Missing Link: Kaufen Sie kein Elektroauto! Von falschen Konsum-Versprechungen

Sie wollen etwas tun, um das Leben, Ihr Leben, nachhaltiger zu gestalten? Tun Sie: nichts! Vor allem: Kaufen Sie nichts! Ein paar Anmerkungen zum Überkonsum.

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(Bild: Sodel Vladyslav / Shutterstock.com)

Von
  • Clemens Gleich
Inhaltsverzeichnis

Wie sehr uns unsere Konsumkultur prägt, zeigen Antworten auf Fragen zur jeweils persönlichen Beteiligung am Schutz des zukünftigen Lebensraums der Säugetierart Homo Sapiens. Diese Antworten reihen nämlich bevorzugt auf, was die Befragten alles gekauft haben. Neue Elektroautos. Neue Hausdämmung. Neue Bioschuhe. Neue E-Fahrräder. Neue Bambustrinkhalme. Neue Zinkblechgießkannen. Die Kehrseite fehlt, der Müll dahinter: Die voll funktionale Plastikgießkanne, die im Rappel "Omas Zink muss her!" entsorgt wurde. Die leicht ausgetretenen Plastikturnschuhe. Das gebrauchte, defektfreie Benzinmotorauto. Es besteht hier eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Ihnen bis hierhin nichts seltsam vorkam, so normal liest sich der Vorgang selbst mit der Lampe des Fokus darauf. Wenn wir umweltfreundlicher sein wollen, müssen wir umweltfreundlicher konsumieren, oder? So sagen es uns täglich mehrere Bildschirme.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Zur Schlussfolgerung der Absurdität dieser Forderung fehlt es hauptsächlich an täglichem Feedback. Wir sprechen täglich über die Verkehrswende oder über Volkswagens Currywürste in der Kantine oder Luisa Neubauers Linienflüge. Doch der größte Batzen unseres unhaltbaren Lebensstils sind weder Schnitzel noch Ferienflüge, sondern unser krasser Überkonsum. Selbst diesen Begriff müssen Forscherinnen wie Dr. Maja Göpel immer wieder neu erklären, so selten kommt das Kernproblem unserer Gesellschaft zur Sprache. "Überkonsum" bedeutet, was das Wort beschreibt: einen Konsum, der über das hinausgeht, was unser Lebensraum regenerieren kann.

In Zahlen des UBA zur Einordnung: Ernährung (inklusive allen Fleisches) macht 16 Prozent unseres CO2ä-Ausstoßes aus, alle Mobilität (inklusive aller Flüge) 20 Prozent, doch "sonstiger Konsum" liegt bei 42 Prozent. Der gern Jugendlichen vorgehaltene Stromverbrauch von Streaming, Licht, Elektronik: läppische 7 Prozent. Die verbliebenen 15 Prozent gehen an die Heizung. Das ist die Größenordnung des Problems in einem Land, dessen Bewohner große Vielfache an CO2ä von etwa einem Menschen in Eritrea produzieren, ohne sich vorstellen zu können, wie man da noch etwas sparen könnte. Ich KAUFE doch schon so bewusst!

Die Lösung liegt schon in der Problembeschreibung auf der Hand: Wenn Sie "etwas tun" wollen, dann tun Sie am besten: nichts. Nichts kaufen. Der vielzitierte "Fußabdruck" des Eritreers liegt doch nicht darin, dass er sich so viel geilen Ökoscheiß kauft, sondern darin, dass er sich eben kaum etwas leisten kann. Mangels Wohlstand konsumiert er nur das Nötigste. Unser Wohlstand dagegen finanziert hauptsächlich Konsum, und manchmal scheint es, als sei der Konsum unser einzig mögliches Glück.

Das gestörte Verhältnis zum Konsum ist umso bemerkenswerter, als er sich in unseren finanziellen Eckdaten widerspiegelt: Deutschland landet beim Einkommen auf den vorderen Plätzen im europäischen Vergleich. Beim Vermögen dagegen liegt unser Durchschnitt kaum über dem europäischen Durchschnitt, und beim relevanteren Median liegt Deutschland deutlich unter dem europäischen Median. Wohin geht diese Differenz zwischen Einkommen und Vermögen? In die sogenannten "Lebenshaltungskosten".

Diese Kosten bestehen bei uns hauptsächlich aus hohen, stetig steigenden Mieten beziehungsweise Wohnkosten generell. Schon der nächste Punkt des Verkehrs enthält jedoch Überkonsum: 305 Euro im Monat kostet laut statistischem Bundesamt die persönliche Mobilität pro Haushalt. Konkreter: So viel kostet das Auto und die Ferienflüge, denn zu Fuß gehen kostet nichts, das alte Fahrrad fast nichts.

Kaufen Sie dieses mehr oder minder formschöne Auto und erhalten Sie tausende Euro gratis aus sozialer Umverteilung! Wie, Sie können sich keinen Neuwagen leisten? Egal. Ihre Steuern finanzieren Andere, die das können.

