Missing Link: Zwangsmaßnahme Digitalisierung – kein Platz für alte Menschen?

Gegen "lebenslanges Lernen" ist nichts einzuwenden. Aber die Digitalisierung zwingt den Älteren Inhalte auf, mit denen sie ihre kostbare Zeit verzetteln müssen.

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Missing Link: Zwangsmaßnahme Digitalisierung – kein Platz für alte Menschen?

(Bild: Ollyy/Shutterstock.com)

Von
  • Hans-Arthur Marsiske
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"Man wird ja dazu gezwungen, das zu benutzen.“ Der Satz ließ mich aufhorchen. Ich war gerade damit beschäftigt, meine Einkäufe auf das Laufband an der Supermarktkasse zu legen, und hatte nicht mitbekommen, mit welchem Problem die Kundin vor mir zu kämpfen hatte. Sie hielt ein Smartphone in der Hand. Vielleicht hatte sie vergeblich versucht, damit zu bezahlen, und machte jetzt ihrem Ärger Luft.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Es war ihr offenbar peinlich und sie relativierte ihren Vorwurf auch gleich wieder – "... könnte man doch fast sagen ...“ –, dabei hatte sie vollkommen Recht: Die Digitalisierung ist eine Zwangsmaßnahme. Das könnte man nicht nur sagen, das muss man sagen, und zwar laut und deutlich. Denn darüber wird viel zu wenig gesprochen.

Manchmal lässt sich sogar eine dafür verantwortliche Person benennen. So hat Wolfgang Schäuble mich vor acht Jahren gezwungen, mir einen neuen Computer zu kaufen. Mein alter funktionierte problemlos, erfüllte aber nicht die Voraussetzungen für die vom Finanzministerium geforderte digitale Übermittlung der Umsatzsteuer-Voranmeldungen. Bis dahin waren Neuanschaffungen immer erst nötig geworden, wenn im Internet zu viele Websites Technologien verwendeten, mit denen mein Betriebssystem nicht mehr zurechtkam. Aber dies war das erste Mal, dass der Zwang nicht von einer anonymen Marktdynamik ausging, sondern von einer staatlichen Behörde. Herr Schäuble hat mich dafür zahlen lassen, dass seine Mitarbeiter mit den von mir übermittelten Zahlen weniger Arbeit haben. Das werde ich ihm so schnell nicht vergessen.

Für gewöhnlich ist der Druck zum Upgrade aber weniger greifbar, oft auch nur als untergründige Drohung zu spüren: Wenn du kein Smartphone haben willst, musst du halt sehen, wo du bleibst. Dann kannst du eben kein City-Bike mieten oder dir einen Fahrdienst bestellen, der dich von der U-Bahn-Station nach Hause fährt, musst im Restaurant um eine gedruckte Speisekarte betteln und dich nach und nach im gesellschaftlichen Abseits einrichten. Selber schuld.

Selber schuld? Die meisten Menschen dürften den Zwang ohnehin gar nicht spüren, sondern nehmen es als gegeben hin, dass sie sich im Beruf immer wieder und in immer kürzeren Abständen mit neuen Computer- und Kommunikationssystemen vertraut machen müssen. So ist es nun mal, wer mit den wachsenden Anforderungen nicht mithalten kann, wird abgehängt. Da reißt man sich lieber zusammen – sofern man nicht sowieso von sich aus schon den neuesten Handymodellen entgegenfiebert, auf der Suche nach neuen Apps vergnügt übers Display wischt und es genießt, auf mehreren Kanälen gleichzeitig zu kommunizieren.

Es ist ja auch wirklich faszinierend, wie die technische Entwicklung in atemberaubendem Tempo ständig neue Möglichkeiten schafft. Ob man das jedoch als Bereicherung oder eher als Einschränkung und Belästigung erlebt, hängt unter anderem vom eigenen Lebensalter ab. Mit 16 interessierst du dich eher für neue Werkzeuge, mit denen du das vor dir liegende Leben gestalten kannst. Mit 60 dagegen rückt mehr und mehr die Frage in den Vordergrund, wie du mit den Werkzeugen, die du beherrschst, dein Leben ordentlich und befriedigend zu Ende bringst.

