Missing Link: Vom RIPE-Architekten zum Protokollkrieger (Daniel Karrenberg)

Der RIPE-Architekt Daniel Karrenberg hat viel für den Ausbau des Internets in Europa getan und kennt viele Details der Protokoll-Wars.

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(Bild: Graphics Master/Shutterstock.com)

Von
  • Monika Ermert
Inhaltsverzeichnis

Es gibt wohl nicht viele deutsche Informatiker, die so viel für den Ausbau des Internets in Europa getan haben und so viele Details der Protokoll-Wars kennen wie Daniel Karrenberg. Weil da so viel zu tun war, zog er in den 80er Jahren erst mal für ein Jahr in die Niederlande. Weil das deutsche politische Klima ihm manchmal zu dogmatisch war, ist er dort geblieben und sieht noch heute Versäumnisse bei der Schaffung eines Internetmarktes diesseits des Atlantiks: In unserer Serie sprechen mit dem RIPE-Architekten Daniel Karrenberg.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Dies ist eine weitere Folge unserer Gesprächsserie mit Pionieren des deutschen Internets:

Als erster Europäer und als zweiter Ingenieur überhaupt hat Daniel Karrenberg den Jon Postel-Award erhalten, die wohl höchste Auszeichnung für die Baumeister des Internets. Karrenberg portierte Unix auf einen frühen Apple, brachte das Usenet mit nach Europa und baute am Eunet mit, bevor es Provider wurde. Bekannt ist er vor allem als einer der Architekten der ersten lokalen IP-Adressvergabestelle der Welt, des RIPE, mit dezidierten Ansichten. Im Gespräch nennt er als Hauptbefürchtungen, dass Europa es wieder versäumt, einen eigenen Markt zu schaffen – dieses Mal für die Cloud, und dass er selbst irgendwann zu altersstarrsinnig werden könnte.

heise online: In der Laudatio des Jon Postel Awards, den du 2001 bekommen hast, stand "without Daniel Karrenberg’s Work the internet would be a different place today". Wenn du zurückschaust, was hältst du für deinen wichtigsten Beitrag?

Daniel Karrenberg: Da fällst du gleich mit den Scheunentoren ins Haus. Ich bin jemand, der nicht so sehr an die herausragende Leistung einzelner glaubt. Ich glaube eher an Prozesse, an denen verschiedene Leute beteiligt sind, und zu denen man seinen Beitrag leisten kann. Das gelingt manchmal besser und manchmal weniger. Man muss das wohl pro Dekade sehen. Mein erster Beitrag war mit anderen zusammen den Internetprotokollen zum Durchbruch zu verhelfen. Das war in einer Phase als noch nicht klar war, ob dieses Internetgedöns nützlich und auch langfristig der richtige Weg sein wird. Da habe ich mich wie viele Kollegen weit aus dem Fenster gelehnt. Das war in den 80er-Jahren. In den 90er-Jahren habe ich mich reingehängt in die Genesis von RIPE…

heise online: der europäischen IP-Adress-Registry…

Daniel Karrenberg: Ja, das begann erstmal mit dem Austausch darüber, welche Router funktionierten, welche Modems man wie reinstecken musste oder wie man internationale Verbindungsleitungen bestellt. Da hab ich mein Steinchen dazu beigetragen. In die gleiche Zeit fällt auch die Gründung des RIPE NCC. Das waren die 90er. In den 2000er-Jahren hab ich mich dann mehr auf die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Internet gestürzt. Nicht auf politisch-ökonomischer Ebene, sondern auf rein empirischer Messebene.

heise online: Elder Statesman….

Daniel Karrenberg: Manche sagen graue Eminenz (lacht).

heise online: Warum hast du Informatik studiert, das war ja noch ziemlich neu zu der Zeit?

Daniel Karrenberg: Stimmt. Ich kann mich noch ganz gut an die Reaktionen von Leuten erinnern, denen ich erzählt habe, dass ich vorhabe Informatik zu studieren. Die häufigste Frage war nämlich, ah Informatik, und willst du dann zur Zeitung oder zum Rundfunk. (lacht) Oder zum Fernsehen, das war natürlich das Non-Plus-Ultra. Mein tatsächlicher Grund war, ich habe in der Schule Physik und Mathe gemacht, aber eben auch noch einiges andere. Einerseits habe ich noch Pädagogik belegt, zum Ausgleich, und weil ich mich noch nicht ausgelastet gefühlt habe, habe ich freiwillig noch einen Geschichtsleistungskurs drauf gepackt. Das Tolle daran fand ich, da waren Leute, die wollten das machen, die waren interessiert. Genauso war’s mit Russisch, das ich auch noch nebenher gelernt habe. Bis heute bin ich jemand, der gerne breiter aufgestellt sein will.

heise online: Was hat dich an der Informatik gereizt?

