Mit Teenagerslang gegen Facebooks Werbealgorithmen

Der Social-Networking-Riese ist darauf angewiesen, die Sprache seiner Nutzer verstehen zu können, um zielgerichtete Reklame zu schalten. Doch was passiert, wenn sich die Nutzer hinter eigenen Codes verstecken?

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Von
  • Tom Simonite

Der Social-Networking-Riese ist darauf angewiesen, die Sprache seiner Nutzer verstehen zu können, um zielgerichtete Reklame zu schalten. Doch was passiert, wenn sich die Nutzer hinter eigenen Codes verstecken?

Es ist ein interessantes Phänomen bei Facebook und an anderen Orten im Internet: Junge Menschen oder auch bestimmte Peergroups haben eine eigene Sprache gefunden und setzen diese ein, um sich vom Rest der Nutzerschaft abzusetzen oder auch zu verstecken.

Das ist für den Social-Networking-Riesen Facebook etwas schlecht, macht dieser sein Geld doch mit zielgerichteten Anzeigen, die darauf basieren, was die Nutzer von sich preisgeben – und das zumeist textlich. Eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Pew Internet zum Thema Teenager, Social Media und Privatsphäre fand nun heraus, dass immer mehr Jugendliche in den USA mittlerweile dazu übergegangen sind, auf Facebook über Codes zu kommunizieren – sowohl in ihrer Sprache als auch über Bilder.

Die Praxis hat viel damit zu tun, dass die Teenager versuchen, wieder die Kontrolle über ihr Onlineleben zurückzuerhalten – auch, wenn Erwachsene mitlesen. Für Facebook macht das die Werbearbeit nicht leichter, erhofft man sich dort doch von seinen Mitgliedern möglichst genaue Daten und fordert sie in seinen Geschäftsbedingungen sogar.

Die Zahlen sprechen für sich. Die Pew-Forscher fanden heraus, dass mittlerweile 58 Prozent der Teenager ganz bewusst etwa mit Insiderwitzen oder obskuren Referenzen arbeiten, um zu verhindern, dass andere Personenkreise sie sofort verstehen. Das gelte zudem bei älteren Teenagern mehr als bei jüngeren.

Die Microsoft-Forscherin Danah Boyd studiert diese und ähnliche Phänomene seit Jahren. Sie hat auch einen schönen Namen dafür gefunden: soziale Steganographie. Sie glaubt, dass dieses Verhalten sich in Zukunft noch verstärken wird.

"Ich habe in den letzten Jahren festgestellt, dass Teenager aufgehört haben, den Zugriff auf ihre Inhalte kontrollieren zu wollen. Das ist ihnen mittlerweile zu schwer und zu frustrierend geworden – und Technik alleine kann dieses Machtproblem nicht lösen", meint Boyd. Damit ist beispielsweise gemeint, dass Eltern immer häufiger "Freunde" ihrer Kinder auf Facebook sind, um zu sehen, was der Nachwuchs auch online so treibt.

Aus diesem Grund verlegen sich die jungen Leute nun darauf, nicht mehr den Zugriff auf ihre Daten zu verteidigen, was immer seltener geht. Stattdessen sichern sie sich eine andere Kontrolle, indem sie ganz genau mit der Bedeutung ihrer Onlineaussagen arbeiten. "Ein Kommentar sieht dann so aus, als meine er eine Sache, während er eigentlich das Gegenteil bedeutet." Teenager versteckten ihr wahres Ich so in aller Öffentlichkeit, weil sie wüssten, dass sie überwacht werden. "Diese Praxis wird langsam zum Massenphänomen, entsprechend erfreulich ist es, dass Pew nun Zahlen dazu nennen konnte."

Die soziale Steganographie dehnt sich laut Boyd derweil auch auf den Bereich der digitalen Fotografie aus. "Wenn man auf Instagram ein Bild eines Donuts veröffentlicht, muss es dabei nicht um einen Donut gehen", so Boyd mit einem simplen Beispiel.

Eine Konsequenz daraus ist die Tatsache, dass ein Teenager, der das Bild eines Donuts postet, nicht unbedingt positiv auf eine Anzeige für eine Fastfood-Kette reagiert, die die Schmalzkringel verkauft – schließlich ging es um etwas ganz anderes. Gegen Facebook und Co. direkt agieren die Kids dabei anscheinend nur selten, stattdessen geht es darum, Erwachsene auszutricksen. Social-Networking-Werber bekommen aber ein Problem – bis es Algorithmen gibt, die den Teeny-Code knacken können. Ob das wünschenswert wäre, ist eine ganz andere Frage. (bsc)