Missing Link: Internetstars – Von Influencern, YouTubern und Twitchstreamern

Die großen US-Internet-Stars werden bezahlt wie Spitzen-Sportler und Hollywood-Ikonen. Wir haben mit deutschen YouTubern und Twitchstreamern gesprochen.

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(Bild: Shutterstock/travelview)

Von
  • Bernd Mewes

Einen Computer, eine Webcam und einen Internetzugang, mehr braucht es nicht für "Broadcast Yourself", dem Ursprungsmotto von YouTube, das 2005 von drei ehemaligen PayPal-Mitarbeitern ins Leben gerufen wurde. Bereits ein Jahr später, am 9. Oktober 2006 hat Google YouTube für umgerechnet 1,31 Milliarden Euro übernommen. Heute bietet die Plattform neben der ursprünglichen Vision der Gründer Platz für professionelle Inhalte zur Unterhaltung und Informationsverbreitung aus nahezu allen erdenklichen Bereichen – und Werbung.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Ein Jahr nach der Übernahme von YouTube hatte Justin Kan die Idee, sich selbst 24 Stunden live im Internet zu zeigen und ging mit Justin.tv am 19. März 2007 online. Vier Jahre später startete die Schwesterseite, die ausschließlich für Videospiel- und E-Sport-Übertragungen genutzt werden sollte, im Juni 2011 mit einer Beta-Version – Twitch.tv. Am 5. August 2014 wurde die Website Justin.tv eingestellt, in dem Jahr, in dem Amazon Twitch für umgerechnet 800 Millionen Euro übernommen hat. Die reinen Gaming- und E-Sport-Inhalte sind heute noch ein fester Bestandteil der Plattform, zu dem weitere Kategorien hinzugekommen sind wie "Just Chatting", "Talk Shows & Podcasts" und "ASMR" – dabei werden vor dem Mikrofon Geräusche erzeugt.

Auch Twitter, TikTok, Snapchat und Facebook inklusive Instagram bieten die Möglichkeit, Videos und Liveübertragungen in unterschiedlichen Formaten und für unterschiedliche Zielgruppen hochzuladen respektive zu übertragen. Eines haben alle Plattformen gemeinsam – auf ihnen ist Geld zu verdienen, viel Geld. Der bekannteste Begriff für den Beruf, über das Internet Geld mit seiner Reichweite zu verdienen, lautet "Influencer".

Ein weiteres Merkmal, das sich alle Anbieter teilen: Sie liegen alle außerhalb Europas. Bis auf das chinesische TikTok haben die anderen genannten Unternehmen ihren Hauptsitz in den USA. Eine Absicherung, bezogen auf das Einkommen der Plattformen und einen sozialen Schutz, unterliegt demnach anderen Regeln, sofern es überhaupt bei einer derartigen Selbstständigkeit möglich ist.

Die Verdienstmöglichkeiten – die einem Superstar oder Spitzensportler gleichkommen – unterscheiden sich und sind abhängig von der jeweiligen Plattform. Die Selbstdarstellung ist dabei die häufigste Form. Nicht jeder schafft es, im Internet so berühmt zu werden wie die großen der "Influencer"-Branche; viele versuchen es dennoch und träumen von einer großen Zahl an Followern und Unterstützern, auch weil der Einstieg theoretisch aus jedem Kinderzimmer möglich ist.

Ninja (Richard Tyler Blevins) ist einer der bekanntesten Streamer weltweit, verdient laut Schätzungen über 8 Millionen Euro im Jahr und soll 2019 für einen 26,5 Millionen Euro-Vertrag (für drei Jahre) von Twitch zu Mixer gewechselt sein. Nach der Schließung von Mixer habe er sich angeblich die gesamte Summe auszahlen lassen und Meldungen zufolge ein Angebot von Facebook-Gaming bekommen – das Doppelte. Der kürzlich auf Twitch permanent gebannte Dr Disrespect soll vor seinem Ausschluss ebenfalls einen zweistelligen Millionendeal mit Twitch unterzeichnet haben. In die Reihe der gesperrten Streamer hat sich auch der amtierende US-Präsident Donald Trump eingereiht, der wegen "Hatespeech" einen Bann kassiert hat.

Die Werbe-Einnahmen sind vergleichbar mit denen der Superstars aus dem Sport und der Unterhaltungsindustrie, die Reichweite dürfte allerdings ähnlich groß oder größer sein. So wird "Dr Disrespect" beispielsweise von der Künstleragentur CAA aus Kalifornien vertreten, zu deren Kundenkreis auch der Schauspieler Bruce Willis, der Musiker Bruce Springsteen und der Fußballer David Beckham gehören. Der größte deutsche Twitch-Livestreamer und YouTuber MontanaBlack (Marcel Eris) vertreibt mittlerweile eine eigene Schmuck-Kollektion und hat einen Bestseller veröffentlicht. In Deutschland zählt man ab einer regelmäßigen vierstelligen Zuschauerzahl zu den Großen auf Twitch, auf YouTube sollte man sechsstellige Abonnenten-Zahlen vorweisen können, mindestens aber hohe fünfstellige.

Im Internet finden gelegentlich Diskussionen über die Abhängigkeit der großen Plattformen und deren Macht statt, besonders wenn es prominente Personen des Internets trifft. Viel härter trifft eine Sperre aber die kleinen und mittelgroßen YouTuber und Livestreamer, die sich eine Existenz aufgebaut haben und von den Einnahmen ihren Lebensunterhalt bestreiten und ihre Rechnungen bezahlen. Rücklagen, um einen 30 Tage dauernden Ausschluss zu überbrücken, sind für die Kleinen der Branche fast unmöglich. Content-Creatoren sind Selbstständige. Neben dem Ausschluss besteht auf YouTube die Gefahr, dass die veröffentlichten Videos als nicht werbefreundlich eingestuft und entmonetarisiert werden, auch nachträglich. Dann war die Arbeit umsonst. Jeder selbstständige Unternehmer wird jetzt sagen: "Den Gefahren bin ich doch auch ausgesetzt." Das trifft auch zu, sofern er von weniger als einem halben Dutzend Unternehmen abhängig ist und ausschließlich dort seine Dienstleistungen und Waren anbieten kann.

