Missing Link: System-relevant, aber streaming-fremd? Die Clubkultur in der Krise

Anfang März waren Clubs als Orte der gepflegten Ekstase die Ersten, die wegen Corona schließen mussten. Wird es je wieder Normalbetrieb geben, hilft Streaming?

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Missing Link: System- und freuderelevant, streaming-fremd – Krise der Clubkultur

(Bild: Shutterstock/Tiden Studio)

Von
  • Stefan Krempl
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Spätestens die nächtlichen Krawalle in Stuttgart und Frankfurt haben es gezeigt: Vielen, vor allem jungen Menschen fehlt am Wochenende ein Ort, an dem sie Dampf ab- und die Sau rauslassen können. Clubs waren vor der ersten Welle von Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus Stätten, an denen nachtaffine Menschen zu meist hämmernder elektronischer Musik dem Exzess frönten. Wegen erhöhter Ansteckungsgefahr im feucht-fröhlichen, Körperkontakt geradezu erzwingenden Gedränge sind sie nun dicht. Im alten Stil wieder öffnen können sie vermutlich erst, wenn es einen Impfstoff gibt.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Das Schlagwort "Clubsterben" geisterte schon vor der Corona-Krise durch die Gazetten. Denn selbst wer gerne mal tanzen geht, will die Feiermeute nicht unbedingt vor der Haustür oder die Bässe unterm Bett haben. Nun brechen den Betreibern, von denen sich bisher nur die erfolgreichsten eine goldene Nase verdienten, die Einnahmen völlig weg. Miete, Personal und Nebenkosten müssen aber bezahlt werden. Ohne staatliche Hilfen droht vielen die Insolvenz. Diese missliche Lage befeuert die Debatte darüber, welche gesellschaftliche Relevanz Clubkultur hat und wie und ob die Politik einen Kahlschlag verhindern kann oder muss.

"Viele in der Gesellschaft merken, wie wichtig wir sind", freut sich Pamela Schobeß, Vorsitzende der Clubcommission Berlin. Berghain, Tresor, Watergate oder Weekend gehören zu den Kultstätten in der Hauptstadt, zu der vor der Pandemie Nacht für Nacht Einheimische und Besucher aus aller Welt pilgerten. Heute drehen die DJs die Plattenteller dort allenfalls vor leeren Tanzflächen und übertragen ihren Mix ins Internet. Die Macher kämpfen mit vorsichtigen Konzepten wie Gartenpartys, die aufgrund der Auflagen zu "Maskenbällen" umgestaltet werden, oder kostenpflichtigen 3D-Chat-und Streaming-Plattformen ums Überleben.

Schobeß betreibt seit 2011 das "Gretchen" in Kreuzberg, wo nicht nur die "Denim Live"-Tour eines großen Jeansfabrikanten schon einen Zwischenstopp machte. Bisher habe das bei einer "Rendite von 0,036 Prozent" gerade so kostendeckend funktioniert, sagt die Insiderin. "Ich habe eine Zeitlang einfach überhaupt keine Rechnungen bezahlt, die Post nicht aufgemacht", erinnert sie sich an die Corona-Hochzeit. Sie wisse nach wie vor nicht, "wann ich weitermachen darf".

Einen Plan B gibt es für Schobeß nach eigenem Bekunden nicht. Für sie steht außer Frage, dass die Clublandschaft staatliche Zuschüsse mit passenden Hilfsprogrammen braucht, "damit wir auch unsere Orte nicht verlieren". Wo sonst neue Musikspielstätten entstehen sollten "bei der Verdrängung, der Verdichtung", sei ihr völlig schleierhaft. Die zunächst gewährten Soforthilfen reichten allenfalls noch für August, dann drohe ohne weitere finanzielle Hilfen eine Pleitewelle. Sie sehe jedenfalls nicht, "dass wir im September wieder aufmachen können".