Daniel Karrenberg: Informatik – oder Datenverarbeitung wie ich es verstand – fand ich gut, weil es immer eine Anwendung gibt. Du musst dich immer mit Anwendern und mit einem Anwendungsfall auseinandersetzen. Das schien mir abwechslungsreich. Wenn ich Physik mache, dachte ich, wird mein Leben nur dann abwechslungsreich, wenn ich immer wieder meine Stelle wechsle. Mathematik gefiel mir vom Berufsbild her nicht, weil ich nicht in einer Versicherung Sterberaten ausrechnen wollte. Die Wissenschaft war zunächst auch nicht mein Ziel. Ich hatte außerdem schon etwas Programmiererfahrung, weil ich das Glück hatte, dass wir an der Schule einen engagierten EDV-Menschen der Feldmühle AG hatten. Der hat uns nachmittags Fortran beigebracht. Freunde von mir in Bochum konnten an ihrer Schule einen Basic-Rechner nutzen, der ans Rechenzentrum der Stadt angeschlossen war. Das darf man heute ja nicht mehr sagen, aber da haben wir dann auch mal die Einwohnermeldedatei ausgedruckt. Mit Zugriffsschutz war da noch nicht viel (lacht), spielende Schüler hatte niemand auf dem Schirm.

heise online: Computerspiele gab’s auch noch nicht, oder?

Daniel Karrenberg: Nein. Computerspielen war programmieren und eben solche Spökes wie die Einwohnermeldeamtsdatei. Datenverarbeitung zog damals schon bei Unternehmen wie Opel in Bochum ein, das habe ich durch meinen Schwiegervater mitbekommen. Da gab es große Ängste und daher auch Erklärungsbedarf. Da sah ich die Verbindung zur Pädagogik. Für mich sah das nach einer ganzheitlichen Sache aus. Weil Freunde aus Bochum ein Jahr vor mir zum Informatikstudium nach Dortmund gingen, habe ich mir Dortmund, Aachen und Bonn angeschaut. Dortmund fand ich toll, weil die Abteilung gerade im Aufbau war. Der Dekan, Volker Claus, lief da rum und sagte, ach, Herr Karrenberg, da hinten sind die Assistenten, die nächstes Jahr die Erstsemester machen, gehen Sie doch mal mit denen in die Mensa. Von da an war die Sache klar.

heise online: Du hast während der Dortmunder Zeit auch das EUnet mit begründet, einen der beiden ersten Provider in Deutschland. War dessen eigentlicher Ursprung wirklich ein europäisches Usenet?

Daniel Karrenberg: Ja, das stimmt. Im Nachhinein wirkt das alles immer so logisch – aber ich bin dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Ich habe im Winter 1978/79 mein erstes Semester studiert und auch gleich im Hochschulrechenzentrum gearbeitet. Ich wollte meinen Eltern nicht auf der Tasche liegen und hatte mich schon vorab auf den Hiwijob beworben. Die suchten per Aushang jemanden, der sich mit der Pandas Software für IBM Großrechner auskannte und zufällig kannte ich mich damit aus. Ich bin also hingetrabt, hab das Zeugnis aus meiner Informatik AG vorgelegt und gesagt, übrigens ich kann das. Mein Job war, die Benutzer dieses Softwarepakets zu beraten. Gleich nach dem ersten Semester musste ich dann zum Zivildienst, nachdem ich für meine Gewissensprüfung bis vors Verwaltungsgericht hatte ziehen müssen. Beim Zivildienst im Gemeinschaftskrankenhaus in Herdecke war ich dann auch wieder in der EDV-Abteilung. Lustig war, es war ein anthroposophisches Krankenhaus, das solche Geräte an sich für Teufelszeug hielt. Aber sie hatten einen Minirechner. Als ich zwei Jahre später an die Uni zurückkam, wusste ich dann schon, die Großrechner sind nichts für mich.

heise online: Du hattest dich also praktisch bei den Anthroposophen mit Unix infiziert…

Daniel Karrenberg: Genau. Deshalb bin ich nicht mehr zum Rechenzentrum zurück, sondern zur Informatikrechner Betriebsgruppe der Uni Dortmund. Da hab ich dann wieder einen Minirechner zu betreuen gehabt und darauf lief Unix, und zwar nachts. Tagsüber für die 'richtige Arbeit' lief das DEC (Digital Equipment Corporation, d. Red) Betriebssystem. Der Rechner war eine PDP 11/60. Nachts durften wir – wir waren eine Gruppe von Hiwis – unsere Experimente mit Unix Version 6 machen. In dem Forschungsprojekt tagsüber sollte Microcode geschrieben werden und die Teilnehmer haben sich dauernd beschwert, dass der Compiler so grottenschlecht war. Wir haben uns das angeschaut und es war schnell klar, das war kein kommerzieller Code, das hatte ein Student mal so über den Sommer gemacht.

