Missing Link: Unterschätzte Gefahr? Obsolete Technik im Körper

Der Fall der US-Firma Second Sight, die ein bionisches Augenimplantat nicht mehr unterstützt, wirft die Frage zum Umgang mit Elektroschrott im Menschen auf.

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(Bild: Shutterstock/Wit Olszewski)

Von
  • Stefan Krempl
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Für Barbara Campbell war es ein Schock, an den sie sich noch heute genau erinnert: Die Sehbehinderte ging 2013 während der Hauptverkehrszeit durch eine New Yorker U-Bahn-Station, als ihre Welt plötzlich wieder ganz schwarz wurde. Seit vier Jahren trug sie ein Hightech-Implantat in ihrem linken Auge, das ihr eine Art bionisches Sehvermögen verliehen und die genetische Krankheit teils kompensiert hatte, durch die sie in ihren 30ern völlig erblindet war.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Sie sei beim Umsteigen gewesen, beschrieb Campbell den Vorfall dem US-Ingenieursmagazin "IEEE Spectrum". "Ich wollte gerade die Treppe hinuntergehen, als ich plötzlich ein kleines 'Piep, piep, piep' hörte." Es war nicht der Akku ihres Mobiltelefons, der leer war. Es waren die letzten Töne ihres Netzhautimplantats Argus II, das sich für immer abschaltete. Die hellen und dunklen Stellen, die sie mit Hilfe des Geräts rudimentär hatte wahrnehmen können, verschwanden wieder.

Vier Jahre hatte Campbell Argus II von Second Sight genutzt, bevor das äußerlich mit einer dunklen Brille verknüpfte Werkzeug den Geist aufgab. Die in Los Angeles sitzende Firma konnte das rund 150.000 US-Dollar teure Implantat, das die Patientin während dessen klinischen Teststadiums eingesetzt bekommen hatte, nicht mehr reparieren. Mit ihren Ärzten diskutierte die Blinde nach dem Vorfall über eine Entfernung des Implantats. Letztlich beschloss sie, dass die Risiken einer weiteren Operation es nicht wert seien. Sie hat die defekte Technologie noch immer in ihrem linken Auge.

Ein ähnliches Schicksal droht rund 350 anderen blinden Menschen weltweit, die Argus II verwenden. Sie dürften sich bald in einer Welt wiederfinden, in der die Technologie, die ihr Leben verändert hat, nur noch ein obsoletes Gerät ist. Ein technischer Fehler, ein kaputtes Kabel – und sie verlieren ihr künstliches Sehvermögen womöglich für immer. Ein defektes Argus-System im Auge könnte aber auch medizinische Komplikationen verursachen oder Verfahren wie MRT-Scans beeinträchtigen.

Die Ursache: 2020 stand das Unternehmen kurz vor der Insolvenz, nachdem es ein Jahr zuvor sein Geschäft mit Argus aufgegeben hatte. Ein Börsengang im Juni 2021 brachte zwar 57,5 Millionen US-Dollar ein. Second Sight versprach daraufhin, sich auf seine laufende klinische Studie für ein noch weiter reichendes Gehirnimplantat namens Orion zu konzentrieren, das auch künstliches Sehen ermöglichen soll. Der Aktienkurs stürzte aber bald ab. Retten soll die Firma nun eine Fusion mit Nano Precision Medical (NPM), einem Biotech-Startup.

Fest steht: Es wird keine offiziellen Reparaturen und Ersatzteile sowie keinen Support mehr geben für Argus II, dessen Einbau mit Operation und Therapie durchschnittlich mit rund 500.000 US-Dollar zu Buche schlug. Keine der Führungskräfte von Second Sight gehört dem Team des neuen Unternehmens an, das sich auf die Entwicklung eines neuartigen Implantats von NPM zur Verabreichung von Medikamenten konzentrieren will. Verantwortlich für die obsolete Technik wird so dort niemand mehr sein.

Das System hatte der Elektroingenieur und Mediziner Robert Greenberg seit seinen Studienzeiten in den 1990ern entwickelt. Argus II besteht aus dem eigentlichen Retina-Implantat, einer Brille mit Kamera und Transmitter und der Grafikeinheit, die am Gürtel getragen wird. Das elektronische Auge in der Brille filmt die Umgebung und sendet die Aufnahmen zu dem Modul zur Videobearbeitung.

Dieses reduziert die Bilder auf Muster aus 60 Schwarz-Weiß-Pixeln und sendet sie an einen Transponder in der Brille, der sie drahtlos an eine Antenne an der Außenseite des Auges überträgt. Von dort aus wird das Signal an Elektroden auf der Netzhaut des Patienten weitergeleitet. Sie stimulieren das Auge mehrmals pro Sekunde in verschiedenen Mustern, wodurch Lichtblitze entstehen, die dem niedrig aufgelösten Videobild entsprechen. So sollen die Fotorezeptorzellen simuliert werden, die in einem gesunden Auge auf Licht reagieren und Informationen über den Sehnerv an das Gehirn senden.

Als große Erfolgsgeschichte gilt der Niederländer Jeroen Perk, der mit 19 Jahren sein Augenlicht fast vollständig verlor. 2013 war er mit 36 einer der jüngsten Patienten, die ein Argus II erhielten. Nach wenigen Jahren zeigte Second Sight ihn in Image-Videos beim Skifahren und Bogenschießen.