Michael von Roeder: Das kann man schwer vorhersagen. Doch es ist extrem unwahrscheinlich und es gibt derzeit überhaupt keine Anhaltspunkte dafür, dass in diesem Winter ein flächendeckender Stromausfall droht. Als Blackout bezeichnen wir einen unkontrolliert laufenden kaskadierenden Effekt, der große Teile des Gesamtsystems spannungslos stellt. Das Risiko für ein derartiges Extremereignis halten wir durch umfangreiche Maßnahmen zur Sicherung der Systemsicherheit dauerhaft möglichst klein – diesen Winter ebenso wie auch sonst.

Michael von Roeder

(Bild: 50Hertz)

Fest steht: Schwankende Erzeugung im Stromsystem, also dass plötzlich der Bodennebel verschwindet und so mal mehr Sonne vorhanden ist oder eine Sturmfront über das Land zieht – das ist unser normales Geschäft. Damit arbeiten wir täglich und das Team in der Systemführung macht da einen guten Job mit fast 70 Prozent Anteil Erneuerbaren bei uns im 50Hertz-Netzgebiet. Eine der Aufgaben eines Stromnetzbetreibers ist es, Angebot und Nachfrage immer in Echtzeit in Einklang zu bringen. Wir prüfen, ob die zuständigen Marktteilnehmer das korrekt machen, und justieren gegebenenfalls nach, indem wir das Marktgeschehen dann am Ende physikalisch austarieren durch Einsatz von Regelenergie.

Wie geht das Austarieren?

Zunächst prüfen wir über die sogenannten Fahrpläne, ob das System ausgeglichen sein wird – also genau so viel elektrische Energie verbraucht wie erzeugt werden wird. Stimmt diese Gleichung nicht, treten wir in Kontakt mit den betreffenden Marktteilnehmern und fordern sie auf, mehr Strom zu kaufen oder zu verkaufen. Wenn über den Markt etwa ein Volumen von einem Gigawatt aufgrund von Prognosen angefordert ist – aber plötzlich sind es in Realität dann doch 1,1 Gigawatt, dann müssen wir 100 Megawatt Regelenergie einsetzen, damit die Bilanz stimmt.

Es könnte aber schon passieren, dass die "Reserven" nicht mehr ausreichen. Wenn etwa alle um 18:30 Uhr ihre neu gekauften Heizlüfter erstmals anschalten, was – nebenbei gesagt – für den Einzelnen teuer würde, müssten dann eventuell als Letztmaßnahme Lasten aktiv abgeschaltet werden. Dies würde nach einem geordneten, diskriminierungsfreien Verfahren zusammen mit den Verteilungsnetzbetreibern erfolgen.

Was bedeutet das konkret?

Es kann sein, dass in einzelnen Regionen Deutschlands vorübergehend einzelne Verbraucher zeitweise abgeschaltet werden müssen. Das können große Industrieunternehmen sein, die direkt an das Übertragungsnetz angeschlossen sind. Aber vor allem sind es die nachgelagerten Verteilnetzbetreiber, die dann ein bestimmtes Kontingent an Leistung angewiesen bekommen, die sie diskriminierungsfrei reduzieren müssen durch regionale Stromunterbrechungen. Das Risiko dafür ist in den Lastzentren in Deutschland in diesem Winter am höchsten.