Streamer sind aber selbst im Besitz mächtiger Bann-Werkzeuge – Zuschauer können von ihren Content-Creatoren und deren Moderatoren für einen begrenzten Zeitraum oder dauerhaft vom Chat ausgeschlossen werden. Twitch gibt seinen Streamern damit die identischen Möglichkeiten – ihren Live-Chat "zu erziehen". Im Gegensatz zu den Streamern können die Zuschauer mit Spenden allerdings weiterhin um die Gunst ihrer Favoriten buhlen, wenn sie ausgesperrt sind – oder die Unterhaltung einfach auf einem anderen Kanal und in einer anderen Community suchen. Hin und wieder fragen die ausgesperrten Zuschauer mit einer Geldspende, bei der man auch einen Text eingeben kann, ob sie nicht doch wieder ein Teil der Community werden dürfen und mit etwas Glück reagiert der Streamer darauf. Bevor es jedoch zur Wiederaufnahme in die Gruppe kommt, wird erst der Bann-Grund eruiert und dann entschieden – das Internet vergisst halt nichts, und Twitch keine Chat-Einträge. Problematisch kann es allerdings werden, wenn der Streamer erst ab 5-Euro-Donations reagiert und der Zuschauer noch Schüler ist und kein eigenes Einkommen hat.

Um einen Eindruck vom Arbeitsalltag und eine Meinung der Betroffenen zu bekommen, hat heise online mit verschiedenen YouTubern und Twitch-Streamern unterschiedlicher Größe gesprochen, von denen allerdings keiner die Berufsbezeichnung "Influencer" passend fand.

Trovo ist eine neue Streaming-Plattform, die still und heimlich aufgetaucht ist, rasant an Bekanntheit gewinnt und wächst. Die Ähnlichkeit mit Twitch in Aufbau und Bedienung ist nicht zu übersehen. Hinter der Plattform, die sich aktuell noch in der Beta-Phase befindet, steckt das chinesische Unternehmen Tencent, dass in der Spiele-Branche zahlreich vertreten ist. Das chinesische Internet-Unternehmen steckt hinter zahlreichen Mobil-Gaming-Franchisen, hinter Riot Games, dessen Free2Play Shooter Valorant eine große E-Sport-Zukunft in Aussicht gestellt wird, und die Firma hält Anteile an Epic-Games, Activision Blizzard und Ubisoft. In Deutschland investierte das Unternehmen zuletzt in das Flugtaxi-Startup Lilium.

Mit dem "Trovo Creator Partnership Program" will das Unternehmen die Live-Plattform für Streamer interessant machen. Das "Initial-Partnerprogramm" stellt 30 Millionen US-Dollar (26,6 Millionen Euro) für 500 große und kleine Streamer bis Ende 2021 zur Verfügung. Die Voraussetzungen für die Teilnahme an dem Programm sind überschaubar. Demnach muss ein Bewerber mindestens einmal auf Trovo live gestreamt und 50 Follower zu haben. Die Einnahmen der 500 Teilnehmer des Partnerprogramms sind abhängig von sogenannten "Watchhours" – von Zuschauern gesehen Stunden des Live-Streams. Pro Zuschauer und gesehene Stunde gibt es einen US-Dollar (0,88 Euro) und einen Bonus. Zur Unterstützung können die Zuschauer Ihren Favoriten auf Trovo finanzielle Zuwendungen zukommen lassen.

YouTube verkauft Unternehmen Werbung und lässt die Kanalbetreiber daran mitverdienen. CPM (Cost per Mille) ist eine wichtige Kennzahl, bedeutet übersetzt so viel wie "Tausenderkontaktpreis" und bestimmt den Geldbetrag, der für eine Werbemaßnahme eingesetzt werden muss, um 1.000 Personen einer Zielgruppe zu erreichen. Je nach Kanal und Inhalt der Videos gibt es unterschiedliche CPMs. Neben der ausgespielten Werbung kann man auf YouTube die Kanalmitgliedschaft aktivieren oder über den Superchat spezielle Sticker gegen Geld den Zuschauern anbieten. Spenden sind eine weitere Einnahmequelle und für Fan-Artikel arbeitet YouTube dem Full Service-Anbieter Teespring zusammen, der Merchandise-Artikel für YouTuber herstellt und den Verkauf und Versand übernimmt. YouTube verdient bei allem mit. Im Dezember 2019 hat MontanaBlack einen Einblick in seine Einnahmen auf YouTube gegeben.

MontanaBlack zeigt seine DEZEMBER EINNAHMEN – Die Crew

Auf Twitch können Zuschauer ein Abonnement bei den Live-Streamern ihrer Wahl abschließen. Dafür fallen Gebühren von 4,99 Euro, 9,99 Euro oder 24,99 Euro an, eine Besonderheit ist die Unterstützung mit Twitch Prime – ist man im Besitz eines Amazon Prime-Abos, kann man den eigenen Twitch-Account mit seinem Amazon-Account verbinden und einmal im Monat einen Streamer seiner Wahl unterstützen, ohne Zusatzkosten. Twitch Prime ist gleichzusetzen mit dem kleinsten Abo von 4,99 Euro. Die Einnahmen gehen jeweils zur Hälfte an den Streamer und an Amazon. Ab dem Status Twitch-Partner schließt man einen Vertrag mit Twitch und handelt die Konditionen individuell aus. Je mehr Zuschauer und Abonnenten den Kanal unterstützen, desto besser die Verhandlungsposition.

Bits ist die Plattform-eigene Währung von Twitch, bei der die Gebühren, die Twitch einstreicht, direkt beim Kauf gezahlt werden. Ein Bit ist einen Cent wert und kann an unterschiedliche Streamer verteilt werden. Eine weitere Einnahmemöglichkeit sind Spenden, die im Stream häufig animiert dargestellt und prominent platziert werden und vom Spender mit einer Nachricht versehen werden können. Mit aktivierter Pre-Roll-Werbung spielt Amazon Werbung aus und beteiligt den Kanalbetreiber daran.

