Missing Link: Ein Zufall namens Stanisław Lem

Am 13.9.1921 wurde der Futurologe und Science-Fiction-Autor Stanisław Lem geboren. Sein Werk wurde von der Kybernetik und Informationswissenschaft geprägt.

Lesezeit: 12 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 178 Beiträge

(Bild: Serg-DAV/Shutterstock.com)

Von
  • Detlef Borchers
Inhaltsverzeichnis

Er schrieb mit "Solaris" einen der wichtigsten Romane über die Grenzen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit, er erfand mit "Lokaltermin" die Ethikosphäre, in der Nanobots Mord und Totschlag verhindern. Stanisław Lem rezensierte nicht existierende Bücher und erfand kurzerhand Wissenschaften wie die Teletaxie, heute besser als virtual reality bekannt oder die Phantomatik, die die Verkopplung von Nervensystem und Computer zum Gegenstand hat.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Er philosophierte über eine Extelopädie, eine sich ständig selbst überarbeitende, extrapolierende Enzyklopädie über zukünftige Dinge, die existieren werden, uns aber nicht mehr verständlich sind. Später wandte er sich gegen die technologische Entwicklung und wurde ein Kulturkritiker, der das Internet ablehnte, den Klimawandel wie die Überbevölkerung durch biokratische Gewaltmaßnahmen bekämpfen wollte.

Stanisław Lem wurde wahrscheinlich am 13. September 1921 in Lwów (Lemberg) in Ostgalizien (heute zur Ukraine gehörend) geboren, seine Geburt auf den 12. September vorverlegt. Nach anderen Angaben fällt seine Geburt auf den 19. September. Sein Vater war Arzt und so studierte Lem zunächst auch Medizin, bis die deutsche Besatzung von Polen den Abbruch seines Studiums erzwang. Er arbeitete danach als Automechaniker in einem Reparaturbetrieb und organisierte "Dinge" für den polnischen Widerstand, bis er sich selbst verstecken musste.

In seiner zweibändigen "Philosophie des Zufalls" schilderte Lem, wie er Waffen in der Straßenbahn transportiert und nicht kontrolliert wird, weil ein SS-Mann ihn überging. Nach dem Krieg studierte er neben der Medizin noch Philosophie und Physik, musste aber im Zuge der sowjetischen Besatzung mit der Familie Lwów verlassen und ging nach Kraków.

Über seine von ihm in Angriff genommene Studie zur "Theorie der Gehirnfunktionen" kam Lem in Kontakt zum Philosophen Mieczysław Choynowski und erhielt eine erste Anstellung an dessen Seminar für Wissenschaftslehre. Das Institut gab eine Zeitschrift heraus, in der Lem zahlreiche Vertreter der "neuen Wissenschaften" dem polnischen Publikum vorstellte. Dazu gehörten die kybernetischen Schriften von Norbert Wiener, die Informationstheorie von Claude Shannon und die Spieltheorie von John von Neumann.

Besonders einflussreich sollen nach seinem Biographen Alfred Gall die US-Amerikaner W. Ross Ashby mit seiner Arbeit zu Kybernetik und künstlicher Intelligenz sowie Talcott Parsons mit seinen Studien zu sozialen Systemen gewesen sein. Lem wurde so mit den führenden US-Wissenschaftsrichtungen vertraut und stand weitab von den marxistischen Strömungen an den polnischen Universitäten, die das geistige Leben okkupierten. Als das Institut wegen "staatsfeindlicher Tendenzen" geschlossen werden musste, gelang es Lem, die Schriften von Wiener, Shannon, Neumann und anderen zu retten. Er erklärte sie zu seinem größten Schatz.

Auch in der literarischen Welt unternahm Lem erste Schritte. Er schrieb mehrere Theaterstücke und als "Ausbruch" sein Buch Das Hospital der Verklärung, in dem er die Ermordung von Patienten in einer Nervenheilanstalt durch die Nationalsozialisten verarbeitete. Dieses mit seiner Familie erlebte Trauma der Euthanasie – der Vater arbeitete in einer solchen Anstalt – sollte ihn prägen: "Die unfassbare Nichtigkeit menschlichen Lebens im Schoß des Massenmords läßt sich nicht mittels Erzählweisen vermitteln, die Einzelpersonen oder kleine Gruppen zum Kern der Handlung machen. […] Ich weiß wirklich nicht, ob ich deswegen den SF-Weg eingeschlagen habe, ich vermute aber, und das ist schon sehr gewagt, dass ich deswegen SF zu schreiben anfing, weil sie sich mit der Gattung Mensch (oder gar: mit den möglichen Gattungen vernünftiger Wesen, von denen eine der Mensch ist) befasst oder: befassen soll, und nicht mit irgendwelchen Einzelpersonen, seien es Heilige oder Ungeheuer."

Lems erster SF-Roman, den er selbst den "Urlem" nannte und der noch vor dem "Hospital" entstand, war der Roman "Der Mensch vom Mars". Er spielt in der Endphase des II. Weltkrieges, als Deutschland kapituliert hat, die Atombomben auf Japan aber noch nicht gefallen sind.

In den USA wird ein Marsmensch in seinem Raumschiff ausgegraben, der sich dagegen wehrt, von den Menschen als Versuchskaninchen benutzt zu werden. Erdmenschen und Marsmenschen stehen einander feindlich gegenüber, die Unmöglichkeit des gegenseitigen Verstehens ist ein typisches Lem-Problem. Auch der nächste SF-Roman "Die Astronauten" enthält bereits den ganzen Lem. Er spielt im Jahre 2003, eine Kapsel wird in Sibirien gefunden, die von der Venus kommt. Die friedlich im Kommunismus lebenden Menschen stellen eine internationale Expedition zusammen, die bei der Ankunft auf der Venus erkennen muss, dass die Venusianer eine Waffe gebaut haben, die die Menschheit auf der Erde vernichten sollte. Doch die furchtbare Strahlenwaffe wurde auf der Venus in einem Krieg eingesetzt und vernichtete die Venusianer. Aus Lems Roman entstand in der DDR mit großem Aufwand der Film Der schweigende Stern. Nun war Lem ein etablierter Schriftsteller, der eine Reihe weiterer konventioneller SF-Romane wie "Gast im Weltraum" vorlegte. Einzelne technische Einfälle wie die Televisite und die Projektion eines Menschen per Holographie sind erwähnenswert.