So schien mir denn auch die Frau mit den Smartphone-Problemen im Supermarkt mehr Jahre hinter sich als vor sich zu haben, ebenso wie die Kassiererin übrigens, die verständnisvoll bemerkte, dass sie auch "so ein Ding“ zu Hause habe, aber nicht viel damit anzufangen wisse. Zweifellos gibt es ebenso Senioren, die sich begeistert mit technischen Neuheiten beschäftigen. Aber ist es ratsam, sie zum Maßstab zu nehmen?

Bislang war es einer der Vorzüge des Alters, endlich die Tretmühle hinter sich zu lassen und freier über die eigene Zeit verfügen zu können. Doch die Digitalisierung gefährdet jetzt auch dieses letzte Refugium. Entsprechende Signale häufen sich und kommen nicht mehr nur von Anbietern entsprechender Technologien, die natürlich schon lange die "demografische Krise“ als Verkaufsargument entdeckt haben. Nein, inzwischen sprechen auch Leiter von Pflegeeinrichtungen und Seniorenheimen davon, dass es keinen Anspruch darauf gebe, im Alter nichts mehr dazulernen zu müssen. Zuletzt merkte ich auf, als bei einer Tagung zum Thema "Digitalisierung und der Mensch“ im Februar dieses Jahres Thomas Flotow, Geschäftsführer von Pflegen & Wohnen Hamburg, erklärte, dass jetzt die 68er-Generation vor den Türen der Pflegeheime stünde, und feststellte: "Sie werden die Digitalisierung akzeptieren (müssen).“

Ist das so? Muss ich davon ausgehen, auch im letzten Drittel meines Lebens die immer wertvoller werdende Zeit mit der Bedienung immer wieder neuer Geräte vergeuden zu müssen? Die Politik könnte gegensteuern. Meine bisherigen Erfahrungen mit Schäuble und den Finanzbehörden, die den Steuerzahlern die Kosten für die Digitalisierung aufzwingen, sich aber mit Händen und Füßen sträuben, den fürs Homeoffice erforderlichen Mietanteil als abzugsfähig anzuerkennen, stimmen mich nicht gerade zuversichtlich.

Und die Steuereintreiber, die ja traditionsgemäß ohne Wörter wie "bitte“ oder "danke“ auskommen, sind in dieser Angelegenheit nur die Vorreiter. Ein Artikel von Stefan Krempl über den aktuellen Altersbericht des Familienministeriums ließ jetzt bei mir die Alarmglocken läuten. Da wurde Bundesfamilienministerin Franziska Giffey mit den Worten zitiert, dass das Potenzial der Digitalisierung für ältere Menschen "noch viel stärker“ ausgeschöpft werden müsse. Die Alten, so der Tenor des Artikels, nutzten digitale Medien noch viel zu wenig. Es brauche unterstützende Maßnahmen, damit es mehr würden.

Immerhin, im Altersbericht selbst finden sich dann auch Sätze wie dieser: "Die Kommission appelliert an alle älteren Menschen, sich dem digitalen Wandel nicht zu verschließen. Allerdings sollte Menschen zugestanden werden, nichts Neues mehr lernen zu müssen, wenn sie dies nicht wollen.“ Und: "Generell müssen ältere Menschen auch weiterhin grundsätzlich das Recht haben, digitale Technologien nicht zu nutzen beziehungsweise der Anwendung von Technik im Einzelfall zu widersprechen.“ Es fehlen allerdings nähere Ausführungen dazu, wie dieses Recht und zugleich gesellschaftliche Teilhabe gewährleistet werden sollen.

Nichts gegen WLAN im Seniorenheim. Sicherlich werden unter denen, die in den kommenden Jahren dorthin umziehen, immer mehr sein, die ihren Laptop mitbringen und weiterhin Internet und andere digitale Medien nutzen wollen. Aber sie müssen die Möglichkeit haben, das auf dem Stand ihrer Wahl zu tun. Es darf keinen Zwang geben, jeder neuen Sau, die im Kampf um Kommunikationsstandards von IT-Unternehmen durchs Dorf getrieben wird, hinterherlaufen zu müssen. Es muss eine Bestandsgarantie für etablierte Kommunikationswege geben. Die kann wahrscheinlich nur der Staat gewährleisten. Der Wille dazu, siehe Schäuble, scheint indessen nicht sehr stark ausgeprägt zu sein.

