Missing Link: Internetstars – Von Influencern, YouTubern und Twitchstreamern

Die großen US-Internet-Stars werden bezahlt wie Spitzen-Sportler und Hollywood-Ikonen. Wir haben mit deutschen YouTubern und Twitchstreamern gesprochen.

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(Bild: Shutterstock/travelview)

Von
  • Bernd Mewes
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Einen Computer, eine Webcam und einen Internetzugang, mehr braucht es nicht für "Broadcast Yourself", dem Ursprungsmotto von YouTube, das 2005 von drei ehemaligen PayPal-Mitarbeitern ins Leben gerufen wurde. Bereits ein Jahr später, am 9. Oktober 2006 hat Google YouTube für umgerechnet 1,31 Milliarden Euro übernommen. Heute bietet die Plattform neben der ursprünglichen Vision der Gründer Platz für professionelle Inhalte zur Unterhaltung und Informationsverbreitung aus nahezu allen erdenklichen Bereichen – und Werbung.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Ein Jahr nach der Übernahme von YouTube hatte Justin Kan die Idee, sich selbst 24 Stunden live im Internet zu zeigen und ging mit Justin.tv am 19. März 2007 online. Vier Jahre später startete die Schwesterseite, die ausschließlich für Videospiel- und E-Sport-Übertragungen genutzt werden sollte, im Juni 2011 mit einer Beta-Version – Twitch.tv. Am 5. August 2014 wurde die Website Justin.tv eingestellt, in dem Jahr, in dem Amazon Twitch für umgerechnet 800 Millionen Euro übernommen hat. Die reinen Gaming- und E-Sport-Inhalte sind heute noch ein fester Bestandteil der Plattform, zu dem weitere Kategorien hinzugekommen sind wie "Just Chatting", "Talk Shows & Podcasts" und "ASMR" – dabei werden vor dem Mikrofon Geräusche erzeugt.

Auch Twitter, TikTok, Snapchat und Facebook inklusive Instagram bieten die Möglichkeit, Videos und Liveübertragungen in unterschiedlichen Formaten und für unterschiedliche Zielgruppen hochzuladen respektive zu übertragen. Eines haben alle Plattformen gemeinsam – auf ihnen ist Geld zu verdienen, viel Geld. Der bekannteste Begriff für den Beruf, über das Internet Geld mit seiner Reichweite zu verdienen, lautet "Influencer".

Ein weiteres Merkmal, das sich alle Anbieter teilen: Sie liegen alle außerhalb Europas. Bis auf das chinesische TikTok haben die anderen genannten Unternehmen ihren Hauptsitz in den USA. Eine Absicherung, bezogen auf das Einkommen der Plattformen und einen sozialen Schutz, unterliegt demnach anderen Regeln, sofern es überhaupt bei einer derartigen Selbstständigkeit möglich ist.

Die Verdienstmöglichkeiten – die einem Superstar oder Spitzensportler gleichkommen – unterscheiden sich und sind abhängig von der jeweiligen Plattform. Die Selbstdarstellung ist dabei die häufigste Form. Nicht jeder schafft es, im Internet so berühmt zu werden wie die großen der "Influencer"-Branche; viele versuchen es dennoch und träumen von einer großen Zahl an Followern und Unterstützern, auch weil der Einstieg theoretisch aus jedem Kinderzimmer möglich ist.

Ninja (Richard Tyler Blevins) ist einer der bekanntesten Streamer weltweit, verdient laut Schätzungen über 8 Millionen Euro im Jahr und soll 2019 für einen 26,5 Millionen Euro-Vertrag (für drei Jahre) von Twitch zu Mixer gewechselt sein. Nach der Schließung von Mixer habe er sich angeblich die gesamte Summe auszahlen lassen und Meldungen zufolge ein Angebot von Facebook-Gaming bekommen – das Doppelte. Der kürzlich auf Twitch permanent gebannte Dr Disrespect soll vor seinem Ausschluss ebenfalls einen zweistelligen Millionendeal mit Twitch unterzeichnet haben. In die Reihe der gesperrten Streamer hat sich auch der amtierende US-Präsident Donald Trump eingereiht, der wegen "Hatespeech" einen Bann kassiert hat.