Prickelndes Clubleben mit Abstand geht laut der Kommissionschefin nicht: Die gängigen Anti-Corona-Regeln töteten das, auf was es ankomme, "nämlich die Nähe". Die Leute müssten daher verstehen, "dass wir Kultur sind" und eine nicht unerhebliche Wirtschaftsleistung mit den system- und freuderelevanten Lokalitäten verknüpft sei: einer Studie für Berlin zufolge zögen die musikalischen Hotspots 40 Prozent der Hauptstadt-Touristen an und sorgten insgesamt für einen Zufluss von 1,5 Milliarden Euro in die Spreemetropole.

"Das große Problem ist die Ungewissheit", weiß Hendrik Meier. Der frühere Nachtbürgermeister Mannheims bedauert, dass es kein Öffnungsdatum für Clubs gibt. Er habe bis Ende Juli bei einer Tochtergesellschaft der Stadt gearbeitet und versucht, die Betreiber über Bestuhlungskonzepte, einen reinen Barbetrieb oder neu erschlossenen Open-Air-Flächen durch die Krise zu bringen. Er hoffe, dass deren "Schreie gehört werden", da Clubs "ein Lebensinhalt für wahnsinnig viele Menschen" seien. Es sei nötig, auch "über die Wertschätzungs- und Wertschützungskette zu reden".

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Die Betreiber der Heidelberger halle02, die nach ihrem Ermessen "über die Jahre zu einem der größten Lieferanten von Gegenwartskultur in Süddeutschland" mit Künstlern wie Casper, Feine Sahne Fischfilet, AnnenMayKantereit, Clueso, Robin Schulz, den Toten Hosen, Jan Delay oder Paul Kalkbrenner geworden sind, haben Ende Juni die Flinte ins Korn geworfen. Die Stadt habe ihnen zwar für sechs Monate die Miete erlassen, mit einer Crowdfunding-Kampagne, Maskenverkauf und dem Öffnen des Teilbereichs "Kleine Freiheit" habe man "weitere Gelder einspielen" können, schreiben sie in ihrem vorläufigen Abschiedsbrief. Eine Wiederaufnahme des Veranstaltungsgeschäfts in der etablierten Form sei aktuell aber nicht in Sicht.

"Wir sind daher gerade nicht nur arbeitslos, zumindest in dem Bereich, in dem wir gerne arbeiten würden, sondern vor allem perspektivlos", erläutert das Duo seine bittere Entscheidung. "Und auch falls es weitere Hilfestellungen und Lockerungen geben sollte, bleibt eine Unsicherheit, wie sich das Ausgehverhalten unserer Gäste künftig entwickeln wird, was uns derzeit keine Zuversicht gibt." So habe man sich "schweren Herzens und nach Abwägung sämtlicher Vor- und Nachteile dazu entschieden, unser Konzept und die Marke halle02, die wir über 18 Jahre aufgebaut und entwickelt haben, bis auf weiteres zu pausieren und uns zunächst auf andere Geschäftsmodelle zu konzentrieren".

Nur mit Business-Events, hochpreisigen Dinner- und Variete-Formaten sowie Konferenzen, "die viel mit Digitalisierung und Interaktion zu tun haben", sei ein Überleben des Betriebes vor Ort in dem ehemaligen Güterbahnhof zu sichern, erklärte halle02-Geschäftsführer Felix Grädler gegenüber dem Magazin "Backstage Pro". Um Clubkonzerte wieder wirtschaftlich tragfähig zu machen, müssten sich die rechtlichen Rahmenbedingungen ändern: Veranstalter bildeten "die Stars von morgen aus", profitierten aber im Gegensatz zu den Künstlern nicht davon und bekämen nicht einmal von der Verwertungsgesellschaft Gema etwas ab.

