Missing Link: Kaufen Sie kein Elektroauto! Von falschen Konsum-Versprechungen

Gefühlte Wahrheiten

Inhaltsverzeichnis

Schmerzhafte Erlebnisse beeinflussen uns immer stärker als positive. Erinnern Sie sich an die Pubertät in der Schule. Ououou, da kommen Erinnerungen! Ganz viel Scham. So funktioniert der menschliche Geist eben. Tausende von Euro pro Jahr sparen durch ein älteres Auto fällt uns überhaupt nicht auf. Im Gegenteil ärgern wir uns darüber, dass wir 1000 Euro Reparaturkosten über die Wartung hinaus aufwenden mussten. Um diese (schmerzhaften) 1000 Euro zu vermeiden, geben wir gern (wohlig investierte) 2000 Euro für Mehrkosten eines neueren Fahrzeugs aus. Die neu gekaufte Bambuszahnbürste! Ach, wie bin ich heut' wieder ökologisch! Der dafür weggeschmissene Zehnerpack Plastikbürsten: War was?

Bamboozled (2 Bilder)

Wech mit dem Plastik, ich bin jetzt total nachhaltig!

(Bild: Clemens Gleich)

Wie jedes schwierige Problem entsteht der Überkonsum natürlich aus vielen Ursachen. Mein Nachbar hat sich das Haus gedämmt! Jetzt kaufe ich einen Hyundai Ioniq, das wird ihm zeigen, wer hier mehr tut für die Zukunft! Mit dem Ioniq kann ich zudem viel mehr mit meiner Tugendhaftigkeit hausieren gehen als mit meinem zwanzig Jahre alten Golf, den er ersetzt. Bei egal welchem Problem muss immer jemand etwas TUN, das fordert das Fernsehen schon im Moment der Berichterstattung. Bürger fordern, dass irgendjemand irgendetwas tun soll, und geben sich zufrieden, wenn das in dieser Wahllosigkeit geschieht. Sehr oft gibt es jedoch nichts (Sinnvolles) zu tun. Sehr oft wäre es im Gegenteil besser, nichts zu tun, oder weniger zu tun.

Der Taoismus beschreibt als eine seiner primären Standsäulen das "Tun durch Nichtstun" (Wu Wei). Die Formulierung ist absichtlich in sich widersprüchlich, das Konzept ist das jedoch nicht. Am einfachsten erklärt es sich anhand Deutschlands beliebtestem Hobby: Gärtnern. Ein "Garten" enthält per definitionem menschliche Gestaltung und natürliches Wachstum in jeweils individuellen Anteilen. Sie können sich im Garten totarbeiten, wenn Sie versuchen, alles zu kontrollieren – ein bewährtes Rezept zum Unglücklichsein. Der Mensch im Garten muss wissen, was zum Gestaltungsziel zu TUN ist, wichtiger aber noch, was er LASSEN kann, ja: muss. Sie können keine Begonie bauen. Die Pflanze muss das selber tun. Das gilt auf allen Ebenen des Biotops. Und der Mensch neigt immer zum zu viel tun; der moderne Mensch am liebsten in Verbindung mit zu viel kaufen. Machen Sie sich den Spaß und recherchieren Sie einmal, wie viel Pflanzenmasse Hausgärtner (gegen Geld, mit dem Auto) entsorgen, wie viel Komposterde (am liebsten in Plastiksäcken) sie kaufen und wie viele Komposthaufen es in Hausgärten gibt.

Auf der Wiese hinterm Haus (Außenbereich) der ewige Kampf: Meine Frau will möglichst viel tun, ich will möglichst viel lassen. Kompromiss: Gemähte Wege, dazwischen Rückzugsorte für Flora und Fauna.

(Bild: Clemens Gleich)

Das Autofahren funktioniert (taoistisch betrachtet) nicht grundlegend anders. Ein altes Auto gegen ein neues Elektroauto zu tauschen, ist trotz Förderung selten wirtschaftlich und noch seltener umweltfreundlich. Tun Sie doch erst einmal: nichts. Wenn sich das alte Auto wirklich nicht mehr reparieren lässt (das ist etwas Anderes als das vage Gefühl, das lohne sich nicht mehr), können Sie es immer noch gegen die über die Lebenszeit umweltfreundlichste Option ersetzen. Der Trick zu einem zuverlässigen Gebrauchtwagen: Wartung machen, als sei da noch Garantie drauf. Dann kommen auch Defekte nicht mehr so "aus heiterem Himmel". Autohersteller hassen diesen Trick. Er stärkt jedoch die lokale Wirtschaft, denn die Werkstatt liegt um die Ecke, während das neue Auto in Tschechien oder gleich in Asien vom Band läuft.

