Mit Cannabis gegen COVID-19

Wirkstoffe aus Hanf binden an das Spike-Protein von SARS-CoV-2 und könnten helfen, einer Infektion vorzubeugen.

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(Bild: Manish Panghal / Unsplash)

Von
  • Jo Schilling

Dass Cannabis mehr zu bieten hat als einen Rausch, ist seit Jahrtausenden bekannt. Hanf ist eine traditionelle Heilpflanze, die eine bunte Mischung aus Terpenen, Flovonoiden und vor allem Cannabinoiden enthält. Etwa 100 dieser Cannabinoide sind bisher untersucht worden und das bekannteste ist sicher das berauschende Tetrahydrocannabinol (THC). Ganz ohne Rausch entfaltet Cannabidiol, kurz CBD, seine medizinische Wirkung. Es ist ein potentes Schmerzmittel, löst Ängste, kann epileptischen Anfällen vorbeugen und wirkt entzündungshemmend. Seine pflanzliche Vorstufe CBDA, die Säure des Cannabidiols und ein weiteres Cannabinoid – Cannabigerolsäure (CBGA) – wirken laut einer Studie der Oregon State University sogar gegen SARS-CoV-2. Die beiden Säuren binden an das Spike-Protein des Virus und verhindern so, dass die Viren an die Zellen andocken können.

Die beiden Naturstoffe sollen nach Überzeugung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht nur prophylaktisch gegen die Infektion helfen, sondern auch die Symptome bei einer bereits ausgebrochenen Erkrankung lindern – allerdings nur in beschränktem Rahmen. Eine Impfung ersetzen können sie nicht, betonen die Forschenden.

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Auch haben die Cannabinoide bisher nur im Labor ihre Wirksamkeit gegen das Virus gezeigt. Viren isoliert in einem Laborglas durch Stoffe zu inaktivieren ist noch weit von einer Wirkung im Menschen entfernt. Allerdings ist von der traditionellen Heilpflanze Hanf bekannt, dass sie gut verträglich ist und kaum Nebenwirkungen hat – und eben nicht berauschend wirkt: CBD ist der Hauptwirkstoff in so genanntem medizinischen Cannabis. Die Pflanzen, die medizinisch verwendet werden, sind auf besonders niedrige THC-Gehalte gezüchtet – im Gegensatz zur Coffeeshop-Ware, die auf hohe THC-Gehalte optimiert ist.

Die Konzentrationen an CBGA und CBDA im Blut, die nötig sind, um tatsächlich eine Infektion zu verhindern, schätzen die Forschenden als hoch, aber klinisch machbar ein. Wichtig ist jedoch der kleine Unterschied zwischen dem inzwischen berühmten CBD und dem in der Studie wirksamen CBDA: Nur die Säure wirkt direkt gegen das Virus, indem es das Spike-Protein bindet. Für CBD gibt es lediglich Hinweise darauf, dass es angeborene Immunmechanismen aktiviert.

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Wie genau einzelne Cannabinoide wo wirken, ist jedoch ohnehin noch weitgehend unbekannt. Mit den beiden Cannabinoidrezeptoren, die bisher in Menschen gefunden wurden, lassen sich nicht alle Wirkungen dieser Moleküle erklären. Einige Forschende vermuten, dass es – wie bei vielen pflanzlichen Heilmitteln – letztlich auf die Mischung der Inhaltsstoffe ankommt und einzelne Moleküle aus komplexen Pflanzengemischen weniger wirksam sind als der gesamte Cocktail.

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Wer jetzt allerdings den Dealer seines Vertrauens kontaktiert und auf Kiffen und Kekse gegen COVID-19 setzt, ist in jedem Fall schlecht beraten: Durch das starke Erhitzen des Pflanzenmaterials beim Verbrennen oder Backen werden die gegen SARS-CoV-2 wirksamen Säuren weitgehend in die neutralen Verbindungen umgewandelt. Die binden jedoch keine Spike-Proteine und unterstützen damit nicht den Infektionsschutz.

Auch handelsübliche CBD-Öle sind nur eingeschränkt wirksam. Sind sie frisch und schonend aus Hanfblüten hergestellt, können sie zwar größere Mengen der Säuren enthalten, aber Licht und Alterungsprozesse bauen die Säuren zügig ab. Teilweise werden diese Öle auch vorbehandelt, um das CBDA zugunsten höherer CBD-Konzentrationen umzuwandeln. Die derzeit beste Methode, von den Vorteilen von CBDA und CBGA zu profitieren, ist gleichzeitig die einfachste: einen Hanfblütentee aus der Apotheke aufbrühen.

(jsc)