Wenige Tage zuvor hatte Grädler bei einem Online-Talk der Grünen im Bundestag noch für die Anerkennung von Clubs als Kulturorte gekämpft, die auch finanziell vom Staat stärker unterstützt werden müssten. "Wir machen Kulturarbeit", unterstrich er. "Es kostet viel Zeit, Programme zu gestalten." Während die Politik bei der "vermeintlichen Hochkultur" aber immer annehme, "dass das alles möglich ist", hätten Clubs einen "Touch wie Bordelle" oder Drogenkeller, "die man lieber gar nicht hätte".

Die Auflagen waren dem Eingeweihten zufolge zudem schon ohne Corona sehr hoch. "Man muss sehr viel beachten rechtlich", zählte er Aspekte wie Versicherungen, Konzessionen sowie Anforderungen an Belüftungsanlagen und Fluchtwege auf. Ferner stünden der Branche, Relikte wie Sperrzeiten und Tanzverbote im Weg. Mit der Pandemie hätten er und sein Mitstreiter dann alle Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken, für Aushilfen Lösungen suchen sowie viele Shows verlegen müssen. Selbst bei einer Wiedereröffnung hätte es bei schon früher schmalen Umsatzrenditen nur noch eine Chance gegeben, wenn die Mehrwertsteuer für Tickets und Getränke auf sieben Prozent gesenkt worden wäre.

Sie hätten zudem schon länger versucht, mit "Gegenangeboten" die Leute von Netflix & Co. wegzuziehen und ihnen einen "gewissen geschätzten Raum" zu bieten, berichtete Grädler. Auch wenn er persönlich kein Fan von Streamings aus Clubs sei, habe die halle02 während des allgemeinen Lockdowns auf dieses Pferd gesetzt. Er habe dies am Anfang als Signal empfunden: "Wir sind da." Es wäre aber nicht gegangen, ein solches Online-Angebot "dauerhaft kostenlos oder gegen eine vermeintliche Spende zur Verfügung zu stellen".

Generell würden einschlägige Streamings je nach Bekanntheit der auflegenden DJs oder auch der Location unterschiedlich gut angenommen, weiß der Unternehmer. Konkrete Zahlen habe er nicht dazu. Streaming-Einnahmen seien im gesamten Rhein-Main-Gebiet vernachlässigbar und langten allenfalls, um die Produktionskosten zu decken, "von Gagen oder Überschüssen ganz zu schweigen", ergänzte Carsten Schack, 2. Vorsitzender beim Kulturzentrum Schlachthof Wiesbaden. Spendenkampagnen liefen dagegen meist "gut bis sehr gut". Mit Versuchen von der "Open-Air-Kopfhörerdisko" bis zum "bestuhlten Konzert mit 150 Leuten in unserer 2400er-Halle" habe man noch kein wirtschaftlich attraktives Konzept gefunden.

Die Clubcommission hat Anfang Juli eine Bilanz der zusammen mit der Initiative "Reclaim Club Culture" über drei Monate hinweg durchgeführten Solidaraktion "United We Stream" gezogen. Weltweit sind demnach mehr als 35 Millionen Views generiert, 70 Partnerstädte angedockt worden und gut 1650 Künstler in mehr als 370 großen und kleinen Locations aufgetreten. Das Ergebnis: Über eine halbe Million Euro Spenden "haben wir alleine hier in Berlin für unsere Clubkultur sammeln können, inklusive 40.000 für den Stiftungsfonds Zivile Seenotrettung". Für die Verteilung seien 66 Anträge eingegangen. Das Projekt sei während der Laufzeit aber derart angewachsen, dass es sich mit den "momentanen Strukturen" nicht fortsetzen lasse.

