Missing Link: Künstliche Intelligenz in spiritueller Schwerelosigkeit

Nach dem "KI-Winter", in dem KI-Forschung ein Schattendasein führte, wird der "KI-Sommer" vom Bewusstsein einer Künstlichen Intelligenz getrübt.

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(Bild: Shutterstock)

Von
  • Hans-Arthur Marsiske
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Es ist Sommer und er währt jetzt schon über zehn Jahre. Das ist natürlich nicht im meteorologischen oder kalendarischen Sinn zu verstehen, sondern bezieht sich auf den anhaltenden Boom der Künstlichen Intelligenz (KI). Nach mehreren "KI-Wintern", in denen die finanzielle Förderung der Technologie nach enttäuschten Erwartungen drastisch reduziert worden war, erlebt sie derzeit einen beispiellosen Karriereschub.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Lange Zeit verlacht, insbesondere von Seiten der Geisteswissenschaften und des Feuilletons, wird das Potenzial der KI nun auch außerhalb von Fachkreisen wahr- und ernst genommen. Forschungsgelder fließen in mächtigeren Strömen als je zuvor. Und ausgerechnet in diesem sonnigen Moment trübt der Google-Mitarbeiter Blake Lemoine den blauen KI-Himmel mit dunklen Wolken, als er verkündet, dass ein von ihm betreuter Chatbot offenbar Bewusstsein und Gefühle herausgebildet hat und als schutzbedürftig angesehen werden muss.

Ist Lemoine ein bedauernswerter Fantast, der von seiner eigenen Schöpfung in die Irre geführt wurde, oder sollten wir ihn als Whistleblower ehren und schützen, der uns frühzeitig vor einer problematischen Entwicklung gewarnt hat? Die Meinungen gehen naturgemäß auseinander.

Unstrittig hingegen ist, dass Lemoines Äußerungen sich für ihn als "Career Limiting Move" (CLM) entpuppt haben, also als ein Schritt, der seine Karriere begrenzt: Er wurde von Google beurlaubt. Seine Vorgesetzten sehen in ihm offenbar in erster Linie einen Störenfried, der die gerade so grandios verlaufende Karriere der KI behindert.

Dabei ist Lemoine wahrscheinlich kein Einzelfall, sondern lediglich das spektakulärste und prominenteste Opfer eines Prozesses, der sich ansonsten nur schwer fassen lässt. Denn es scheint, als wäre die Beschäftigung mit "starker KI" generell in den letzten Jahren mehr und mehr zu einem CLM geworden. Starke KI bezeichnet eine allgemeine, umfassende Intelligenz, wie sie Menschen und andere biologische Lebewesen herausbilden. "Schwache KI" dagegen steht für Anwendungen der Technologie auf eng begrenzte Aufgabenstellungen wie etwa Textanalysen, Bildauswertungen oder Sprachverarbeitung.

Während die Anfänge des Forschungsgebietes, das sich Mitte des vergangenen Jahrhunderts herausbildete und mit der Dartmouth Conference von 1956 seine Geburtsstunde erlebte, klar im Zeichen der starken KI standen, wird der derzeitige KI-Sommer vorrangig – wenn nicht ausschließlich – von der schwachen, aber kommerziell attraktiven KI getragen.

Zwar wird vermutlich kaum jemand offen sagen, dass starke KI ein unseriöses Forschungsthema sei, gleichwohl lässt sich generell eine wachsende Scheu beobachten, sich überhaupt damit zu beschäftigen. Die Bundesregierung hat sie in ihrer KI-Strategie komplett ausgeblendet. Forscher und Forscherinnen reagieren empfindlich, wenn ihre Arbeit in die Nähe von starker KI gerückt wird. Medien und insbesondere der Filmindustrie wird auf Konferenzen und in Fachpublikationen regelmäßig vorgeworfen, diesen Aspekt zu hoch zu bewerten und dadurch falsche Erwartungen und Ängste zu schüren, die der wirklichen Forschung nicht gerecht würden.

Mittlerweile wird auch immer wieder gefordert, auf Begriffe wie "Intelligenz" oder "Autonomie" ganz zu verzichten und durch technischer klingende Ausdrücke zu ersetzen, um die Diskussion zu "versachlichen". Ausgehend von den Debatten um Waffensysteme und andere militärische KI-Anwendungen hat dieses begriffliche Ausweichmanöver inzwischen auch den zivilen Sektor erreicht.

Die Vision, durch die das Forschungsgebiet ursprünglich ins Leben gerufen wurde, gerät ausgerechnet in dem Moment in Verruf, als sich die daraus erwachsenen Technologien der Anwendungsreife nähern. Interessant an diesem Prozess ist, dass er sich offenbar nicht nur auf die KI-Forschung beschränkt, sondern auch anderswo beobachten lässt.

So ist etwa die Raketentechnik aus dem Wunsch hervorgegangen, Reisen in den Weltraum zu ermöglichen. Inspiriert von den Erzählungen Jules Vernes entwickelten Forscher wie Konstantin Ziolkowski und Hermann Oberth zunächst den theoretischen Rahmen, der wiederum Ingenieure wie Wernher von Braun und Sergej Koroljow inspirierte, die technische Realisierung der Vision in Angriff zu nehmen – die sich bald darauf als CLM entpuppen sollte.