Die kostenpflichtigen Unterstützungsmöglichkeiten der Zuschauer und damit verbundene Vorteile sind überwiegend optische "Gimmicks". Eine Ausnahme kann die aktive Teilnahme am Live-Chat sein. Der Live-Chat ist die Schnittstelle zwischen dem Online-Entertainer und den Zuschauern – auch untereinander – und ermöglicht im Gegensatz zu den Kommentaren unter YouTube-Videos einen Meinungsaustausch in Echtzeit. Einige der großen Streamer haben den Chat nur für Abonnenten (Subscriber) freigeschaltet. MontanaBlack nutzt diese "Sub-Only"-Funktion in seinen Streams, da zeitweise über 100.000 Zuschauer gleichzeitig "aktiv" sind und die Texteingaben damit unkontrollierbar wären.

Eine weitere Möglichkeit ist das Sponsoring und Produktplatzierung im Stream respektive Video. Dazu werden außerhalb der Plattformen Verträge mit potenziellen Werbepartnern geschlossen. Unterschieden wird in der Branche zwischen "endemic" und "non endemic" Werbung. Einfach übersetzt ließen sich die Begriffe mit "Werbung, die zum Inhalt passt" (endemic) und "Werbung die mit dem Inhalt nichts zu tun hat" (non endmic) beschreiben. Werbung dieser Art muss allerdings entsprechend gekennzeichnet werden.

Einige der oben genannten Möglichkeiten zum Geldverdienen muss man sich allerdings erst erarbeiten. Für ein YouTube-Partnerschaft benötigt man 1000 Abonnenten und eine Wiedergabezeit der Kanal-Videos von 4000 Stunden in den vergangenen zwölf Monaten. Vorher ist die Monetarisierung der Videos nicht möglich.

Twitch bietet unterschiedliche Möglichkeiten: Mit 50 Followern und mindestens 500 Minuten Streamzeit an sieben Tagen vor zeitgleich drei Zuschauern wird man Affiliate-Partner. Anschließend kann man einen Großteil zur Monetarisierung auf Twitch nutzen. Um Twitch-Partner zu werden, liegt die Messlatte höher: Dazu sind an 12 Tagen mindestens 25 Stunden Livestream vor durchschnittlich mindestens 75 Zuschauern nötig, dabei sind die durchschnittlich 75 Zuschauer die größte Herausforderung. Beides muss man innerhalb von 30 Tagen erreicht werden. Mit der Partnerschaft werden alle Funktionen von Twitch freigeschaltet und ein Vertrag zwischen beiden Parteien ausgehandelt, der ein Jahr gültig ist.

"Das Kernunternehmen PietSmiet besteht aus elf Personen, die alle von dem "Reichweitengeschäft" leben und bezahlt werden", erklärt Peter Smits, Gründer des 2007 angelegten YouTube-Kanals "PietSmiet" mit aktuell 2,41 Millionen Abonnenten, gegenüber heise online. Neben dem Hauptkanal, der unter dem Motto "will mehr als nur spielen" Gaming-Content enthält, und einer eigenen Website existieren vier weitere Kanäle, die React-, Frage und Antwort- und Best of-Inhalte bieten. Auf Twitch streamt das Unternehmen auf zwei Kanälen und ist auf weiteren Social-Media-Kanälen vertreten.

PietSmiet – Wer sind wir

Den größten Teil seiner Einnahmen generiere PietSmiet auf YouTube mit 35 Millionen bis 40 Millionen Views pro Monat. "Sobald ein Video für Werbung freigeschaltet wird, hat der Kanalbetreiber wenig Einfluss auf die beworbenen Inhalte", erklärt Peter, "Wahlwerbung kann aber zum Beispiel inzwischen ausgeschlossen werden." Neben der von YouTube geschalteten Werbung verkauft das Unternehmen Produktplatzierungen in seinen Videos.

Der Begriff Influencer werde Peters Meinung nach der Arbeit, die er und viele andere täglich ausführen, nicht gerecht, auch Content Creator beschreibe es nicht genau: "Bei PietSmiet produzieren wir ja nicht nur die Inhalte! Vergleicht man es mit der Film-Branche, wo Schauspieler, Produzenten und Writer beispielsweise genau definierte Aufgaben haben, sind wir das alles in einer Person."

Eine weitere Einnahmequelle für die PietSmiets ist Twitch. "In Corona-Zeiten haben wir unsere Präsenz auf Twitch verstärkt", erklärt Peter, "der Lockdown und die damit verbundenen Schließungen von Restaurants und Kneipen zogen mehr Zuschauer vor die Bildschirme und die brauchten ja auch Content." Twitch werde für PietSmiet schon deshalb immer wichtiger, um unabhängiger von YouTube zu werden.

Mit der Partnerschaft von Twitch verzichte das Unternehmen vertraglich darauf, auf anderen Plattformen live zu streamen. "Mit den Partnerverträgen sichert sich Twitch den Inhalt der Künstler zeitexklusiv, im Gegenzug profitieren die von zusätzlichen Einnahmemöglichkeiten", erläutert Peter und weist darauf hin, dass Twitch an den meisten finanziellen Unterstützung durch die Zuschauer mitverdiene. Auf Twitch betreibt PietSmiet zwei Kanäle, der Hauptkanal hat aktuell 560.000 Follower.

Peter hat mit YouTube während seines Studiums begonnen, seine Reichweite ist permanent gewachsen. Als er davon leben konnte, hat er aus der Nebenbeschäftigung seinen Beruf gemacht. Die Reichweite und Abo-Zahlen wachsen auch heute noch. "Die Einstiegshürden in das Geschäft sind relativ gering, eigentlich reicht ein Smartphone mit Videofunktion, um Videos zu produzieren, und ein Internetzugang, um sie hochzuladen", beschreibt Peter die Möglichkeiten, ins Influencer-Geschäft einzusteigen. "Wir arbeiten allerdings mit professionellem Equipment." Da bei den PietSmiets jeder von zuhause arbeite, müsse das alles mehrfach vorhanden sein.

Der Gefahr für Content Creatoren sei Peter sich durchaus bewusst. "Als YouTube die Werbung in Videos für Kinder reduziert hat, ist uns wieder bewusst geworden, wie schnell sich die Dinge ändern können", auch wenn PietSmiet davon nicht betroffen sei, "da wir mit unseren Inhalten Kinder nicht explizit ansprechen". Bezüglich des Banns von Dr Disrespect meint Peter: "So ein Ausschluss kommt aber nicht von ungefähr, da wird Entsprechendes vorgefallen sein. Wir wurden bisher noch auf keiner Plattform gesperrt," was auch daran liege, dass sie sich ständig über Neuerungen und Änderungen im Regelwerk informieren würden. Dazu nutze das Unternehmen die offiziellen Blog-Einträge, Gespräche mit den Betreuern – dessen Erreichbarkeit Peter als gut beschreibt – der einzelnen Plattformen oder das Multi-Channel-Network "Allyance", die zwischen YouTube und den Künstlern vermittele und dem sich das Unternehmen angeschlossen habe. "Notfalls fragen wir noch mal genau nach."

