Missing Link: Vom Großen Gesetz des Friedens und der zweitältesten Demokratie

Vor 880 Jahren entstand die zweitälteste noch bestehende Demokratie – in Amerika. Die Europäer hätten sie fast zerstört. Was wir heute davon lernen können.

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The,Indians,Are,Riding,A,Horse,And,Spear,Ready,To

(Bild: TORWAISTUDIO/Shutterstock)

Von
  • Hans-Arthur Marsiske
Inhaltsverzeichnis

Verstehen, würdigen, respektieren! Angesichts neuer Kriege in Europa – inklusive dem Rückfall in die schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges – und neuer Bedrohungen durch Cyberkriege, sich beschleunigendem Klimawandel und globaler Spannungen ... Der Auflösung der bislang für unzerstörbar gehaltener Gewissheiten hilft es möglicherweise, auf eine andere Geschichte zurückzublicken. Und es mag die Debatte über postkoloniale Positionen und Dekolonialisierung aller gesellschaftlichen Bereiche (auch der IT) vom Kopf auf die Füße stellen – sowie die albernen Debatten über aufgewärmten "Winnetou"-Kitsch ad absurdum führen. Die zweitälteste heute noch bestehende Demokratie entstand vor 880 Jahren – in Amerika.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Er kam aus dem Norden. In einem steinernen, weißen Kanu überquerte er den Oniatarí:io, der heute Ontariosee genannt wird. Als er das südliche Ufer erreichte, wurde er sogleich gewarnt: Es gebe in dieser Gegend viele Leute, die sich gegenseitig umbrachten und das Fleisch ihrer Gegner verspeisten. Sie würden ihn sofort töten, wenn er sich ihnen näherte. Doch der Mann im Kanu blieb gelassen. "Deswegen bin ich hier", antwortete er. "Das sind genau die Leute, die ich treffen will."

Denn er war der Große Friedensstifter – gekommen, um das Töten zu beenden und die hier lebenden Nationen der Seneca, Cayuga, Onondaga, Oneida und Mohawk von einem friedlichen Bündnis zu überzeugen. Sein Name wird aus Respekt nur selten ausgesprochen und soll daher auch in diesem Artikel nur einmal genannt werden: Er hieß Deganawidah – Zwei Flüsse strömen zusammen.

Wann genau er den Fuß an Land setzte und sein großes Werk begann, ist ungewiss. Dagegen lässt sich nahezu auf den Tag genau bestimmen, wann er es vollendete: Nach dem heute allgemein gültigen Gregorianischen Kalender war es der 31. August 1142, an dem die fünf Nationen feierlich erklärten, sich zum Bund der Haudenosaunee – Leute vom Langhaus – zusammenzuschließen und künftig den Regeln zu folgen, die ihnen der Friedensstifter im Kayeneren:kowa – dem Großen Gesetz des Friedens – vorgeschlagen hatte. Darin war genau vorgegeben, wie kollektive Entscheidungen unter Beteiligung aller getroffen, Häuptlinge gewählt und abgesetzt und die Macht zwischen Männern und Frauen ausbalanciert werden sollte.

Die Föderation der Haudenosaunee ist damit die zweitälteste noch bestehende Demokratie der Welt. Nur das um das Jahr 930 gegründete isländische Parlament Althing ist noch älter. Allerdings ist das Gründungsdatum umstritten, da es nicht durch schriftliche Dokumente belegt werden kann. Das Große Gesetz des Friedens wurde über viele Jahrhunderte nicht aufgeschrieben, sondern immer wieder mündlich rezitiert.

In den mündlich überlieferten Erzählungen von der Entstehung des Bundes gibt es aber einen Hinweis, der es erlaubt, dennoch ein genaues Datum zu benennen. Demnach hatten einige weit im Westen lebende Angehörige der Seneca bis zuletzt gezögert, dem Bund beizutreten – bis eine plötzliche Verdunkelung der Sonne sie schließlich doch überzeugte. In einer 1997 erschienenen Studie sind Barbara A. Mann und Jerry L. Fields (University of Toledo) diesen und anderen Hinweisen nachgegangen. Die Sonnenfinsternis, deren Verlauf am besten zu dieser Erzählung passt, ereignete sich demnach am 22. August 1142.

Zudem wurde Jacques Cartier, der "Entdecker" Kanadas, der im Jahr 1534 erstmals mit den Haudenosaunee in Kontakt trat, um das Gebiet um den Sankt-Lorenz-Strom für den französischen König in Besitz zu nehmen, von einem Sachem – Häuptling – der Mohawk scharf zurechtgewiesen: Das Land gehöre in allen vier Himmelsrichtungen den Haudenosaunee, die seit ihrer Gründung ihren mittlerweile dreiunddreißigsten Tadodaho – den obersten Bundeshäuptling – an ihrer Spitze zählten.

Mann und Fields schauten sich an, wie lange andere auf Lebenszeit ernannte Würdenträger – Päpste, Könige, oberste Richter – durchschnittlich ihre Ämter ausübten, und fanden, dass auch diese Zahl sich gut mit einem Gründungsdatum in der Mitte des 12. Jahrhunderts verträgt. Archäologische Befunde stützen die Datierung zusätzlich.