Auch gegen "lebenslanges Lernen“ ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Wohl aber gegen von außen verordnete Lerninhalte. Es gibt einige Themen, mit denen ich mich in den mir verbleibenden Jahren noch intensiver beschäftigen möchte. Das Ergründen der Geheimnisse neuer Betriebssysteme oder das Einarbeiten in die Denkweise von Informatikern gehören nicht dazu. Ich möchte gern noch ein paar Bücher schreiben und nicht gezwungen sein, das Lesen und Schreiben immer wieder neu lernen zu müssen.

Ich muss in diesem Zusammenhang immer wieder an ein Interview denken, das ich vor über 20 Jahren geführt habe. Mein Gesprächspartner Rudolf Jüdes hat mir damals im Hinblick auf die Nutzung digitaler Medien im Alter eine wichtige und unvergessliche Lektion erteilt. Im Interview wurde er als "Herr J.“ anonymisiert, um ihn zu schützen, denn er lebte als fast vollständig gelähmter ALS-Patient in einem Pflegeheim. Dank eines Computers mit Sprachsteuerung und einem Beamer, der den Bildschirminhalt an die Decke projizierte, konnte der ehemalige Journalist wieder Texte verfassen. Ich sprach mit ihm über seine Erfahrungen damit und fragte ihn im Verlauf des Gesprächs, ob er nicht auch das Internet nutzen wolle. "Mir ist schon klar, daß man da ungeheuer viel herausholen kann“, antwortete er. "Aber ich fürchte mich davor, meine Zeit zu verzetteln.“ So steht es in der Schriftfassung des Interviews, die bei Spiegel Online dankenswerterweise immer noch zugänglich ist.

Tatsächlich hatte ich im Gespräch aber allen Ernstes noch einmal nachgehakt und versucht, Herrn Jüdes zu ermuntern, es doch einmal zu versuchen. Das war sicherlich zum einen seiner beeindruckenden Persönlichkeit geschuldet. Er war geistig voll da und wirkte überhaupt nicht wie ein Sterbender auf mich. Vor allem aber ging meine damalige Begeisterung für die kommunikativen Möglichkeiten des Internets mit mir durch, die ich zu der Zeit auch als Webjockey Virtuella in Live-Performances und Chatrooms erkundete. Mich faszinierte die Vorstellung, wie dieser physisch fast schon nicht mehr präsente Mensch sich im Internet noch einmal entfalten und in der virtuellen Realität vollkommen gleichberechtigt am Sozialleben teilhaben könnte.

So musste ich mich von Herrn Jüdes daran erinnern lassen, dass er 75 Jahre alt sei und schon seit mehreren Jahren auf Abruf lebe. Dass ich ihm wie ein Handelsvertreter nahegelegt habe, doch unbedingt mal E-Mail und Online-Chats auszuprobieren, ist mir im Rückblick peinlich. Dieser Tritt ins Fettnäpfchen bedeutete aber eben auch eine wichtige Lektion über würdevolles Altern und Sterben, für die ich ihm überaus dankbar bin und die ich mittlerweile, nachdem auch für mich das letzte Lebensdrittel angebrochen ist, viel besser verstehe: Angesichts der Endlichkeit des Lebens wird die Zeit zu einer immer wertvolleren Ressource, die ich nicht mehr mit Geräten verzetteln will, die schon wieder veraltet sind, bevor ich die Bedienungsanleitung halb durchgelesen habe.

Meine Hoffnung, dass mir dieses Schicksal erspart bleibt, ich gebe es zu, ist angesichts einer Politik, die sich seit Jahrzehnten vornehmlich als Dienerin des Wirtschaftswachstums begreift, gering. Ob die Covid-19-Epidemie, wie von einigen verkündet, das Ende des Neoliberalismus eingeläutet hat und zu einer Verschiebung der Werte hin zu mehr Solidarität, gesellschaftlichem Zusammenhalt und Ausgleich der Gegensätze führt, ist noch nicht ausgemacht. Doch vollkommen düster sind die Aussichten auch nicht: Wenn ich eines Tages im voll digitalisierten Pflegeheim durch die Seniorenwaschanlage geschleust werde, kann ich immerhin noch darauf hoffen, dass ich in meiner fortgeschrittenen Demenz dann nichts mehr davon mitkriege.

(tiw)