Peter Smits

(Bild: Peter Smits)

Die Größe der Plattformen und die im Hintergrund agierenden Konzerne sieht Peter nicht kritisch: "Wenn einer Scheiße baut, will ich nicht auf einer Plattform sein, die tatenlos zusieht!" Die Regeln seien gut, relativ eindeutig und bevor man ausgesperrt werde, bekomme man erst mal eine Verwarnung (Strike). "Auf YouTube bekommt man vor einer Kanalschließung drei Strikes." Auf Twitch gehen einem permanenten Bann in der Regel zeitlich begrenzte Ausschlüsse voraus, besonders grobe Verstöße gegen die Nutzungsbedingungen (Terms of Service) oder extremes Fehlverhalten können auch zum sofortigen Bann führen.

"Die Schließung von Mixer kam für viele aus dem Nichts", erklärt Peter, "ich wünsche mir mehr echte Konkurrenz zu YouTube und Twitch, denn auch wenn Mixer nie wirklich groß war, stand immerhin Microsoft dahinter und es gab eine Alternative". Schützen könne man sich nur durch breites Aufstellen. "Wir betreiben eine eigene Website, auf der unsere Videos unabhängig von Twitch oder YouTube verfügbar sind." Das sei allerdings sehr kostenintensiv.

Mit Corona sind für das Unternehmen aber auch wichtige Präsenzveranstaltungen wie zum Beispiel die Gamescom in Köln weggefallen, auf der Peter die Eröffnungsrunde mit den Politikern moderiert. Außerhalb des Webvideo-Contents gehören zum Unternehmen auch das 2015 gegründete Künstlermanagement 2nd Wave GmbH in Berlin, die Super Crowd Entertainment GmbH in Hamburg, die die Hybrid Convention "MAG" in Erfurt ausrichtet, und die Kreativ-Agentur Kahuna GmbH für Content-Strategie-Beratung.

Staiy, seit 2013 auf Twitch, zählt zu den großen deutschen Streamern und gilt rund um Live-Content-Plattformen als gut informiert. Staiy, der bereits vor der Amazon-Übernahme auf Twitch aktiv war, kann als einer der wenigen seine Inhalte live auf anderen Plattformen übertragen. Die exklusiven Inhalte, die er ausschließlich auf Twitch live zeigen darf, beschränken sich vertraglich auf Gaming-Inhalte, die seien heute aber die Ausnahme, und deshalb ist Staiy immer mal wieder auf den Plattformen anderer Anbieter live zu sehen. Er selbst bezeichnet seinen Content im Gespräch mit heise online mit den Worten: "Ich bin Staiy!" und wenn jemand fragt, "ich mach in Werbung".

Begonnen hat Staiy auf Twitch klassisch mit Gaming-Content, den er zuerst ausschließlich in Englisch übertragen hat. Nach einigen Monaten wechselte er dann zur deutschen Sprache und ist mittlerweile im "Just Chatting"-Bereich angekommen. Dort befasst er sich zusammen mit seiner Community mit tagesaktuellen Themen und reagiert gelegentlich auf Videos aus dem Internet – Reaction-Videos. Diese Reaction-Videos sind nicht unumstritten und es gibt immer wieder Diskussionen, ob sie legal sind oder es sich um "Content-Klau" handelt.

Vertreten ist der Online-Entertainer oder Moderator, wie er seinen Job alternativ bezeichnen würde, auf Twitch, YouTube, Twitter, Instagram – und auf Trovo. Staiy erklärt heise online: "Pro Zuschauer und gesehene Stunde gibt es auf Trovo in dem Partnerprogramm einen Dollar." Auf seinem Twitch-Kanal, auf dem er aktuelle Themen rund um Twitch, Werbung und Nachrichten behandelt, hat Staiy aktuell zwischen 7000 und 10.000 Zuschauer, seine tägliche Streaming-Zeit, die er auch als Arbeitszeit angibt, betrage zwischen 3 und 5 Stunden. Wenn Trovo das Partnerprogramm in der Form dauerhaft etabliere, "wäre das anders interessant".

Seine Einnahmen generiert Staiy über Twitch (70 Prozent), Werbeverträge (20 Prozent) und YouTube (10 Prozent). Davon bezahle er zwei Video-Cutter, die die Aufzeichnungen seiner Live-Streams für YouTube bearbeiten und auf seinen Kanal hochladen. Video-Cutter für YouTube entwickele sich mittlerweile zu einem Beruf, den einige große Twitch-Streamer in Anspruch nehmen. Dabei handle es sich oft um Freelancer, die sich genau darauf spezialisiert haben. Auf Twitch können die Videos nach dem Live-Stream zum Abruf für die Zuschauer bereitgestellt werden, Staiy hat die Video-on-Demand-Funktion auf seinem Twitch-Kanal deaktiviert und zeigt die Zusammenfassung seiner Übertragungen auf seinem YouTube-Kanal. "Von den Einnahmen lebe ich alleine", erklärt Staiy, "und bestreite meinen Lebensunterhalt aus den 20 Prozent der Werbeeinnahmen durch Sponsoren."

Staiy bezeichnet seine Streams nicht als Arbeit im eigentlichen Sinne: "Ich mache das, was ich eh machen würde, nur schalte ich dabei die Kamera und das Mikrofon an." Nach sieben Jahren müsse er sich nicht mehr vorbereiten: "Ich gehe genau wie meine Zuschauer in den Stream. Die Themen ergeben sich oft über den Zuschauer-Chat. Alles, was ich zeige, ist ungeschliffen." Das setze eine gewisse Improvisationsfähigkeit voraus, berge aber auch Gefahren, "da man nicht weiß, was auf einen zukommt". Staiy ist überzeugt: "Die meisten Inhalte außerhalb des Gamings seien oft kalkuliert und folgen einem vorbereiteten Ablauf." Eine Folge der Echtheit seiner Inhalte sei, dass man "anecke".

