Missing Link: Sophie Scholl und die Erinnerung

Vor 100 Jahren wurde Sophie Scholl geboren. Nicht nur eine Social-Media-Produktion soll die Erinnerung an die Widerstandskämpferin wachhalten.

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(Bild: anahtiris/shutterstock.com)

Von
  • Detlef Borchers
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Briefmarke, Gedenkmünze und @ichbinsophiescholl, ein Angebot auf Instagram, das bis zum 22. Februar, dem Tag ihrer Hinrichtung bespielt werden soll: Sophie Scholls 100. Geburtstag wird in aller Ausführlichkeit an vielen Orten gefeiert und soll zum Nachdenken anregen. Als Mitglied der "Weißen Rose" war sie maßgeblich dafür verantwortlich, dass die letzten Flugblätter der Gruppe deutschlandweit verteilt und gelesen werden konnten. Was die einen als Höhepunkt einer neuen Erinnerungskultur feiern, ist für andere nur eine weitere Vereinnahmung einer jungen Frau.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Im Nachleben der Sophie Scholl gibt es drei Phasen. In der ersten Phase spielte die traumatisierte Familienangehörige und ihr engster Freundeskreis eine tragende Rolle. Besonders ihre ältere Schwester Inge Aicher-Scholl prägte mit ihrem Buch über Die Weiße Rose im Jahre 1952 das Bild einer Frau, die wie eine Heilige schon in frühester Kindheit eine ungewöhnliche Reife besaß. In der zweiten Phase rückten Historiker und Historikerinnen das Bild der "Ausnahmemenschen" Inge und Hans Scholl zurecht, was durch die Bank weg zu wütenden Protesten führte. In der dritten Phase begann die mediale Aufarbeitung mit Filmen wie Die weiße Rose von Michael Verhoeven. Bald rückte das, was Historiker korrekt als "Scholl-Schmorell-Kreis“ bezeichneten, in den Hintergrund. Es entstanden Filme wie "Sophie Scholl – Die letzten Tage" und "Sophie Scholl – die Seele des Widerstandes", was dazu führte, dass selbst Bundespräsident Steinmeier historisch falsch vom "Schicksal der Gruppe um Sophie Scholl" sprach.

Nun will "Ich bin Sophie Scholl" die komplexe Vorstellungs- und Gedankenwelt der jungen Frau über 300 Tage lang über Social Media ausbreiten, im Stil der heutigen Zeit. Sophie, gespielt von Luna Wedler, macht 1942 Selfies, als sie nach dem Reichsarbeitsdienst nach München zieht, es gibt sogar ein Unboxing-Video, wenn ein Paket ausgepackt wird, das Mama ihrer Tochter nach München schickt. Die Problematik, dass ein "Nazigram" nicht denkbar, eine Sophie Scholl schon nach dem ersten Videoclip von der Gestapo verhaftet worden wäre, wird ausgeblendet. Natürlich gibt es eine gewisse Kontinuität: Flugblätter erstellen und in Hitlerdeutschland verteilen, das war ein "Medienverbrechen", wie das Hören von Feindsendern, was im Hause der Familie Scholl gang und gäbe war. Mit dem neuen Format können "User:innen hautnah, emotional und in nachempfundener Echtzeit an den letzten Monaten ihres Lebens teilhaben", wie es SWR und BR über ihre Produktion schreiben. Wer "Social Media" von damals erfahren möchte, kann zum Kontrast in den Leserbriefen an den Stürmer blättern, die das Center for Jewish History aufbereitet hat.

Es gibt einen Instagram-Clip, in dem Luna Wedler/Sophie Scholl das zerknüllte erste Flugblatt der Weißen Rose hervorkramt und vorliest: "Warum verhält sich das deutsche Volk angesichts dieser scheußlichsten, menschenunwürdigsten Verbrechen so apathisch?" Danach blickt sie in die Kamera und fährt fort: "Wenn man das bei mir gefunden hätte, wäre ich jetzt im Gefängnis." Sophie Scholl stieß relativ spät zum Kreis der "Weißen Rose" um Hans Scholl, Alexander Schmorell, Christoph Probst, Willi Graf und Kurt Huber. Nach ihrer Ausbildung als Kindergärtnerin musste sie vor Beginn des Studiums im Oktober 1941 zum Reichsarbeitsdienst (RAD) in das Lager Blumberg im Schwarzwald, wo sie im nahen Dorf Fürstenberg einen Kindergarten leitete. Abwechslung in dieser düsteren Gegend gibt es wenig, nur einmal kann sie mit ihrem Freund Fritz Hartnagel zwei Tage verbringen, was beide jedoch nachhaltig verstörte. Nach ihrer Biografin Maren Gottschalk ("Schluss. Jetzt werde ich etwas tun") schlief das Paar erstmals miteinander.

Nach ihrem Biografen Robert M. Zoske ("Es reut mich nichts. Porträt einer Widerständigen") begann im Schwarzwald das Umdenken der jungen Frau, die bis dahin ohne Probleme im Jungmädelbund und dann im Bund Deutscher Mädel organisiert war. Er schreibt: "Sie erhielt täglich Anschauungsunterricht über das Versagen und die Brutalität der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik. Das tilgte gewiss die Sympathien, die sie noch für die Idee des „Dritten Reiches“ hegte, sehr wahrscheinlich verstärkte es sogar ihre Ablehnung des Regimes. Texte dazu sind spärlich, aber ihr Handeln spricht eine deutliche Sprache: Zwei Monate nach Beendigung ihres Kriegshilfsdienstes lieh sie sich von ihrem Freund Fritz Hartnagel 1.000 Reichsmark 'für einen guten Zweck' und bat ihn um einen Bezugsschein für einen Vervielfältigungsapparat."

Zu diesem Zeitpunkt erschien bereits das zweite Flugblatt der Weißen Rose mit einer bemerkenswerten Passage, die Alexander Schmorell zugerechnet wird: "Nicht über die Judenfrage wollen wir in diesem Blatte schreiben, keine Verteidigungsrede verfassen – nein, nur als Beispiel wollen wir die Tatsache kurz anführen, die Tatsache, daß seit der Eroberung Polens dreihunderttausend Juden in diesem Land auf bestialische Art ermordet worden sind. Hier sehen wir das fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen, ein Verbrechen, dem sich kein ähnliches in der ganzen Menschengeschichte an die Seite stellen kann. Auch die Juden sind doch Menschen – man mag sich zur Judenfrage stellen wie man will – und an Menschen wurde solches verübt." Die Passage gilt als eines der sehr seltenen öffentlichen Proteste gegen die Ermordung von Juden. Bleibt die Frage, was mit Öffentlichkeit gemeint ist.