Missing Link: Sophie Scholl und die Erinnerung

Vor 100 Jahren wurde Sophie Scholl geboren. Nicht nur eine Social-Media-Produktion soll die Erinnerung an die Widerstandskämpferin wachhalten.

Lesezeit: 12 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 323 Beiträge

(Bild: anahtiris/shutterstock.com)

Von
  • Detlef Borchers
Inhaltsverzeichnis

Briefmarke, Gedenkmünze und @ichbinsophiescholl, ein Angebot auf Instagram, das bis zum 22. Februar, dem Tag ihrer Hinrichtung bespielt werden soll: Sophie Scholls 100. Geburtstag wird in aller Ausführlichkeit an vielen Orten gefeiert und soll zum Nachdenken anregen. Als Mitglied der "Weißen Rose" war sie maßgeblich dafür verantwortlich, dass die letzten Flugblätter der Gruppe deutschlandweit verteilt und gelesen werden konnten. Was die einen als Höhepunkt einer neuen Erinnerungskultur feiern, ist für andere nur eine weitere Vereinnahmung einer jungen Frau.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Im Nachleben der Sophie Scholl gibt es drei Phasen. In der ersten Phase spielte die traumatisierte Familienangehörige und ihr engster Freundeskreis eine tragende Rolle. Besonders ihre ältere Schwester Inge Aicher-Scholl prägte mit ihrem Buch über Die Weiße Rose im Jahre 1952 das Bild einer Frau, die wie eine Heilige schon in frühester Kindheit eine ungewöhnliche Reife besaß. In der zweiten Phase rückten Historiker und Historikerinnen das Bild der "Ausnahmemenschen" Inge und Hans Scholl zurecht, was durch die Bank weg zu wütenden Protesten führte. In der dritten Phase begann die mediale Aufarbeitung mit Filmen wie Die weiße Rose von Michael Verhoeven. Bald rückte das, was Historiker korrekt als "Scholl-Schmorell-Kreis“ bezeichneten, in den Hintergrund. Es entstanden Filme wie "Sophie Scholl – Die letzten Tage" und "Sophie Scholl – die Seele des Widerstandes", was dazu führte, dass selbst Bundespräsident Steinmeier historisch falsch vom "Schicksal der Gruppe um Sophie Scholl" sprach.

Nun will "Ich bin Sophie Scholl" die komplexe Vorstellungs- und Gedankenwelt der jungen Frau über 300 Tage lang über Social Media ausbreiten, im Stil der heutigen Zeit. Sophie, gespielt von Luna Wedler, macht 1942 Selfies, als sie nach dem Reichsarbeitsdienst nach München zieht, es gibt sogar ein Unboxing-Video, wenn ein Paket ausgepackt wird, das Mama ihrer Tochter nach München schickt. Die Problematik, dass ein "Nazigram" nicht denkbar, eine Sophie Scholl schon nach dem ersten Videoclip von der Gestapo verhaftet worden wäre, wird ausgeblendet. Natürlich gibt es eine gewisse Kontinuität: Flugblätter erstellen und in Hitlerdeutschland verteilen, das war ein "Medienverbrechen", wie das Hören von Feindsendern, was im Hause der Familie Scholl gang und gäbe war. Mit dem neuen Format können "User:innen hautnah, emotional und in nachempfundener Echtzeit an den letzten Monaten ihres Lebens teilhaben", wie es SWR und BR über ihre Produktion schreiben. Wer "Social Media" von damals erfahren möchte, kann zum Kontrast in den Leserbriefen an den Stürmer blättern, die das Center for Jewish History aufbereitet hat.

Es gibt einen Instagram-Clip, in dem Luna Wedler/Sophie Scholl das zerknüllte erste Flugblatt der Weißen Rose hervorkramt und vorliest: "Warum verhält sich das deutsche Volk angesichts dieser scheußlichsten, menschenunwürdigsten Verbrechen so apathisch?" Danach blickt sie in die Kamera und fährt fort: "Wenn man das bei mir gefunden hätte, wäre ich jetzt im Gefängnis." Sophie Scholl stieß relativ spät zum Kreis der "Weißen Rose" um Hans Scholl, Alexander Schmorell, Christoph Probst, Willi Graf und Kurt Huber. Nach ihrer Ausbildung als Kindergärtnerin musste sie vor Beginn des Studiums im Oktober 1941 zum Reichsarbeitsdienst (RAD) in das Lager Blumberg im Schwarzwald, wo sie im nahen Dorf Fürstenberg einen Kindergarten leitete. Abwechslung in dieser düsteren Gegend gibt es wenig, nur einmal kann sie mit ihrem Freund Fritz Hartnagel zwei Tage verbringen, was beide jedoch nachhaltig verstörte. Nach ihrer Biografin Maren Gottschalk ("Schluss. Jetzt werde ich etwas tun") schlief das Paar erstmals miteinander.