"Ich bin Staiy!"

(Bild: Reach Out)

Für das Streamen im Internet gebe es keine Voraussetzungen und die Notwendigkeit bestimmter Fähigkeiten. Das Wichtigste für einen erfolgreichen Internet-Auftritt und die Möglichkeit davon seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, sei die Frage, "ob die Zuschauer sich mit dem, was Du machst, identifizieren können". Eine Portion Glück gehöre auch dazu. Viele seien aber der Meinung, im Internet für das Nichtstun viel Geld zu bekommen. Auf Twitch heute noch groß zu werden, hält Staiy, abgesehen von einigen Ausnahmen, für nahezu unmöglich. "Der Markt ist überflutet von Influencern, Content-Creatoren und Künstlern. Jeder neue Streamer, der auf Twitch sein Glück versucht, ist ein Vorteil für die ganz Großen, die ein Prozent der bekannten Streamer, bei dem die Zuschauer früher oder später landen, nämlich bei mir, Kappa", ist er überzeugt.

Für Staiy ist der Live-Chat auf Twitch das Wichtigste. Die Interaktion mit den Zuschauern, die ihre eigene Sprache haben und mit Emotes ihre Gefühle ausdrücken. "Wer Twitch regelmäßig nutzt, kennt jedes Emote und dessen Bedeutung. Ich musste mir abgewöhnen, die Namen der Emotes am Ende von Sätzen außerhalb von Twitch zu sagen, damit habe ich meine Aussagen eingeordnet." So bedeutet Kappa zum Beispiel, dass man nur einen Scherz gemacht hat und die Aussage nicht ernst genommen werden soll. Dazu gibt es ein entsprechendes Emoticon, dass es im Chat zu erkennen gilt. Neben Kappa sind PogChamp, FeelsBadMan und FeelsGoodMan nur einige, die dazugehörige Emoticons bedürfen für Unwissende einer Erklärung. "Die Emotes auf Twitch haben eine eigene Kultur." Der Chat könne einen auf Händen tragen oder aber auch sagen, "dass man scheiße ist". "Das kann einen überwältigen, die Frage ist, wie man damit umgehen kann."

Die Gefahren bezüglich der Existenzgrundlage von Influencern stuft Staiy identisch mit denen eines Selbstständigen ein. Auf jeder Plattform seien die Regeln klar formuliert und beschreiben, was man darf und was nicht, darunter auch, welche Kleidung man tragen darf und welche nicht erlaubt ist. Die Kontrolle und Strafen bei Nicht-Einhaltung dieser Regeln seien allerdings intransparent. "Ich wurde Anfang 2019 für eine gewisse Zeit von Twitch ausgeschlossen, das aber zurecht", erklärt Staiy, "weil ich jemanden beleidigt habe. Die Information dazu kam per E-Mail, allerdings wurde in der E-Mail nicht explizit erklärt, an welcher Stelle genau mein Fehlverhalten lag." "Wenn das Ziel der Aussperrung (Bestrafung) sein soll, dass ich meinen Fehler nicht wiederhole, sollte ich genau wissen, an welcher Stelle ich mich falsch verhalten habe."

Die Information fehle ihm bei der Herangehensweise durch Twitch. Man könne auch nicht in den VODs nachschauen, denn ab dem Zeitpunkt, wo man gebannt sei, habe man keinen Zugriff mehr auf seinen Kanal, selbst ein Einloggen sei nicht mehr möglich. Wenn der Kanal wieder freigeschaltet ist, solle man also lieber erst einmal nachschauen, bevor man den gleichen Fehler wieder begehe. "Für Verstöße auf Twitch ist das 'Trust and Safety'-Team zuständig, das von außen gut isoliert über dein Fehlerverhalten entscheidet", erklärt Staiy. Ein Problem bestehe seiner Meinung nach schon mit dem Verfahren, so könne der eine Mitarbeiter ein Vergehen oder eine Beschwerde anders bewerten als beispielsweise ein anderer. Gerade die Kleidung betreffenden Vorgaben würden beim Betrachten unterschiedlich und nicht immer nachvollziehbar bewertet.

Einen hundertprozentigen Schutz vor einem temporären oder dauerhaften Ausschluss aus Twitch gebe es Staiy zufolge nicht. "Wenn Du auf Twitch groß werden willst, bist Du entweder Profi-Gamer mit exzellentem Gameplay oder Du bist für die Zuschauer interessant, und dafür muss man schon mal anecken." Allerdings gebe es ein weiteres Problem mit dem Ausschluss aus Twitch. "Wenn du auf Twitch gebannt wirst, darf Deine Stimme und Dein Gesicht auf der Plattform nicht mehr auftauchen", erklärt Staiy. Anders als bei YouTube werde nicht der Kanal gesperrt, sondern die Person, die sich anschließend keinen neuen Kanal erstellen dürfe. Das habe nicht nur Einfluss auf die finanzielle Situation.

Staiy – Streaming

(Bild: Reach Out)

"Für gebannter Twitch-Streamer kann es extrem hart werden, weil auch das soziale Umfeld zusammenbrechen kann", erklärt Staiy. Viele langjährige Twitch-Streamer hätten ihren Freundeskreis auf der Live-Plattform, mit dem sie täglich zusammen live unterwegs seien – und von einer Sekunde zur Anderen ist das vorbei. Nicht jeder hauptberufliche Streamer könne einen finanziellen Ausfall von einigen Tagen verkraften und müsse dementsprechend "auf Sendung" gehen. Der Ausgeschlossene könne in diesem Fall zwar Zeit in den Spielen mit seinen Freunden verbringen, es müsse allerdings peinlich genau darauf geachtet werden, dass seine Stimme nicht zu hören ist, denn dann würde der übertragende Streamer ebenfalls gebannt. Staiy erklärt das genauer: "Wenn Du in der Gastronomie arbeitest, liegt es nahe, sich aufgrund der Arbeitszeiten Freunde aus der gleichen Branche zu suchen. Wirst Du entlassen, würden die Regeln analog bedeuten, dass Du mit keinem deiner ehemaligen Arbeitskollegen auf dem Betriebsgelände mehr sprechen darfst, sonst werden die auch entlassen."