Die Werbe-Einnahmen sind vergleichbar mit denen der Superstars aus dem Sport und der Unterhaltungsindustrie, die Reichweite dürfte allerdings ähnlich groß oder größer sein. So wird "Dr Disrespect" beispielsweise von der Künstleragentur CAA aus Kalifornien vertreten, zu deren Kundenkreis auch der Schauspieler Bruce Willis, der Musiker Bruce Springsteen und der Fußballer David Beckham gehören. Der größte deutsche Twitch-Livestreamer und YouTuber MontanaBlack (Marcel Eris) vertreibt mittlerweile eine eigene Schmuck-Kollektion und hat einen Bestseller veröffentlicht. In Deutschland zählt man ab einer regelmäßigen vierstelligen Zuschauerzahl zu den Großen auf Twitch, auf YouTube sollte man sechsstellige Abonnenten-Zahlen vorweisen können, mindestens aber hohe fünfstellige.

Im Internet finden gelegentlich Diskussionen über die Abhängigkeit der großen Plattformen und deren Macht statt, besonders wenn es prominente Personen des Internets trifft. Viel härter trifft eine Sperre aber die kleinen und mittelgroßen YouTuber und Livestreamer, die sich eine Existenz aufgebaut haben und von den Einnahmen ihren Lebensunterhalt bestreiten und ihre Rechnungen bezahlen. Rücklagen, um einen 30 Tage dauernden Ausschluss zu überbrücken, sind für die Kleinen der Branche fast unmöglich. Content-Creatoren sind Selbstständige. Neben dem Ausschluss besteht auf YouTube die Gefahr, dass die veröffentlichten Videos als nicht werbefreundlich eingestuft und entmonetarisiert werden, auch nachträglich. Dann war die Arbeit umsonst. Jeder selbstständige Unternehmer wird jetzt sagen: "Den Gefahren bin ich doch auch ausgesetzt." Das trifft auch zu, sofern er von weniger als einem halben Dutzend Unternehmen abhängig ist und ausschließlich dort seine Dienstleistungen und Waren anbieten kann.

Streamer sind aber selbst im Besitz mächtiger Bann-Werkzeuge – Zuschauer können von ihren Content-Creatoren und deren Moderatoren für einen begrenzten Zeitraum oder dauerhaft vom Chat ausgeschlossen werden. Twitch gibt seinen Streamern damit die identischen Möglichkeiten – ihren Live-Chat "zu erziehen". Im Gegensatz zu den Streamern können die Zuschauer mit Spenden allerdings weiterhin um die Gunst ihrer Favoriten buhlen, wenn sie ausgesperrt sind – oder die Unterhaltung einfach auf einem anderen Kanal und in einer anderen Community suchen. Hin und wieder fragen die ausgesperrten Zuschauer mit einer Geldspende, bei der man auch einen Text eingeben kann, ob sie nicht doch wieder ein Teil der Community werden dürfen und mit etwas Glück reagiert der Streamer darauf. Bevor es jedoch zur Wiederaufnahme in die Gruppe kommt, wird erst der Bann-Grund eruiert und dann entschieden – das Internet vergisst halt nichts, und Twitch keine Chat-Einträge. Problematisch kann es allerdings werden, wenn der Streamer erst ab 5-Euro-Donations reagiert und der Zuschauer noch Schüler ist und kein eigenes Einkommen hat.

Um einen Eindruck vom Arbeitsalltag und eine Meinung der Betroffenen zu bekommen, hat heise online mit verschiedenen YouTubern und Twitch-Streamern unterschiedlicher Größe gesprochen, von denen allerdings keiner die Berufsbezeichnung "Influencer" passend fand.