Missing Link: Offener Web-Index soll Europa bei der Suche unabhängig machen

Mit der von der EU geförderten Entwicklung eines Open Web Index wollen Forscher die Dominanz von Google & Co. brechen und das menschliche Wissen verbreitern.

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(Bild: Karramba Production/Shutterstock.com)

Von
  • Dr. Stefan Krempl
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Mit einem Marktanteil von über 90 Prozent liegt Google in Europa regelmäßig auf Platz 1 der meistgenutzten Suchmaschinen. Seit 2004 ist "googeln" offiziell als Verb im Duden verzeichnet und steht dafür, mit der Anwendung der gleichnamigen Tochter des US-Dachkonzerns Alphabet im Internet zu suchen oder zu recherchieren. Google erschließt als Pforte für einen Großteil der Europäer und der Bürger weltweit nicht nur Informationen, sondern bestimmt für sie auch die Sicht auf das Internet und darin abgebildete Dinge mit.

"Wenn wir ehrlich sind, nutzen wir fast alle immer nur einen Zugang zu Informationen", gibt der niedersächsische Digitalstaatssekretär Stefan Muhle zu bedenken. "Und ich bin der festen Überzeugung, dass diese Monopolisierung, diese Kanalisierung, Informationen nur auf einem Weg zu bekommen, insgesamt der Wissenschaft nicht guttut und der freiheitlichen Demokratie auch nicht." Nötig sei daher eine "transparente und faire Websuche" als "europäischer Markenkern in der Digitalisierung", betont der CDU-Politiker: "Es wird Zeit, dass wir die digitale Vielfalt und unsere digitale Souveränität zurückgewinnen."

Muhle lobt daher das europäische Projekt Open Web Search, in dem Wissenschaftler seit September für drei Jahre am Kern eines europäischen Open Web Index (OWI) arbeiten und damit die Grundlage für eine neue europäische Websuche legen wollen. Ziel des Programms ist es, "die Dominanz außereuropäischer Internetkonzerne" wie Google und Microsoft zurückzudrängen, erläutert der Suma-Verein für freien Wissenszugang. Er ist mit der Meta-Suchmaschine MetaGer als Partner neben der Open Search Foundation (OSF), dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), dem Forschungsinstitut CERN bei Genf und einem Dutzend Universitäten aus Deutschland, den Niederlanden, Tschechien, Slowenien und Finnland an dem Vorhaben beteiligt.

Zuvor gab es seit 2014 ein erstes deutsches Projekt für einen OWI, das von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg und der dortigen Abteilung für Information ausging. Der Suma griff dieses Vorhaben frühzeitig auf, sodass es inhaltlich in den neuen Anlauf mit hineinspielt. Dirk Lewandowski, Professor für Information Research und Retrieval an der Bildungseinrichtung in der Hansestadt, hob schon vor knapp zehn Jahren hervor, es sei höchste Zeit, endlich einen frei zugänglichen Suchmaschinen-Index und die dafür benötigte offene Infrastruktur zu schaffen.

Die EU-Kommission fördert die neue Initiative für einen offenen europäischen Unterbau für die Websuche mit 8,5 Millionen Euro über das Forschungsrahmenprogramm Horizont Europa. Ein freier, offener und unvoreingenommener Zugang zu Informationen sei das Grundprinzip fürs Suchen im Netz, führt Projektkoordinator Michael Granitzer von der Universität Passau und der OSF aus. Dieses sei aufgrund der Marktdominanz von Google verloren gegangen.

Dem wollen die Forscher Einhalt gebieten und das Grundgerüst für eine Suche bauen, die europäische Werte und Regeln ins Zentrum rückt. Dazu zählen etwa die Transparenz und Verstehbarkeit der eingesetzten Algorithmen, den Schutz der Privatsphäre und den Zugang der Nutzer zu ihren eigenen Daten. Die User sollen selbst entscheiden können, ob Informationen wie ihr Standort oder ihre Interessen einbezogen werden.

Die von großen Suchanbietern derzeit verwendeten Programmroutinen verzerren laut Experten mitunter Wahrnehmungen und beeinflussen so letztlich auch die gesellschaftliche Willensbildung. "Als Privatunternehmen könnte Google jederzeit Suchergebnisse nach seinen Vorstellungen gestalten", warnt Christian Gütl vom Cognitive and Digital Science Lab der am Projekt beteiligten TU Graz. Das tue der Betreiber auch schon, was aber noch viel massiver ausfallen könnte. Generell gelte: Wenn Webseiten "aus politischen oder monetären Gründen aus dem Suchindex von Google fallen, dann sind sie im Grunde nicht mehr auffindbar".

Auch als Datenkrake werde der führende Suchanbieter immer gefährlicher, weiß Christine Plote aus dem OSF-Vorstand. Viele recherchierten im Netz zu sehr persönlichen Themen wie Krankheiten. Auf Basis dieser Suchhistorie erstellte Profile öffneten Tür und Tor für gewollte oder unbewusst erfolgende Manipulation und Missbrauch.

Während Google seinen Suchalgorithmus geheim hält und wie einen Augapfel hütet, soll der OWI Open Source sein. "Bei einem öffentlich einsehbaren Quellcode kann ich genau erfahren und vor allem auch nachprüfen, was die Suchmaschine über mich speichert", stellt Wolfgang Sander-Beuermann vom Suma einen damit verknüpften großen Vorteil dar. Dabei komme es neben den Suchwörtern etwa auf Kenngrößen wie IP-Adressen, Bildschirmchiffren sowie Schriftarten und -größen an, die über einen digitalen Fußabdruck zumindest einen PC oder ein Smartphone eindeutig bestimmbar machten.

Zweiter entscheidender Faktor ist Dezentralität. Um den OWI auf die Beine zu stellen, soll zunächst die verfügbare Rechenleistung mitmachender Einrichtungen gebündelt und der Index selbst verteilt werden. Vor allem das Leibniz-Rechenzentrum in Garching bei München, das als eines der größten im Wissenschaftsbereich in Europa gilt, das IT4 der TU Ostrava in Tschechien und voraussichtlich das CERN, an dem Tim Berners-Lee das Web erfand, werden dem Plan nach noch von diesem Quartal an erste Teile des Internets für den Index katalogisieren beziehungsweise Infrastrukturprojekte dezentral zum Crawlen bringen. Erste Versuche dafür liefen in Passau.

"Missing Link"

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