Das sei gerade für junge Streamer auf Twitch gefährlich, für die alles zusammenbreche und so ein Bann zu einer extrem psychischen Belastung werden könne. "Ich bin davon überzeugt, dass die meisten Streamer introvertiert sind." So habe beispielsweise der Streamer Excel95 öffentlich die Freitodhilfe in der Schweiz thematisiert, nachdem er auf YouTube und Twitch dauerhaft gesperrt wurde. Mittlerweile ist Excel95 wieder auf Trovo aktiv. Aber nicht immer gehe sowas gut aus, kürzlich ist der ehemalige E-Sport-Profi und World of Warcraft-Streamer Byron Bernstein (Reckful) mit 31 Jahren verstorben, Berichten zufolge handelte es sich um einen Suizid. Reckful war nicht auf Twitch gebannt.

Twitch sei laut Staiy an der psychologischen Belastung in Folge eines Ausschlusses auch nicht gänzlich unschuldig. Auf Veranstaltungen wie der TwitchCon suggeriere die Amazon-Tochter immer wieder: "Wir sind eine Familie, eine Gemeinschaft, wir bauen zusammen mit Dir etwas Großes auf und bei uns bist Du sicher." Staiy selbst halte sich nicht für introvertiert und bezeichnet Twitch als "ein riesiges Mental-Hospital". Warum so viele introvertierte Menschen ihr Leben ins Internet live übertragen, erklärt Staiy: "Es ist einfacher vor einem Bildschirm Informationen von sich preiszugeben!" Jeder auf Twitch wolle den anderen unterstützen und trage dabei sein eigenes Päckchen, Staiy ist überzeugt: "Twitch-Zuschauer sind einsam und bauen sich Bekanntschaften im Internet auf, das ist eine andere Welt – die Menschen suchen Kontakt in einer Einbahnstraße."

Auch Staiy habe negative Erfahrungen im Internet gesammelt. Dabei wurden intime Dinge öffentlich gemacht und gegen ihn verwendet, seitdem halte er alles Private aus seinen öffentlichen Auftritten heraus. Neben Beleidigungen habe er auch vier Jahre hintereinander Morddrohungen zur Gamescom erhalten, auf denen er dann unter Personenschutz gestanden habe, "bei der ersten Morddrohung war mir anders zumute".

Staiy lebt als bekennender "Rundfunklizenz-Flüchtling" mit seinen zwei Hunden in der Schweiz und ist davon überzeugt, dass "Streaming das Fernsehen zu 100 Prozent tötet", das dauere aber noch Jahre. "Ich besitze seit einigen Jahren keinen Fernseher und TV-Anschluss mehr." Die öffentlich-rechtlichen Programme sind im Internet auf Abruf und im Livestream zu verfolgen, Inhalte sind in den Mediatheken teilweise vor der Ausstrahlung im linearen TV abrufbar.

Während Staiy sein Privatleben weitestgehend aus der Öffentlichkeit raushalte, stellen andere Influencer ihr Hab und Gut in sogenannten "Roomtours" öffentlich zur Schau. Dabei werden die Eigenheime der Internet-Stars Raum für Raum gefilmt und im Internet veröffentlicht. Zusätzlich werden die im Besitz befindlichen Autos und oft auch die teuren Uhren dem Zuschauer nicht vorenthalten. Dabei handelt es sich in der Regel um einen AMG-Mercedes oder Lamborghini, gerne auch beides, inklusive der Rolex. Staiy halte die Zurschaustellung des unglaublichen Reichtums – im Internetjargon auch "flexen" genannt – für eine surreale Satire. "Viele sind so groß geworden, weil die Zuschauer sich mit den Influencern identifizieren konnten, als sie auf ihren Kanälen ihre Probleme darstellten." Das sei mit den großen YouTubern, die sie heute sind, nicht mehr "relatable". Der Trend gehe dahin, "alles zu zeigen, was du hast". Staiy erachte nicht alles als selbstverständlich, er stelle sich immer wieder mal vor, dass morgen alles vorbei sei. "Das ist theoretisch nicht auszuschließen, allerdings extrem unwahrscheinlich", weiß Staiy.

Talk mit Kim Dotcom! Thema: KURZ VOR 12 – Staiy

Der Twitch-Streamer DeKarldent war als Headcoach bei League of Legends im E-Sport und Kommentator bei Riot-Games tätig, betreibt zusammen mit Staiy den Podcast "Alman Arabica" und ist seit 2018 auf Twitch. Karl bezeichnet die Inhalte seines Livestreams als allgemeine Unterhaltung und bespricht immer mal wieder Themen aus Politik, Aufklärung und Bildung. Vorbereitung brauche der gut informierte Online-Entertainer seinen Angaben zufolge nicht, seine Arbeitszeit begrenzt er auf 3 bis 4 Stunden täglich. "Die Twitch-Einnahmen machen 90 Prozent meiner Gesamteinnahmen aus, davon leben ich und meine Lebensgefährtin", erklärt Karl gegenüber heise online, "die restlichen 10 Prozent von YouTube gehen für die Cutter drauf, die meine Live-Streams schneiden und auf YouTube hochladen." Sein Manager für Kooperationen mit potenziellen Werbepartner arbeite auf Provisionsbasis. "Ich kann mehr als gut davon leben und 70 Prozent der Einnahmen lege ich zurück."

Karl selbst sei kein großer Fan von Werbung am Fließband, "ich bin Fan von authentischen Partnerschaften". Seine Zuschauer unterstützen ihn mit den Abos auf Twitch und Twitch Prime. "Wenn meine Zuschauer schon bezahlen, muss ich sie nicht auch noch mit Werbung überfluten". Karl ist überzeugt, eine Zuschauerbindung auf Twitch könne lukrativer sein als nackte Reichweite. Reichweite erziele allerdings höhere Werbeeinnahmen, auch kurzfristig, und ihm sei bewusst, dass finanziell deutlich mehr rauszuholen wäre, er sei aber zufrieden und glücklich, "so wie es ist". "Wenn man allerdings auf das schnelle Geld aus ist, verschiebt sich auch das "Verfallsdatum" eines Content Creators enorm nach vorne." Karl bezeichnet sich als leidenschaftlichen Streamer und übt seinen Beruf gerne aus, "ich stelle das Positive in den Vordergrund und führe ein einfaches Leben". Auf die Frage, was für den Beruf nötig sei, antwortet Karl: "Du benötigst einen heftigen Drang zur Selbstdarstellung und entweder Du bist ein Darsteller, oder eben nicht!" Planen könne man so etwas nicht.

