Missing Link: Wie steuert man das Raumschiff Erde?

Technik und Kommunikation

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11.000 Sensoren überwachten das Leben in der Biosphere 2 und übertrugen sie in den Computerraum der Biosphere 2 sowie in das externe Kontrollzentrum. Die wichtigsten waren in einer Plexiglas-Box mit LAN-Aschluss untergebracht, die R2D2 genannt wurde. Sie ermittelte die CO2-Emissionen der Erde und der Luft in den einzelnen Biomen. Während der Arbeit auf den Feldern oder in den Biomen waren die Biosphärianer ständig mit Funkgeräten untereinander verbunden und konnten so zur Zwischenmahlzeit gerufen werden oder selbst einen Unfall melden. Im Computerraum hatte jeder seinen eigenen Computer mit Internetverbindung, außerdem gab es Telefone und ein Video-Konferenzsystem von PictureTel.

Die allgemeine Kommunikation nach außen wurde von der Biologin und Botanikerin Linda Leigh geleistet. Sie unterhielt in der WELL ein Diskussionsforum für alle Fragen über die Biosphere und organisierte virtuelle Führungen für Schulklassen, die sich mit ökologischen Fragen beschäftigten. Für die Justierung der Messinstrumente und alle technischen Reparaturen war der Belgier Mark "Laser" van Thillo als jüngster Teilnehmer zuständig, zuvor Chefingenieur des Forschungsschiffes Heraclitus. Aus Ersatzteilen konstruierte er neuartige Pumpen für das Brackwasser der Marsch, die heute in Projekten der Wastewater Gardens eingesetzt werden

Als größtes Problem der Biosphere 2 entpuppte sich der hohe Kohlendioxidgehalt der Luft, begleitet vom entsprechend niedrigen Sauerstoffgehalt. Nach einem Jahr war der Sauerstoffgehalt von 21 Prozent auf 14,5 Prozent abgesackt, was ungefähr dem Aufenthalt in der dünnen Höhenluft auf einem 5000er-Gipfel entspricht. Der deutsche Biosphere-Techniker schilderte die Situation in Telepolis so: "Die Ernährung war kalorienarm (2500 Kalorien am Tag), der Kohlendioxidgehalt höher, der Sauerstoffgehalt niedriger. Das wirkte sich natürlich auf den Körper aus. Man fühlte sich viel müder, alles fiel schwerer. Das hatte sich natürlich auch auf das Verhalten ausgewirkt." Was war passiert?

Zunächst einmal hatte man in den Berechnungen der Luftbedingungen die Mikroorganismen vergessen, die das organische Material für den Humus zersetzen und Sauerstoff verbrauchen. Später fanden Wissenschaftler heraus, dass der in der Biosphere 2 verbaute Beton einen großen Anteil an der schlechten Atmosphäre hatte. Nach langem Hin und Her entschloss man sich im Januar 1993, mit der Autarkie-Regel zu brechen und pumpte reinen Sauerstoff in die Anlage.

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Biospherians zerstritten und in zwei Lager mit jeweils vier Teilnehmern aufgeteilt. Die einen wollten Biosphere 2 mit allen verfügbaren Mitteln optimieren und lehnten jegliche Hilfe von außen ab. Die anderen wollten solche Hilfen akzeptieren, dafür aber mehr Zeit für die weitere Entwicklung der Biosphere 2 haben. Der Streit innerhalb der Anlage eskalierte auch nach draußen in die Biosphere 1.

John Polke Allen stieg als Gesamtleiter des Projektes aus und faxte seine Kündigung von Tokio aus zum Finanzier Edward Bass. Missionsleiter Norberto Alvarez-Romo verließ die Anlage, um seine kranke Frau zu besuchen. Für ihn ging der technische Leiter Bernd Zabel in die Biosphere, in der Annahme, nach wenigen Tagen wieder abgelöst zu werden. Er musste bis zum Ende des Experimentes bleiben. Anders wurde dies nur bei Jane Poynter gehandhabt. Sie schnitt sich bei der Weizenernte eine Fingerkuppe ab und musste in einem Hospital behandelt werden. Heimlich kehrte sie mit Unmengen von Geräten und Computerersatzteilen bepackt in die Anlage zurück.

Von Jane Poynter, die nach dem Aufenthalt in der Biosphere Paragon Space Development gründete, gibt es einen beeindruckenden TED-Talk über ihre Zeit in der Biosphere 2 und über ihre Forschungen, die sie nach den Erfahrungen in Arizona fortführte. Außerdem wurde mit Spaceship Earth ein Dokumentarfilm über das Leben der ersten Biospherians produziert. Die eindrücklichste Erfahrung der Biospherians, die nach zwei Jahren und 20 Minuten bei ihrem Wiedereintritt in die Biosphere 1 von einem Orchester mit Vivalidis "Vier Jahreszeiten" empfangen wurden: Die Menschen stinken, nach Parfüm und nach Schweiß. Sie dünsten aus, auch weil sie industrialisierte Lebensmittel essen, die die Biospherians zunächst überhaupt nicht genießen konnten.

Zum Wiedereintritt hielt die Primaten-Forscherin Jane Goodall eine ergreifende Rede, außerdem war per Video der Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke zugeschaltet. Er lobte die Neu-Eroberung der Erde durch Biosphere 2.

Mit dem zweijährigen Experiment war Biosphere 2 noch nicht am Ende, denn danach begann eine Phase, in der andere Wissenschaftler die Anlage nutzten. Bernd Zabel zog 1996 ein Fazit: "Es hat gezeigt das Biosphäre 2 funktioniert, wenn auch nicht problemfrei, und dass es als eine wissenschaftliche Apparatur verwendet werden kann. Seit Januar 1996 sind wir ein Teil der University of Columbia, The Earth Institute. Biosphäre II ist ein nicht-kommerzielles Projekt. (...) Wir können beispielsweise die Ökosphäre unter Bedingungen untersuchen, die wir für das Jahr 2005 erwarten. Falls die Wissenschaftler recht haben, wird der Kohlenstoffgehalt in den nächsten Jahren anwachsen. Das kann man hier herstellen und dann untersuchen, wie sich etwa Pflanzen unter diesen Bedingungen verhalten, die in der Landwirtschaft eine Bedeutung besitzen." Tatsächlich wurden solche Untersuchungen zum Treibhauseffekt in der Biosphere durchgeführt, jedoch nicht für das Jahr 2005, sondern für das Jahr 2020, wie Zabel gegenüber dem Spiegel erklärte: "Wir haben hier eine Atmosphäre, wie sie auf der Erde voraussichtlich im Jahre 2020 herrschen wird".

Das Ende von Biosphere 2 als wissenschaftlicher Einrichtung kam, als der spätere Trump-Berater Steve Bannon als Berater das Projekt übernahm und innerhalb kürzester Zeit ruinierte, die dort arbeitenden Wissenschaftler beleidigte und bald wieder von der Bildfläche verschwand, um gegen den zu erforschenden Klimawandel mit Verschwörungstheorien zu polemisieren. Heute gehört die Biosphere 2 der Universität von Arizona, kann touristisch entdeckt oder in Zeiten von Corona mit einer App erkundet werden.

Alle noch lebenden Biospärianer arbeiten heute in ökologischen Projekten, sei es auf dem Forschungsschiff Mir, sei es beim Projekt Eden in Iraq oder beim Projekt Mars on Earth, bei dem nunmehr wirklich das mögliche Leben einer künftigen Biosphere 3 auf dem Mars erkundet wird.

(tiw)