Missing Link: Zwangsmaßnahme Digitalisierung – kein Platz für alte Menschen?

Gegen "lebenslanges Lernen" ist nichts einzuwenden. Aber die Digitalisierung zwingt den Älteren Inhalte auf, mit denen sie ihre kostbare Zeit verzetteln müssen.

Lesezeit: 5 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 1074 Beiträge
Missing Link: Zwangsmaßnahme Digitalisierung – kein Platz für alte Menschen?

(Bild: Ollyy/Shutterstock.com)

Von
  • Hans-Arthur Marsiske
Inhaltsverzeichnis

"Man wird ja dazu gezwungen, das zu benutzen.“ Der Satz ließ mich aufhorchen. Ich war gerade damit beschäftigt, meine Einkäufe auf das Laufband an der Supermarktkasse zu legen, und hatte nicht mitbekommen, mit welchem Problem die Kundin vor mir zu kämpfen hatte. Sie hielt ein Smartphone in der Hand. Vielleicht hatte sie vergeblich versucht, damit zu bezahlen, und machte jetzt ihrem Ärger Luft.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Es war ihr offenbar peinlich und sie relativierte ihren Vorwurf auch gleich wieder – "... könnte man doch fast sagen ...“ –, dabei hatte sie vollkommen Recht: Die Digitalisierung ist eine Zwangsmaßnahme. Das könnte man nicht nur sagen, das muss man sagen, und zwar laut und deutlich. Denn darüber wird viel zu wenig gesprochen.

Manchmal lässt sich sogar eine dafür verantwortliche Person benennen. So hat Wolfgang Schäuble mich vor acht Jahren gezwungen, mir einen neuen Computer zu kaufen. Mein alter funktionierte problemlos, erfüllte aber nicht die Voraussetzungen für die vom Finanzministerium geforderte digitale Übermittlung der Umsatzsteuer-Voranmeldungen. Bis dahin waren Neuanschaffungen immer erst nötig geworden, wenn im Internet zu viele Websites Technologien verwendeten, mit denen mein Betriebssystem nicht mehr zurechtkam. Aber dies war das erste Mal, dass der Zwang nicht von einer anonymen Marktdynamik ausging, sondern von einer staatlichen Behörde. Herr Schäuble hat mich dafür zahlen lassen, dass seine Mitarbeiter mit den von mir übermittelten Zahlen weniger Arbeit haben. Das werde ich ihm so schnell nicht vergessen.

Für gewöhnlich ist der Druck zum Upgrade aber weniger greifbar, oft auch nur als untergründige Drohung zu spüren: Wenn du kein Smartphone haben willst, musst du halt sehen, wo du bleibst. Dann kannst du eben kein City-Bike mieten oder dir einen Fahrdienst bestellen, der dich von der U-Bahn-Station nach Hause fährt, musst im Restaurant um eine gedruckte Speisekarte betteln und dich nach und nach im gesellschaftlichen Abseits einrichten. Selber schuld.

Selber schuld? Die meisten Menschen dürften den Zwang ohnehin gar nicht spüren, sondern nehmen es als gegeben hin, dass sie sich im Beruf immer wieder und in immer kürzeren Abständen mit neuen Computer- und Kommunikationssystemen vertraut machen müssen. So ist es nun mal, wer mit den wachsenden Anforderungen nicht mithalten kann, wird abgehängt. Da reißt man sich lieber zusammen – sofern man nicht sowieso von sich aus schon den neuesten Handymodellen entgegenfiebert, auf der Suche nach neuen Apps vergnügt übers Display wischt und es genießt, auf mehreren Kanälen gleichzeitig zu kommunizieren.