Nach ihrem Biografen Robert M. Zoske ("Es reut mich nichts. Porträt einer Widerständigen") begann im Schwarzwald das Umdenken der jungen Frau, die bis dahin ohne Probleme im Jungmädelbund und dann im Bund Deutscher Mädel organisiert war. Er schreibt: "Sie erhielt täglich Anschauungsunterricht über das Versagen und die Brutalität der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik. Das tilgte gewiss die Sympathien, die sie noch für die Idee des „Dritten Reiches“ hegte, sehr wahrscheinlich verstärkte es sogar ihre Ablehnung des Regimes. Texte dazu sind spärlich, aber ihr Handeln spricht eine deutliche Sprache: Zwei Monate nach Beendigung ihres Kriegshilfsdienstes lieh sie sich von ihrem Freund Fritz Hartnagel 1.000 Reichsmark 'für einen guten Zweck' und bat ihn um einen Bezugsschein für einen Vervielfältigungsapparat."

Zu diesem Zeitpunkt erschien bereits das zweite Flugblatt der Weißen Rose mit einer bemerkenswerten Passage, die Alexander Schmorell zugerechnet wird: "Nicht über die Judenfrage wollen wir in diesem Blatte schreiben, keine Verteidigungsrede verfassen – nein, nur als Beispiel wollen wir die Tatsache kurz anführen, die Tatsache, daß seit der Eroberung Polens dreihunderttausend Juden in diesem Land auf bestialische Art ermordet worden sind. Hier sehen wir das fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen, ein Verbrechen, dem sich kein ähnliches in der ganzen Menschengeschichte an die Seite stellen kann. Auch die Juden sind doch Menschen – man mag sich zur Judenfrage stellen wie man will – und an Menschen wurde solches verübt." Die Passage gilt als eines der sehr seltenen öffentlichen Proteste gegen die Ermordung von Juden. Bleibt die Frage, was mit Öffentlichkeit gemeint ist.

Die Wissenschaft geht davon aus, dass die mit Schreibmaschine und Matrizen produzierten Flugblätter eine Auflage von etwa 3000 Stück hatten. Als Sophie Scholl 1942 zum Studium nach München zog, wo die Gruppe um ihren Bruder Hans Scholl und Alexander Schmorell die Flugblätter produzierten, änderte sich die Lage. Sie übernimmt die Kasse und besorgt Umschläge und Papier, das damals streng rationiert war. Für das fünfte Flugblatt konnte die Gruppe 10.000 Blatt Papier, 20 Matrizen, 2000 Briefumschläge und 1000 Briefmarken hamstern. Nun war es an ihr, mit der Verteilung den Eindruck zu erwecken, dass es sich um eine große deutschlandweite Bewegung handelt, die den Aufruf an alle Deutsche! produzierte. "Darum trennt Euch von dem nationalsozialistischen Untermenschentum! Beweist durch die Tat, daß Ihr anders denkt! Ein neuer Befreiungskrieg bricht an. Der bessere Teil des Volkes kämpft auf unserer Seite. Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den Ihr um Euer Herz gelegt! Entscheidet Euch, eh’ es zu spät ist!" Eine gefälschte Variante der Schlussworte wird heute von den neonationalistischen Querdenkern auf Demonstrationen genutzt, wie es die Zitatforschung aufzeigen konnte.

Die logistische Herausforderung, dieses Flugblatt zu vervielfältigen und zu verteilen, war enorm und sehr gefährlich. Als Städte wurden Augsburg, Stuttgart, Frankfurt, Salzburg, Linz und Wien ausgewählt. In Koffern mussten die Briefe in die jeweiligen Städte transportiert und zum Ortstarif in Briefkästen geworfen werden, pro Kasten nur wenige Exemplare, um keinen Verdacht zu erwecken. Sophie Scholl reiste am 29. Januar nach Augsburg, mit 200 Briefen und 2000 Flugblättern im Koffer, die sie verteilte, um dann nach Ulm weiterzufahren. In München wurden Flugblätter in Hauseingängen oder vor Hörsälen deponiert. Rund 1300 Flugblätter wurden von dieser Aktion bei der Polizei abgegeben. Eine Gestapo-Sonderkommission unter dem Kriminalisten Robert Mohr beginnt mit der Arbeit. Schnell fand man heraus, dass alle Matrizen auf einer einzigen Schreibmaschine geschrieben wurden und dass das Papier aus dem bayerischen Raum stammen musste.