Arbeitszeiten von 12 bis 13 Stunden, wie manche Influencer sie angeben, halte Karl für eine Rechtfertigung, wie besonders und anspruchsvoll die Arbeit sei. Dabei gebe es natürlich Ausnahmen, weil einige Videos und Streams aufwendig produziert und vorbereitet seien, die Regel sei das nicht: "Für mich ist es jedenfalls eine einfache Einnahmequelle".

"Die Mixer-Schließung war absehbar", erklärt Karl. Mixer habe zu keiner Zeit ernsthaften Wachstum generiert beziehungsweise sei sie die Plattform mit dem geringsten Wachstum gewesen. "Wer sich auf Mixer eine Existenz aufgebaut hatte, war extrem risikofreudig." Experten, Branchenkenner und selbst Laien, die die Zahlen betrachtet hätten, wären sich einig gewesen, dass die Streaming-Plattform von Microsoft keine Zukunft gehabt habe. Außerdem wäre das nicht das erste Projekt, dass Microsoft einstampfe.

Durch seinen Partnervertrag sei Karl an Twitch gebunden und dürfe auf keiner anderen Plattform Live-Inhalte anbieten, die Videos könne er aber später als VOD auf anderen Plattformen anbieten. Mit seinen durchschnittlichen 3.000 Zuschauern habe er selbst keinen Einfluss auf Twitch. Wünsche könne er bei seinem Partner-Manager zwar äußern und bekäme auch eine Antwort, Auswirkungen habe das aber nicht. Karl ist mit der Erreichbarkeit seiner Partner-Manager zufrieden, negative Äußerungen in den sozialen Netzwerken erklärt er mit der "Meckerkultur": "Wenn ich nur die negativen Punkte betrachte und mich darüber auslasse, was nicht so gut läuft, kann man schnell so einen Eindruck bekommen, das ist menschlich."

Auf Twitch könne man unglaublich viel Geld verdienen und die Plattform biete ihm und seinen Zuschauern alles, was man benötige – eine hohe Benutzerfreundlichkeit für beide Seiten, gute Qualität, hohe Zuverlässigkeit und den Chat. "Die Chat-Funktion ist für die Zuschauer unglaublich wichtig und für mich der wichtigste Grund auf Twitch zu streamen", erklärt Karl. "Oft entwickelt der Chat in meinem Stream eine Eigendynamik, und die Zuschauer befassen sich mit Themen, die nichts mit meinen Inhalten zu tun haben." Das wiederum biete ihm die Möglichkeit, seine Inhalte anzupassen und darauf einzugehen. Bei seiner Zuschauerzahl habe Karl den Chat noch relativ gut im Blick, da er viel querlese, bei höheren Zuschauerzahlen sei das allerdings etwas anderes.

Karl selbst wurde bisher noch nicht von Twitch gebannt; zum Ausschluss von Dr Disrespect sagt er: "Das war nicht das erste Mal, dass jemand wegen Fehlverhaltens von der Plattform ausgeschlossen wurde!" Dafür gebe es ja die Terms of Service; wenn man sich daran halte, habe man nichts zu befürchten. Als Streamer sei man selbstständig und trage die gleichen Risiken wie jeder Selbstständige und Unternehmer. "Macht man als Selbstständiger einen Fehler, können die Aufträge auch ausbleiben", erklärt Karl. Für ihn gebe es keine Alternative zu Twitch, "mein Herz schlägt 'purple'". Auch wenn Trovo auf den ersten Blick keinen schlechten Eindruck mache, werde Twitch das Monopol unter den Live-Streaming-Plattformen behalten. Was aus Trovo wird, werde die Zukunft zeigen. Ein Wunsch hätte Karl für Twitch – Instant Replay. Die Funktion, während eines Live-Streams zurückzuspulen und anschließend wieder auf das Live-Bild zu springen, bieten YouTube und auch Trovo in der Beta-Version, allerdings ist das Feature auf Trovo nur zahlenden Zuschauern vorbehalten, die dafür auf dem jeweiligen Kanal ein Abo abschließen müssen.

Karl habe auch negative Dinge im Internet erlebt. Als er zur Europawahl seinen Standpunkt gegenüber den rechtspopulistischen Parteien deutlich gemacht habe, habe er kurze Zeit später Morddrohungen aus der rechten Szene bekommen. Zum Schutz seiner Familie sei er daraufhin in die Schweiz ausgewandert und stehe jetzt erneut vor einem Umzug in ein anderes Land. "Ich ziehe mit meiner Familie nach Irland und plane für die Zukunft – nach Abschluss des Studiums der Kynologie – die Zucht und Ausbildung von belgischen Schäferhunden (Malinois)." "Dafür habe ich mir ein passendes Grundstück in Irland gekauft." Wie lange das mit dem Streaming auf Twitch noch für Karl noch relevant sei, könne er nicht sagen. "Die Hunde sind aber eine Herzensangelegenheit."

ANSAGE an alle Influenzer! KARLTEXT – Dekarldent

Auch heise online ist mit der #heiseshow jeden Donnerstag mit unterschiedlichen Themen Live im Internet, auf YouTube und Twitch. Ursprung der heiseshow waren Live-Übertragungen von Messeständen, auf denen das Team von heise eine Zusammenfassung des Tages live im Internet übertrug – die heiseshow XXL. Im Gespräch mit unseren beiden Video-Producern Johannes und Michael, die auch in ihrer Freizeit Inhalte für das Internet produzieren, konnten wir auch deren Meinungen einfangen, die nicht durch "influencern" ihre Lebensgrundlage verdienen.