Na? Regt sich Widerstand in der Hirnrinde? Was will der Schreiberling? Soll ich etwa leben wie meine Urgroßeltern? Graupensuppe und Gewalt jeden Tag? Das ist die große Lüge, die uns die Bildschirme jeden Tag erzählen: Dass Konsum (und nur Konsum) uns glücklich macht, dass jedes Weniger in der logischen Folgerung unser Glück mindert. Henderson-DeSylva-Brown wussten es schon in den 1920ern: The best things in life are free.

Fast hundert Jahre Forschung später wissen wir, dass der etwas dümmlich-naiv klingende Spruch stimmt. Spazierengehen und andere Menschen machen uns zufrieden. An Möglichkeiten zu beidem herrscht kein Mangel, beides kostet weniger Lebenszeit als die Alternativen. Viel arbeiten, um viel zu kaufen dagegen kann sehr schnell sehr unglücklich machen. Deshalb braucht dieses unser Lebenskonzept ihre tägliche Werbung. Und deshalb stehe ich hier immer und predige Spazierengehen und mit Kumpels abhängen, bis Ihnen das Thema zu allen Löchern herausläuft. Es muss einen stetig wiederholten Gegenentwurf geben zum stetig wiederholten Überkonsum, aus dem schlichten Grund, dass Überkonsum nicht nachhaltig funktioniert. Das Konsumproblem durch Konsum lösen wollen ist genauso dämlich wie "War on Terror" oder das ebendies veräppelnde "Fucking for Virginity".

Und damit niemand in die Absolutismus-Falle der radikalen Veganer läuft: Es muss nicht die totale Abkehr von jedem Konsum sein, bei dem Sie sich auf den Kopf stellen müssen, wenn Sie aus der Eisenwarenabteilung drei neue Schrauben kaufen wollen. Etwas weniger hilft schon. Viele Leute etwas weniger ergibt fast immer mehr Effekt als wenige Leute, die 100 Prozent schaffen.

Wie viel vom Zuviel wäre mir genug? Es hilft eigentlich nur Erfahrung. Daher ein kleines Spiel, für den Sanktnimmerleinstag, an dem Sie "mal Zeit haben": Kaufen Sie 30 Tage lang nichts außer Lebensmittel. Stellen Sie sich die Challenge, das Auto so wenig wie möglich zu benutzen (ähnlich dem, was Fahrer von Plug-in-Hybriden mit elektrisch fahren tun, nur besser). Gehen Sie stattdessen möglichst viel zu Fuß. Sprechen Sie jeden Tag persönlich mit einem relevanten Menschen, den Sie vernachlässigt haben, weil dieser Mensch einen Account bei Facebook hat und Ihr Essensbild sehen kann (ja, ich impliziere hier, dass ein Like und ein Schnitzelfoto unzulänglich sind für eine menschliche Beziehung). Benutzen Sie keine asozialen Medien. Ich kann Ihnen garantieren, dass Sie am Ende dieser 30 Tage a) glücklicher sind und b) finanziell wie sozial reicher. Vielleicht haben Sie gar angefangen, Taoismuskonzepte in Ihrem Garten anzuwenden.

Das Schwierige ist nach diesem Zeitraum nur, dass Ihnen die Bildschirme weiterhin ständig erzählen, was Sie alles an Glückskonsum verpassen, was NORMAL ist, was Ihnen FEHLT. Das erodiert die erlebte positive Erfahrung erstaunlich schnell. Konsum ist systematisch bei uns im Westen. Wir träumen noch immer von der Kapitalistenutopie des ewigen Wachstums. Die nötige Reißleine wäre jedoch: gesundschrumpfen. Das große Geheimnis am Ende: Wer weniger überkonsumiert, muss nicht unbedingt das Mehrgeld sparen. Sie könnten auch (Schnappatmung!) bei gleichem Sparvolumen weniger arbeiten. Mehr Zeit für die Kinder, für die Lebenspartner, für die Hängematten, fürs Menschsein. Doch wie wir zuletzt in der Krise unmissverständlich sahen: Genau das will kein deutscher Entscheider.

(jk)