Weniger gut kam die Umsetzung einer Idee der "Rebellion der Träumer" (RdT) an. Die beteiligten Mitarbeiter Berliner Clubs führten Ende Mai eine "Ravekultur-Retten-Bootsdemo" als kleinen Ersatz für den ausgefallenen Karneval der Kulturen durch. Man sei an Pfingsten für die eigenen "legitimen Interessen" aufs kühle Nass gegangen und habe dabei "bewusst die Aktionsform einer Wasserdemo gewählt, um das Ansteckungsrisiko so gut es geht zu minimieren", schrieben die Veranstalter im Nachgang zu der "Schlauchboot-Party". Leider habe die Kommunikation rund um Abstandsregeln und Maskeneinsatz aber "nicht alle Teilnehmenden erreicht".

Die Versammlung "Für die Kultur - alle in einem Boot" habe von der Spree in Teltow über den Landwehrkanal nach Kreuzberg geführt, teilte die Polizei anschließend mit. Zwischenzeitlich seien rund 300 bis 400 Schifflein zusammengekommen. Auf dem Wasser und an Land versammelten sich bis zu 3000 vor allem junge Menschen, die nach Monaten des Lockdowns ausgelassen gemeinsam feierten. Rund 100 Ordnungshüter waren im Einsatz und lösten die Demonstration just in Höhe eines Krankenhauses schließlich auf.

Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) empörte sich darüber, "welche Bilder wir gesehen haben, wie viele Menschen dort zusammengekommen sind". Solche "Party-Demos" seien verantwortungslos. Weltärztechef Frank Ulrich Montgomery befürchtete, dass die aus dem Ruder gelaufene Kundgebung das Potenzial berge, "zum nächsten Superspreader-Event zu werden". Auch Booking United, eine Interessengemeinschaft von mehr als 2000 DJs, Live-Acts und Bands, distanzierte sich: Seit Monaten versuche die Szene, etwa über Gespräche mit der Politik das Nachtleben zu retten. Die Partydemonstranten hätten da "viel kaputt gemacht".

Abgeordnete auf Bundes- und Länderebene suchen trotzdem händeringend nach Lösungen. So übergab das überfraktionelle Parlamentarische Forum Clubkultur des Bundestags am 1. Juli Bundesinnenminister Horst Seehofer einen offenen Brief, wonach sich der CSU-Politiker dafür einsetzen soll, dass Clubs und Livemusikspielstätten als Kulturorte anerkannt werden.

Die Szene habe "Brachen und Stadtgebiete wiederbelebt, oftmals baukulturell und architektonisch aufgewertet und dabei einmalige Formen der Nutzung und Architektur geschaffen", begründen Vertreter von CDU/CSU, SPD, FDP, Linken und Grünen ihr Anliegen. Es handle sich schon lange um "keine unorganisierte Spontanveranstaltung mehr, sondern Kulturgut, Rückzugsort, Arbeitgeber, Impulsgeber und Wirtschaftskraft".

So seien – oft "aus intrinsischen und sozio-kulturellen Engagement und Eigeninitiative" – überall in Deutschland Begegnungspunkte für über 30 Millionen mit rund 30.000 Angestellten und einem Jahresumsatz von rund 600 Millionen Euro vor Corona entstanden. Konkret sollten Clubs daher als "Anlagen für kulturelle Zwecke" in der Baunutzungsverordnung eingestuft werden, damit sie sich leichter in Innenstädten sowie in ländlichen Regionen ansiedeln könnten und Vielfalt erhalten bleibe.

Das Forum macht sich ferner dafür stark, die in der Diskussion befindliche "Experimentierklausel Lärmschutz" in das Gesetzgebungsverfahren aufzunehmen. Dies könne dazu beitragen, Nutzungskonflikte zwischen Clubs und heranrückender Bebauung zu lösen. Einschlägige Spielstätten bildeten "die moderne Stadt ab, in der 'Wohnen, Arbeiten und Freizeit' wieder enger miteinander in Verbindung gebracht werden müssen".

Bei Musikclubs und Live-Veranstaltungen stehe das Zuhören und der Musikgenuss im Vordergrund, unterstützt Tine Fuchs, Expertin für Stadtentwicklung und Planungsrecht beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) die Initiative. Sie hätten daher eine ähnliche Funktion wie "Konzerthallen, Theater und Opernhäuser" und gehörten wie diese zu modernen wachsenden Städten.

