Missing Link: Vor 75 Jahren ging ein Krieg zu Ende

Im Radio erklang 1945 erstmals die Stimme des japanischen Kaisers: Er befahl seiner Regierung, die Potsdamer Erklärung anzuerkennen. Japan kapitulierte.

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Der "Kaiserliche Erlass zur Beendigung des Großostasiatischen Kriegs" des japanischen Kaisers Hirohito, dessen aufgezeichnete Verlesung am 15. August 1945 im Radio gesendet wurde (hier Seiten 3, 4 und 5 mit Unterschrift und Siegel von Hirohito – von rechts nach links zu lesen).

(Bild: Public Domain / wikimedia.org)

Von
  • Detlef Borchers
Inhaltsverzeichnis

Am 15. August 1945 wurde die Radioansprache des japanischen Kaisers Hirohito ausgestrahlt, in der dieser seiner Regierung befahl, die Potsdamer Erklärung anzuerkennen und die bedingungslose Kapitulation zu unterschreiben. Mit dem "Kaiserlichen Erlass zur Beendigung des Großostasiatischen Kriegs" endete der Zweite Weltkrieg. Die Gyokuon-hōsō (Übertragung der kaiserlichen Stimme) oder "Jewel Case Broadcast" genannte Ansprache erfolgte im klassischen Japanisch, das nur wenige Japaner verstehen konnte. Deshalb musste ein Radiosprecher unmittelbar nach der kaiserlichen Rede erläutern, dass Japan kapituliert. Es war das erste Mal, dass Japaner ihren Tennō hören konnten.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Die Gyokuon-hōsō beendete den Zweiten Weltkrieg, doch den Frieden brachte sie nicht voran. Hirohito erwähnte die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki in seiner Ansprache, verschwieg aber seinen Landsleuten, dass die bis dahin neutrale Sowjetunion Japan den Krieg erklärt hatte, in die von Japan besetzte Mandschurei eingedrungen war und in Korea bis zum 38. Breitengrad eilte, an dem Korea geteilt werden sollte. Wie der Kyūjō-Zwischenfall zeigte, wollten Teile des Militärs weiterkämpfen. Und die japanische Regierung hatte zuvor auf die Potsdamer Erklärung mit einem Mokusatsu reagiert, eine Art Erklärung, dass man die Potsdamer Erklärung ignoriere.

Das war nach der Rede des Kaisers nicht mehr möglich. Am 2. September 1945 unterzeichnete Außenminister Mamoru Shigemitsu an Bord des Schlachtschiffes USS Missouri die Kapitulationsurkunde und erkannte die Potsdamer Erklärung an: Japan wurde auf seine vier großen und ein paar kleinere Inseln reduziert, die Kolonie Korea eine freie Republik unter gemeinsamer Verwaltung der Sowjetunion und der USA.

Die Potsdamer Erklärung war am 26. Juli 1945 vom US-Präsidenten Harry Truman und vom britischen Premierminister Winston Churchill im Rahmen der Potsdamer Konferenz unterzeichnet worden. Fernschriftlich unterzeichnete Chiang Kai-shek als Präsident der chinesischen Nationalregierung. Die Potsdamer Konferenz selbst begann am 17. Juli 1945 und endete am 2. August um 0:30 mit der Unterzeichnung des "Protokolls der Verhandlungen der Berliner Konferenz" durch Truman, Stalin und den inzwischen in die Regierung gewählten britischen Premier Clement Attlee. Sie war unter dem Decknamen "Terminal" seit Januar geplant worden und sollte nach der Konferenz von Jalta nichts Geringeres als die Neuordnung der Welt erreichen.

Während in Jalta die Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen und die Einrichtung der Vereinten Nationen beschlossen wurden, ging es in Potsdam um die bereits in Jalta angedachte Westverschiebung von Polen, die Behandlung Österreichs und des Irans sowie um die Frage eines "jüdischen Commonwealth" in Palästina. Ganz nebenbei waren noch die Friedensverträge mit Ländern wie Bulgarien, Rumänien, Ungarn und der Tschechoslowakei zu unterzeichnen und ein Abkommen zur Ausweisung von Deutschen aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn zu formulieren.

Mit der Garnisonsstadt Potsdam und dem Schloss Cecilienhof wurde ein Ort gewählt, der den preußischen Militarismus symbolisierte, den man besiegt hatte. Außerdem war Potsdam relativ unzerstört und lag im sowjetischen Machtbereich, wie von Stalin gefordert. Dieser reiste mit dem Salonzug des Zaren und einer Schutztruppe von 17.000 Mann verspätet an. Die drei Siegermächte des Weltkriegs hielten insgesamt 13 Sitzungen nach einem strengen Schema: Morgens tagten die Außenminister und ihre Berater, ab 17 Uhr kamen die Staatschefs zusammen. Besonders optimistisch war man nicht, denn es gab jede Menge Differenzen.

Der Essayist Bernard A. DeVoto schrieb 1944 in seiner Kolumne "The easy Chair" im Vorfeld von Potsdam Ende 1944: "Während der Krieg uns die Hoffnung brachte oder zumindest den Mut [zum Widerstand], kann uns der kommende Frieden die Verzweiflung bringen." Er sorgte sich um den Umbau der US-Kriegswirtschaft, vor allem aber um die Integration der zurückkehrenden schwarzen US-Soldaten in einem rassistischen Amerika, das 8 Millionen Heimkehrer aufnehmen musste. Kurz vor der Konferenz war zudem Franklin Roosevelt gestorben und so nahm der außenpolitisch eher unerfahrene Harry Truman als US-Präsident an der Konferenz teil. Truman besichtigte das zertrümmerte Berlin und war schockiert über das Ausmaß der Zerstörungen. Der ehemalige Landwirt notierte sich die Frage, wie all die Menschen ernährt werden können.