Zusammen mit ein paar Kollegen, unter anderen Klaus Eckhoff und dem späteren Daimler Forscher Stefan Hahn, haben wir uns des Problems angenommen und beschlossen, einen Microcode Compiler zu machen, der unter Unix läuft. Der Effekt war, dass Unix dann nicht mehr nur nachts lief…

heise online: ...sondern immer.

Daniel Karrenberg: Ich kannte mich also mit dem Unix Kernel aus und das brachte mir den nächsten Job ein. Es gab in Münster damals eine Firma, die hieß Basis Microcomputer. Die hatte die Exklusiv-Vertretung von Apple in Deutschland. Das war damals noch nicht so eine große Sache wie jetzt (lacht). Die versuchten Apple Rechner attraktiv zu machen für kommerzielle Anwendungen und hatten einen Apple 2 gebaut, der nicht aus Plastik war, sondern in einem Aluminium Gehäuse steckte und eine ergonomische Tastatur hatte. Das war damals der letzte Schrei. Das musste man haben. Bei Basis hatte man sich überlegt, dass man auch einen 16Bit Rechner haben wollte, mit Unix als Betriebssystem. MSDOS war noch nicht spruchreif und IBM kam wohl mit was, aber das wusste noch keiner. Als sie sich umhörten, wer sich da auskannte, landeten sie bei unserer Hiwigruppe. Die anderen Kollegen hatten aber schon Urlaubspläne und da hab ich gesagt, ach, das mach ich mal im Sommer. Es war eine der schönsten Erfahrungen, die ich gemacht habe. Der Mann, der die Hardware gemacht hat, der war genial. Der sagte, ok, wir müssen da Unix drauf machen, was ist das Wichtigste. Und ich hab gesagt, Memory Management, da müssen wir uns was überlegen, welchen Prozessor wollt ihr denn eigentlich nehmen. Und er, wir überlegen noch, aber wahrscheinlich den Z8000. Keiner weiß heute mehr, was ein Z8000 ist.

heise online: Der Z8000 von Zilog?

Daniel Karrenberg: Ja. Während des Fluges haben wir die Hardware entworfen und der hat die dann zusammengelötet in den USA und ich hab da Unix drauf portiert. Das war übrigens bei Microsoft, weil Microsoft das Xenix hatte. Microsoft war noch sehr klein und wir wurden von Steve Ballmer begrüßt, der machte das Geschäftliche. Die hatten dort einen Usenet Anschluss. Da bin ich zum ersten Mal mit Usenet und Newsgruppen in Berührung gekommen. Nach vier Wochen hatte ich dann den Port fertig und ich hatte auch ein Angebot von Microsoft. Da wäre ich wohl unter den ersten hundert Mitarbeitern gewesen. Ich hab aber ziemlich spontan nein gesagt und vielen Dank, tolles Land hier, aber ich bin Europäer.

heise online: Es hätte auch anders ausgehen können…

Daniel Karrenberg: Das hätte auch anders ausgehen können.

heise online: Hattest du schon Familie?

Daniel Karrenberg: Nein, ich hatte eine feste Freundin, die heute meine Ehefrau ist. Das war schon auch ein Grund. Ich dachte, die wird hier vielleicht auch nicht glücklich. Daher hab ich mich so entschieden. Aber ich war von da angefixt mit dem Usenet Kram. Ich habe den Kollegen in Dortmund von Newsgruppen vorgeschwärmt. Bei der Portierungsarbeit hatte ich auch mal ein Problem und habe eine Frage in die entsprechende Newsgroup geschrieben. Am nächsten Tag schrieb Ken Thompson zurück, du hast recht, das ist Mist programmiert, das kann man besser machen, das geht soundso. Und das vom Unix Halbgott selbst (Ken Thompson ist der Mitentwickler von Unix, d. Red.)! Für mich war klar, das müssen wir in Dortmund auch haben. Mein Kollege Achim Wolf fand eine Unix User Group in Amsterdam, und sagte, die haben auch so einen Zentralknoten und treffen sich übrigens übernächste Woche. Da sind wir also hingefahren und dann waren wir relativ schnell an das Usenet angeschlossen.