Auch die Lärmfrage müsse grundsätzlich angegangen werden, gibt die Juristin den Abgeordneten Recht. Clubs starteten meist "an eher vergessenen Orten" wie Industriebrachen. Wenn es gut laufe, träfen sich dort immer mehr Menschen und "andere Nutzung zieht nach". Vielen wollten in solchen Gegenden dann wohnen, was jedoch oft für einen "Konflikt mit der Lautstärke auch bei der An- und Abreise" sorgen.

Für Fuchs steht fest: "Diejenigen, die eine Gegend attraktiv gemacht haben, sollten geschützt werden". Die Politik dürfe "die Nachtökonomie nicht vergessen". Denkbar sei es etwa, in der "Technischen Anleitung zum Schutz gegen Lärm" (TA Lärm) die Werte anders zu definieren und Schallschutzauflagen zu verankern: die Fenster von Wohnungen müssten so ausgestaltet sein, dass "die Clubs dort weiter sein können". Erwägenswert sei auch eine Klausel, dass neben dem DJ-Programm mindestens 12 Live-Konzerte oder Kleinkunstangebote pro Jahr stattfinden dürften.

"Die TA Lärm begünstigt bisher Autolärm, die dürfen immer am lautesten sein", wettert die Sprecherin für Stadtentwicklung der Grünen im Bundestag, Daniela Wagner. "Das finden wir etwas aus der Zeit gefallen." Würden Clubs als Kulturorte anerkannt, wäre das für sie ein "Türöffner" und deren Wertigkeit dürfte damit steigen. Zudem sei es wichtig, gerade "kleine, inhabergeführte Einzelunternehmungen besser zu schützen" und ihre Stellung "ans Wohnmietrecht" anzupassen.

(Bild: Subbotina Anna/Shutterstock.com)

Die Grünen thematisieren in ihrem Bundestagsantrag "Last Night a DJ Saved My Life" zum Erhalt der Clubkultur so auch einen besseren mietrechtlichen Schutz mit Mietobergrenzen und Mindestvertragslaufzeiten. Es sei "Aufgabe der Politik, die Kultur über die Pandemie bringen, egal wie lang sie dauert", betont der kulturpolitische Sprecher der Grünen, Erhard Grundl. Clubs gehörten "zur kulturellen Grundversorgung" und seien gesellschaftsrelevant. Sie hätten einen "kurativen Charakter beim Programm", was sie von einer "reinen Diskothek oder einem Bierzelt" unterscheide. Gehe die von den Betreibern aufgebaute Infrastruktur verloren, "würde es ein Vielfaches kosten, alles wieder aufzubauen".

Die Linke hat ebenfalls einen Antrag ins Parlament eingebracht, mit dem sie Clubs und Festivals über die Krise retten will. Darin ruft sie etwa nach einer klaren Grundlage, "dass die Miete in zumutbarer Höhe bei coronabedingten Einnahmeausfällen gesenkt werden muss". Nötig sei eine langfristige Lösung für laufende Kosten, verlangte Lutz Leichsenring, Sprecher der Clubcommission, gegenüber der "Berliner Zeitung". Rund zwei Drittel der Berliner Clubs seien akut von Schließung bedroht und hielten mit der aktuellen Liquidität maximal noch 12 Wochen durch. Ein Mietenerlass für Kulturorte, die weiterhin nicht öffnen können, würde "etwas Druck rausnehmen und die Existenzsorgen verringern".