Michael betreibt unter dem Namen "AvaVII" einen YouTube- und Twitch-, sowie Discord-Kanal. Der Fokus liegt auf Gaming-Content, der auf Twitch live übertragen und auf seinem YouTube-Kanal als VOD abrufbar ist. Michael ist überzeugt: "Twitch-Deutschland ist kein Vergleich zu Twitch-USA. Die gute Erreichbarkeit der Partner-Manager hier hat damit zu tun, dass es in Deutschland einfach wenige große Stars gibt. Das sieht in den USA ganz anders aus." Unterscheiden könne man Stars, die groß sind, und Stars, die Nischen bedienen – die besonders gut in einem Spiel sind. Um im Affiliate-Programm auf Twitch einzusteigen, seien die Hürden relativ leicht zu nehmen. Zum Twitch-Partner zu werden, sei noch mal was etwas anderes. "Um das zu schaffen, muss man sich genau überlegen, was man wann streamt – also auch Blockbuster und man benötigt einen festen Zeitplan. Wer einen Nischen-Titel regelmäßig spielt, wird es schwer haben durchschnittlich auf 75 Zuschauer zu kommen."

Michael spielt mit seiner Community das neue Deadly Premonition 2

Und das will Michael. Angefangen hat er aus unterschiedlichen Gründen – zum Beispiel zur Selbst-Fortbildung, um seine private Technik am laufen zu halten und neue Dinge auszuprobieren, die im Regelbetrieb im Unternehmen selten möglich sind. "Ich vergleiche das ein bisschen mit den LAN-Partys von früher, zumindest fühlt es sich manchmal ähnlich an." Und – er will es sich vielleicht auch ein bisschen selbst beweisen. Ab einer gewissen Größe seien Moderatoren zwingend nötig, die für Ordnung im Chat sorgen. "Man kann sich nicht auf ein Spiel konzentrieren und nebenbei noch 300 Zuschauer im Chat managen." Die großen Kanäle haben oft viele Moderatoren, die sich die Arbeit teilen. Der YouTube-Kanal AvaVII hat aktuell 1.000 Abonnenten, der Twitch-Kanal AvaVII hat 269 Follower. Die Einnahmen sind eine Aufbesserung des Taschengelds.

Johannes betreibt einen YouTube-Kanal , auf dem er sich seit November 2017 mit Maker-Themen beschäftigt. Johannes erklärt die Bedienung der 3D-Software Sketchup und veröffentlicht Videos für Maker, Heimwerker, Hobby-Bastler und Holzwerker. Der Kanal ist monetarisiert, unter manchen Videos finden sich Amazon Affiliate-Links. "Die Einnahmen nutzen wir zur Aufbesserung der Urlaubskasse", erklärt Johannes. Der Kanal hat aktuell 18300 Abonnenten.

Abhängig möchte keiner von beiden von den amerikanischen Konzernen sein. Wenn YouTube auf einmal etwas nicht mehr will oder Twitch etwas streicht, könne sowas schnell zu kritischen Situationen führen. Johannes verstehe auch nicht die Ablehnung, YouTuber in die VG Bild-Kunst zu lassen und dadurch eine Grundlage für eine angemessene Vergütung der Urheber zu schaffen. "Mit Blick auf meine Familie möchte ich aus der Abhängigkeit amerikanischer Unternehmen nicht die Brötchen bezahlen." Auch eine deutsche oder europäische Lösung ähnlicher Plattformen halten beide für ausgeschlossen.

Abschließend: Ein Ausschluss von den großen Plattformen ist aktuell ein kalkulierbares Risiko, eine Plattformschließung eher nicht. Die Chance, bei den beschriebenen Anbietern in eine angenehme Position zu kommen und ausreichend Einnahmen für die Lebensgrundlage zu erzielen, scheint das größere Problem zu sein. Ist man allerdings bis zu einer gewissen Reichweite angewachsen, scheint es nur eine Richtung zu geben, weiter nach oben.

"Das lineare Fernsehen hat keine Zukunft", da sind sich alle sicher. Zwar sei die Feindschaft gegenüber den neuen Verbreitungswegen noch recht hoch und die Lobby der TV-Sender extrem stark, dauerhaft und gerade mit Blick auf die jüngeren Generationen werde sich das Format aber nicht halten können.

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Mit "funk", dem Content-Netzwerk von ARD und ZDF, haben die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten bereits Formate aus den Bereichen Information, Orientierung und Unterhaltung übernommen und sind auf YouTube, Facebook, Snapchat, TikTok und Instagram vertreten. Einige YouTuber und Kanäle, auch mit großer Reichweite, sind in "funk" aufgegangen und neue wurden initiiert. Der Kanal "World Wide Wohnzimmer" (früher Twin.tv) mit den Zwillingen Dennis und Benni Wolter, die schon viele Jahre auf YouTube aktiv sind und seit 2017 zum Netzwerk der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten gehören, übernimmt im Herbst 2020 den Sendeplatz von Jan Böhmermanns "Neo Magazin Royal" auf ZDFneo. Der Komiker Kaya Yanar, der mit der TV-Comedysendung "Was guckst Du?!" auf Sat.1 seinen Durchbruch schaffte, streamt seit diesem Jahr auch live auf Twitch.

Wir gehen ins FERNSEHEN! | Offizieller Trailer – World Wide Wohnzimmer

Twitch und YouTube sind neben dem Computer, Smartphone und Tablet auf immer mehr Set-Top-Boxen und smarten TV-Geräten verfügbar. In den USA laufen erste Versuche, bei denen sich die Streamer auf Twitch zusammen mit ihren Zuschauern Serien von Amazon Prime Video ansehen können. Ein Live-Programm und die Deutsche Fußball-Bundesliga bietet Amazon ebenfalls in seinem Video-Dienst an. Geht es nach den Videotheken, die bereits seit über einem Jahrzehnt langsam aber sicher auf ihr Ende zusteuern, jetzt dem klassischen und linearen Fernsehprogramm an den Kragen?

Wie groß der Einfluss der interaktiven Dienste aus dem Internet auf das lineare Fernsehen ist, ob überhaupt eine Veränderung eintritt oder beide Formate koexistieren können, wird die Zeit zeigen. Vielleicht können wir in der Zukunft an den großen Shows im TV vom heimischen Sofa aus teilnehmen, in Nachrichten oder Berichterstattungen, die wir nicht auf Anhieb verstehen, nachfragen; oder wir nehmen aktiv an Talk-Shows teil – nicht über Social Media, Telefon oder Teletext, sondern mit eigenem Mikrofon und WebCam. Der Grundstein für solche Formate ist gelegt, die Technik beim Zuschauer vorhanden und mehr als eine Generation nutzt die Dienste so aktiv wie andere Generationen den Fernseher – bis die Augen viereckig werden.

(bme)