Mit dem sechsten Flugblatt wendet sich die Gruppe direkt an ihre Mitstudenten und spielte auf einen Vorfall an, der sich an der Münchener Universität ereignet hatte. Am 13. Januar 1943 sorgte der angetrunkene Gauleiter Paul Giesler für einen Eklat, als er die Studentinnen auf der 470-Jahr-Feier der Universität beschimpfte. Es kam zu Tumulten zwischen den Studenten und der Polizei, über die die Gruppe in ihrem Flugblatt schrieb: "Deutsche Studentinnen haben an der Münchner Hochschule auf die Besudelung ihrer Ehre eine würdige Antwort gegeben, deutsche Studenten haben sich für ihre Kameradinnen eingesetzt und standgehalten. Das ist ein Anfang zur Erkämpfung unserer freien Selbstbestimmung, ohne die geistige Werte nicht geschaffen werden können. /../ Der deutsche Name bleibt für immer geschändet, wenn nicht die deutsche Jugend endlich aufsteht, rächt und sühnt zugleich, seine Peiniger zerschmettert und ein neues, geistiges Europa aufrichtet. Studentinnen! Studenten! Auf uns sieht das deutsche Volk! Von uns erwartet es, wie 1813 die Brechung des Napoleonischen, so 1943 die Brechung des nationalsozialistischen Terrors aus der Macht des Geistes."

Dieses Flugblatt musste an der Universität verteilt werden, eine Aufgabe, die Hans und Sophie Scholl am 18. Februar 1943 übernahmen. Sie legten Flugblätter vor den Hörsälen ab, während die Vorlesungen liefen. Als noch ein paar Flugblätter übrig waren, begaben sie sich zum Lichthof der Universität. Ein Stapel Flugblätter sollte von der Brüstung im zweiten Stock nach unten segeln. Als Sophie Scholl dem Stapel einen Schubs gab, wurde sie vom Hausmeister Jakob Schmid gesehen. Er rannte die Treppen hoch und nahm die Geschwister Scholl fest. Bis heute rätseln Autoren und Autorinnen, warum beide keinen Widerstand leisteten und dem Hausmeister folgten, der sie zur Univesitätsleitung führte, die wiederum die Gestapo rief.

In den ersten Verhören versuchten die Geschwister Scholl zunächst, das Bild von unschuldigen Menschen zu zeichnen, die die Flugblätter im Lichthof der Universität nur aufsammeln wollten. Die Ausrede fällt in sich zusammen, als die Gestapo die Wohnung von Hans Scholl durchsuchte und dort jede Menge Material fand, sowie einen Besucher: Otl Aicher wartete dort auf die Geschwister und wurde prompt festgenommen. In weiteren Verhören nahmen Hans und Sophie Scholl alle Schuld auf sich, stellten sich als alleinige Täter dar und versuchten insbesondere Christoph Papst und Alexander Schmorell aus der Schusslinie zu halten. Sophie Scholl gab zu Protokoll: "Ich war mir ohne weiteres im Klaren darüber, dass unser Vorgehen darauf abgestellt war, die heutige Staatsform zu beseitigen und dieses Ziel durch geeignete Propaganda in breiten Schichten der Bevölkerung zu erreichen. Wenn die Frage an mich gerichtet wird, ob ich auch jetzt noch der Meinung sei, richtig gehandelt zu haben, so muss ich hierauf mit Ja antworten und zwar aus den eingangs angegebenen Gründen."

Dem Gauleiter Giesler, der eigentlich die sofortige Erschießung der Geschwister gefordert hatte, gelang es, Roland Freisler für den anstehenden Prozess zu gewinnen. Der Präsident des Ersten Senats des Volksgerichtshofes sagte zu, am Montag, dem 22. Februar die Verhandlung in München zu führen. Flugs wurde der Haftbefehl noch am Sonntag ausgefertigt. Die Anklage: gemeinschaftliche Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens, gemeinschaftliche Feindbegünstigung und gemeinschaftliche Wehrkraftzersetzung. Inzwischen hat die Gestapo Christoph Probst verhaftet und die Anklage auf ihn ausgedehnt. Auf die Rückseite der Anklage malte Sophie Scholl zweimal das Wort "Freiheit".

Robert und Lina Scholl schafften es, an der Gerichtsverhandlung teilzunehmen und bekamen mit, wie Roland Freisler tobte und brüllte, bis er die Stimme verlor. Ihr Gnadengesuch gegen die Todesstrafe wurde abgelehnt, doch sie durften ihre Kinder noch einmal sehen. "Aber gelt, Jesus", soll die Mutter gesagt haben. "Ja, aber du auch". Das war die letzte Äußerung von Sophie Scholl. Am Fallbeil schwieg sie. Hans Scholl rief: "Es lebe die Freiheit!" Im Laufe des Februars wurden die übrigen Mitglieder der Weißen Rose Willi Graf, Alexander Schmorell und Karl Huber verhaftet und im April zum Tode verurteilt. Nur drei Monate vor Kriegsende wurde Hans Konrad Leipelt hingerichtet. Er hatte das sechste Flugblatt der Gruppe vervielfältigt und verteilt, mit dem Zusatz: "Und ihr Geist lebt trotzdem weiter!"

(bme)