Selbst die Berliner CDU, die im Abgeordnetenhaus der Hauptstadt in der Opposition sitzt, unterstützt dieses Begehr. Private Vermieter sollten demnach zu 50 Prozent auf die Miete verzichten, den Rest müsse das Land tragen. Kommunale Träger wollen die Christdemokraten dazu bringen, vorübergehend gar keine Pacht zu verlangen. Die rot-rot-grüne Koalition hält einen generellen Mieterlass aber nicht für landesrechtlich umsetzbar. Das private Gewerbemietrecht müsse zudem der Bund ändern, wo sich just die CDU querlege.

Der Senat will es Berliner Clubs erst einmal ermöglichen, Tanzpartys an der frischen Luft zu organisieren. Die Leiterin des Wirtschaftsressorts, Ramona Pop, forderte die Bürgermeister der Bezirke daher Mitte Juli auf, geeignete Frei- und Grünflächen, Straßen und Plätze sowie gegebenenfalls auch Sportaußenanlagen für Open-Air-Veranstaltungen zu öffnen. "Berlin vermisst unsere vielfältige Clubszene", begründete die Grüne ihren Appell. Deswegen sollten "legale Feiermöglichkeiten auf öffentlichen Flächen" geschaffen werden, auch um illegalen Partys etwa in Parkanlagen entgegenzuwirken. Es sei wichtig, die Branche schnell in die Lage zu versetzen, zumindest noch "einen Teil ihrer Umsätze mit Freiluftveranstaltungen realisieren zu können".

Während viele der angesprochen Bezirksmanager in der Hauptstadt noch skeptisch sind, ist Frankfurt einen Schritt weiter. Am Main würden von Mitte August an große Freiluft-Sommergärten eingerichtet, die von Clubbesitzern und Gastronomen betrieben werden dürften, berichtete die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vor Kurzem. Diese Lokale sollten bis zu 3000 Quadratmeter groß sein und maximal 1000 Besucher haben können. Künstler dürften auftreten, Tanzböden würden ausgelegt. Darauf hätten sich Vertreter der lokalen Clubszene, des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) in Hessen und Kommunalvertreter geeinigt.

Die Szene selbst ist konzeptionell ebenfalls nicht untätig. Ein Zusammenschluss von Experten aus den Bereichen Nachtleben und Stadtplanung erarbeitet momentan mit Unterstützung etwa des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) und der Alexander-von-Humboldt-Stiftung einen "Global Nighttime Recovery Plan" (GNRP). Geleitet wird die Initiative von der Kulturberatungsfirma VibeLab und der zugehörigen Plattform nighttime.org, die der Clubcommission-Veteran Leichsenring zusammen mit dem früheren Amsterdamer Nachtbürgermeister Mirik Milan ins Leben gerufen hat.

Das erste Kapitel des Wiederbelebungsplans hat die Allianz Mitte Juli veröffentlicht. Es konzentriert sich auf das Erschließen von Außenräumen für Open-Air-Nightlife im Zeichen von Covid-19. "Die aufgestaute Nachfrage nach sozialen Aktivitäten in Verbindung mit den anhaltenden Einschränkungen bei der Nutzung von Innenräumen hat zu einem plötzlichen Anstieg der Nachfrage nach Outdoor-Räumlichkeiten geführt", heißt es in dem Bericht. Diese spielten eine Schlüsselrolle, um Menschenansammlungen in einem sicheren Umfeld zu erlauben.

Der erste Teil enthält Fallstudien von Open-Air-Tanzveranstaltungen und Dinnerevents in Berlin sowie von großen Straßencafés im litauischen Vilnius. Dazu kommen Beispiele aus Paris und Orlando. Generell zielt das GNRP-Bündnis darauf ab, den globalen Dialog rund um lokale Regierungsmaßnahmen und Innovationen voranzutreiben, um zu sicheren und realistischen Lösungen für die Erholung der Nachtökonomie beizutragen. Weitere Kapitel sollen sich etwa mit Kriterien für die Wiederöffnung von Tanzflächen auch in Innenbereichen sowie einem nachhaltigen Betrieb von Clubs beschäftigen.

(bme)