Das Hauptanliegen der USA war es jedoch, die Sowjetunion zum Eintritt in den Krieg gegen Japan zu bewegen. Während der Verhandlungen wurde Truman über den erfolgreichen Test der Atombombe informiert und gab von Potsdam aus den Befehl, diese Waffe in Japan einzusetzen. Die positive Nachricht vom Test führte dazu, dass Truman es bei der Westverschiebung Polens zuließ, dass bei der Definition der Oder-Neiße-Linie die Lausitzer Neiße und nicht – wie von Stalin ursprünglich vorgeschlagen – die Glatzer Neiße als Ostgrenze genommen wurde. Dies setzte eine der größten Umsiedelungsaktionen der Nachkriegszeit in Gang. Neben Oberschlesien, Pommern und Ostpreußen musste nun auch Niederschlesien geräumt werden und 3,5 Millionen Deutsche mussten Polen verlassen: Insgesamt wurden 14 Millionen Deutsche umgesiedelt.

Das Hauptanliegen der Sowjetunion war, einen Sicherheitspuffer zwischen dem eigenen Gebiet und Deutschland zu schaffen. Daneben forderte man hohe Reparationszahlungen für das verwüstete Land. Polen wurde um 200 bis 300 Kilometer in den Westen verschoben und verlor dabei die Kresy, die Grenzmark mit Städten wie Wilno und Lwów. Zum Sicherheitspuffer der Sowjetunion gehörten nach Ende der Verhandlungen die Balkanstaaten, Bulgarien, Rumänien, Albanien und Jugoslawien. Nur Griechenland wurde Großbritannien zugeschlagen und die Übernahme von weiten Teilen der Türkei abgelehnt, da sich das Land im Krieg neutral verhalten hatte.

Den eigentlichen Durchbruch schaffte man kurz vor Ende der Konferenz am 29. Juli, als die USA den Vorschlag machten, alle Länder inklusive der Tschechoslowakei und Ungarn als Einflussgebiet der Sowjetunion zu akzeptieren. Im Gegenzug verzichtete die UdSSR darauf, Reparationszahlungen von den westdeutschen Besatzungszonen der Briten, Amerikaner und Franzosen zu fordern.

Im Fall von Großbritannien spielte die Parlamentswahl eine wichtige Rolle, weil vieles liegenblieb, da Churchill abreiste. Als der neue Premier Clement Attlee nach dem fulminanten Sieg der Labour Party am 28. Juli in Potsdam eintraf, waren die meisten Fragen bilateral geklärt worden. Aus den "Großen Drei" waren die "Großen 2 1/2" geworden, wie der Interimsleiter der britischen Delegation sarkastisch schrieb. Immerhin wurde die Reparationsfrage im britischen Sinne geklärt, auf dass jedes Land seine Besatzungszone für Reparationen nutzen konnte.

Offen blieb die Frage, was mit dem britischen Mandat in Palästina geschehen sollte und wie der Iran zwischen den großen Drei aufgeteilt werden sollte. 1947 übergab Großbritannien sein Mandat an die Vereinten Nationen. Für diesen jungen Staatenbund, der auf der Vorkonferenz in Jalta beschlossen wurde, wurde in Potsdam verhandelt, wie die Zulassung weiterer Staaten neben den 51 Gründungsmitliedern geregelt wird. Mit der Unterzeichnung der UN-Charta wurde diese am 28. Oktober 1945 Realität.

Alle drei Siegermächte gingen davon aus, dass nach der Potsdamer Konferenz weitere Konferenzen dieser Art folgen würden, die die Neuordnung der Nachkriegswelt weiter vorantreiben würden. Präsident Truman lud am Ende der Beratungen seine Kollegen Attlee und Stalin nach Washington ein, worauf Stalin antwortete: "So Gott will." Es sollte nicht passieren, eine wirkliche Ordnung wurde nicht geschaffen. Der Journalist Walter Lippmann schrieb1947 über das unbefriedigende Ergebnis der Verhandlungen einen einflussreichen Text, in dem er die kommende Zeit als Beginn eines Kalten Krieges charakterisierte. Entsprechend liest man in Reiseführern über Schloss Cecilienhof, es sei der Ort, an dem der Kalte Krieg begann.

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Zum 75. Jahrestag der Potsdamer Konferenz gibt es in Schloss Cecilienhof eine informative Ausstellung mit dem Bericht einer Zeitzeugin, dem Tagebuch der britischen Sekretärin Joy Milard. Dazu kann man den in Moskau gefertigten mächtigen Tisch sehen, an dem die damals mächtigsten Männer der Welt saßen. Die Ausstellung wirbt mit dem bekannten Foto von Churchill, Truman und Stalin in den Korbstühlen auf der Terrasse des Schlosses -- mit einem alles überstrahlenden Atompilz im Hintergrund. Diese Korbstühle wurden nachgebaut. Besucher der Ausstellung können sich auf ihnen fotografieren lassen und dabei zwei Staatslenker aussuchen, die neben ihnen Platz nehmen sollen. Die Ausstellung ist noch bis zum 1. November geöffnet, Karten müssen coronabedingt vorab online bestellt werden.

(tiw)