(Bild: Clemens Gleich)

Genauso viel kosten Lebensmittel inklusive Genussmittel wie Tabak im Monat, wozu gehört: Deutschlands Lebensmittelkosten liegen im europäischen Vergleich niedrig aufgrund unserer hochautomatisierten Landwirtschaft. Es sind die feinen Dinge, die Genussmittel, die den Wert nach oben treiben. Und der Rest des Monatsgelds, den verfeuern wir in lupenreinem Konsum. 100 Euro pro Monat im Schnitt für Kleidung und Schuhe! Wenn ich das hier täte, hinge bald der ganze Dachboden voll meiner ungetragenen Ballkleider, und die Realität der Modefreaks sieht nur vernachlässigbar weniger absurd aus. Dass die Bundesregierung in so einem Kontext Geld von unten nach oben verteilt, damit Leute mehr Autos konsumieren, ist eine Farce, eine Frechheit, ein systematischer Fehler.

Wir wissen aus Untersuchungen und Vergleichen, dass das batterieelektrische Auto (battery electric vehicle, BEV) auf Lebenszeitsicht in Sachen CO2Ä besser abschneidet als Benziner oder Diesel. Volvo kommt im direkten Vergleich auf etwa die Hälfte des Impacts BEV/Verbrenner, das ICCT in seinen neuesten Hochrechnungen auf bis zu zwei Drittel Vorteil BEV. Diese ganze Zahlenspielerei verdeckt jedoch den Knackpunkt: Sie vergleicht das neue Elektroauto mit dem neuen Benziner. Das neue Elektroauto ersetzt jedoch den gebrauchten Benziner, und das meistens vorzeitig, vor allem mit Förderung. Emotionen prägen unsere Beziehung zu Autos und deren Kosten. Deshalb kaufen wir schon ökonomisch betrachtet zu früh neue Autos, und das geförderte E-Auto verschärft das Problem. Ökologisch betrachtet schaut es viel schlechter aus. Für die kurzfristige Klimabilanz ist das E-Auto sogar schlechter, weil es mit einem Herstellungsrucksack vorfährt, den der Verbrenner erst nach einigen Jahren des Gebrauchs einholt. Diese E-Förderung geht also rein an unsere Autoindustrie, und sie begründet sich von vorne bis hinten auf eine verquere Gefühlswelt.

Die dafür verantwortlichen Emotionen können Sie sehr einfach nachvollziehen. Stellen Sie sich vor, Sie besuchen mit Ihrem Neuwagen die Werkstatt für die planmäßige Wartung. Wie fühlen sich diese 500 Euro an? Eher als Investition. Schließlich will ich doch mit tadellosem Service-Heft weiterverkaufen! Wie fühlen sich die zahlreichen Defekte an, die der Hersteller auf Garantie bezahlt? Eher wie ein Entgegenkommen, obwohl Sie ohne eigene Schuld auf eigene Kosten durch die Gegend fahren und herumkommunizieren.

Meditieren Sie einmal über diese rhetorische Frage: Wenn neuere Fahrzeuge fahren billiger ist als alte reparieren, warum reparieren dann die ärmsten Halter immer, bis es wirklich nicht mehr geht? Fahrten durch ärmere Regionen in Afrika oder Asien zeigen, wie man am billigsten Maschinen betreibt. Diese Methoden ließen sich auch auf Umweltkosten optimieren.

(Bild: Hubert Kriegel)

Nun stellen Sie sich vor, Ihr zehn Jahre altes Auto braucht einen neuen Katalysator. Wie fühlt sich das an? Eher schmerzhaft, als verlorene Kosten, ein Geldkoffer auf ein sinkendes Schiff geworfen. Schon bald stellt sich das Gefühl ein, der Wagen sei wirtschaftlich unrentabel. Es ist fast immer nur ein Gefühl, denn ein altes Auto am Laufen halten bleibt sehr lange wirtschaftlicher, als öfter mal ein neues zu führen. Beim für neuere Fahrzeuge großen Posten "Wertverlust" bestreiten viele Autofahrer kategorisch schon seine Existenz. Dieses Geld sei irgendwie "nicht real", wünschen sie sich, obwohl man ihnen vorrechnen kann, was der Wertverlust sie bisher gekostet hat im Verkauf alt zu Kauf neu(er).

Die ökologische Seite ist noch eindeutiger: Die umweltbewusste Halterin fährt den alten Wagen vollständig auf und sieht sich dann nach dem lebenszyklusmäßig besten Ersatz um. Die Förderung grätscht genau hier schädlich hinein. Der einzige, rein virtuelle Vorteil, der immer wieder genannt wird: Förderung sorgt für schnellere Verfügbarkeit attraktiver Produkte. Kurz: Der Vorteil besteht nur im Kontext Konsum. Es gäbe reihenweise Möglichkeiten, diese gigantischen Geldmengen sozialverträglicher und ökologisch wirksamer im Sektor Verkehr zu investieren. Aber wir müssen ja Autos verkaufen.