Missing Link: Tesla in Grünheide – erleben wir eine disruptive Elektrifizierung?

Tesla als agiles Unternehmen

Inhaltsverzeichnis

Tesla tickt wie ein Digitalkonzern, das bedeutet auch, dass er klassische Ingenieur-Aufgaben angeht, wie ein Software-Startup das tun würde. Und dazu gehört der Einsatz agiler Methoden: Hier werden in enger Abstimmung mit dem Kunden in kurzen Zyklen von weitgehend selbständig agierenden Teams, in steter Folge funktionsfähige Verbesserungen implementiert, Pläne periodisch revidiert, inkrementelle Produktverbesserungen in schneller Folge produziert.

Das Standardmodell für Softwareentwicklung wendet Tesla auch auf die Produktion und hat dazu eigens das "Agile Car Development Framework": "Extreme manufacturing – agile Entwicklung für Fabriken" lautet das Stichwort, wie das Nachrichtenportal cleantechnica bereits 2018 berichtete. Das erlaubt es Tesla, schnell selbst tiefgreifende Designänderungen und Optimierungen am Produktionsprozess vorzunehmen. Nicht nur bei der Software gibt es alle paar Monate Updates und Bugfixes, auch in die Produktion der laufenden Modelle wird ständig eingegriffen. Der Autoexperte Sandy Munro: "Wir haben Tesla Empfehlungen gegeben und sie haben sie sehr schnell umgesetzt. Egal, ob es um den Druckguss geht oder das Octovalve [ein wichtiges Element des Kühlkreislaufs]". Munros Urteil: "Tesla wird nicht aufhören [zu innovieren], sie sind keine Autofirma, sie sind wie Edisons Labor oder so etwas" (Compilation: Best of Sandy Munro on Tesla).

Auch beim Bau der Fabrik in Brandenburg setzt Tesla Maßstäbe, was die Geschwindigkeit angeht. Tesla will in Grünheide jährlich rund 500.000 Exemplare der kompakten Fahrzeugreihen Model 3 und Model Y produzieren. Doch damit nicht genug: Anfang Juni reichte das Unternehmen mit Sitz in Kalifornien noch weitere Antragsunterlagen ein. Die Änderungen im laufenden Verfahren waren unter anderem nötig geworden, weil Tesla nun auch noch die größte Batteriefabrik der Welt entwirft.

Die Bielefelder Firma Goldbeck ist für einen Großteil der Fabrik in Grünheide verantwortlich, die Chefs des Systembau-Spezialisten geben gegenüber dem Handelsblatt an, es sei mit 100 bis 200 Millionen Euro nicht der größte, aber der schnellste Großauftrag der Firmengeschichte: "Der Auftrag kam viel schneller als sonst. Solche Prozesse von der Idee bis zur Fertigstellung dauern hierzulande mit allen Genehmigungen sechs bis sieben Jahre. Aber dann hat man eine im Grunde veraltete Fabrik."

Tesla treibt die etablierten Hersteller also tüchtig vor sich her, sein technologischer Vorsprung dürfte in allen wesentlichen Bereichen durchaus fünf Jahre betragen. Aus dem geplanten langsamen Hochfahren der Elektromobilität ist eine schnelle Neuaufstellung des Automarktes geworden, der die etablierten Hersteller auf dem falschen Fuß erwischt.

Was wir gerade erleben, ist möglicherweise mit "disruptive Elektrifizierung" treffend beschrieben: Die freigesetzte Dynamik hat das Potenzial, die deutschen Autoindustrie nicht nur zu stören und wachzurütteln, sondern den Markt so schnell und so nachhaltig zu verändern, bis außer Volkswagen (too big to fail) niemand mehr da ist, der Tesla – und den auf den Markt drängenden chinesischen Herstellern – Paroli bieten kann.

Wir bekommen so dank Tesla zwar eine schnellere Elektrifizierung der PKW-Flotte, aber einer echten Antriebswende, also der kompletten Dekarbonisierung des Verkehrssektors, kommen wir damit nicht näher. Denn beim Güter- und öffentlichen Verkehr sieht es mau aus: Investitionsstau bei der Bahn, Güter auf der Straße, und dem ÖPNV laufen die Fahrgäste davon.

Und wenn in Zukunft Elektroauto Fahren auch noch – tatsächlich oder vermeintlich, sei dahingestellt – umweltfreundlicher ist als Bus und Bahn fahren, dann rückt ein Ausstieg aus dem autozentrierten Nachkriegs-Lebensmodell erst recht in weite Ferne.

(tiw)