Motorrad-Infotainment "BMW Connectivity-Paket" auf der R 1250 RT im Test

Ein Update zu BMWs Motorrad-Infotainment​ kommt schon nach zwei Jahren, weil BMW das Thema so konsequent vorantreibt wie kaum ein Hersteller sonst.

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Das BMW-Infotainment ist derzeit – trotz Schwächen – im Motorradbereich ungeschlagen.

(Bild: Sebastian Bauer)

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  • Sebastian Bauer
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Bereits vor zwei Jahren haben wir uns am Beispiel der BMW R 1250 GS angeschaut, was sie in Puncto Infotainment und Konnektivität zu bieten hat. Diesmal haben wir uns mit der R 1250 RT wieder eine BMW geschnappt. Warum? Weil BMW das Thema auf dem Motorrad so konsequent vorantreibt, wie kaum ein Hersteller sonst – und weil sich am System sehr viel mehr verändert hat, als nur das mächtige, auf 10,25 Zoll gewachsene Display, über das nun echte Kartennavigation möglich ist.

An der grundsätzlichen Bedienlogik hat sich nichts geändert. Nach wie vor wird das gesamte System über zwei Bedienelemente gesteuert: Ein Drehrad am linken Griff, welches sich zusätzlich nach links und rechts drücken lässt und ein Wippschalter, mit dem man nach oben und unten durch die Menühierarchien navigiert. Der logische Aufbau folgt einer Baumstruktur. Über den Wippschalter bewegt man sich vertikal durch die Ebenen, mittels links/rechts-Druck auf das Drehrädchen navigiert man horizontal innerhalb einer Systemebene. Drehen des Rädchens scrollt durch Menüeinträge, ein Druck nach rechts bestätigt, ein Druck nach links, springt zurück, ein Druck auf den Wippschalter nach oben führt eine Systemebene hoch.

Test des Vorgängers

Das mag zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig sein, der logische Aufbau geht nach kurzer Zeit aber so gut in Fleisch und Blut über, dass ich sogar "blind", auf einem anderen Motorrad hinterher fahrend, meiner Freundin auf der RT Bedienungsanweisungen geben konnte. Nötig war das letztlich, da trotz des logischen Aufbaus viele Funktionen unnötig tief im System verborgen sind: Die Griff- oder Sitzheizung beispielsweise lässt sich nicht per Schalter am Lenker aktivieren, sondern versteckt sich in der dritten Systemebene innerhalb der Einstellungen im Untermenü "Heizung".

Ganze sechs Klicks (Hauptmenü -> Einstellungen -> Heizung -> Griffheizung -> Stufe auswählen -> Bestätigen) sind insgesamt nötig, um eine andere Stufe der Griffheizung einzustellen, zuzüglich weiterer drei Betätigungen des Wippschalters, um sich wieder entlang der Baumstruktur nach oben in die Spitze zu hangeln, an der sich Tachoansicht mit Geschwindigkeit, Drehzahlmesser und Tageskilometerzähler befindet.

In der Ebene darunter liegt das Hauptmenü mit Zugriff auf die unterschiedlichen Hauptsysteme: Navigation, Fahrzeugstatus, Medienwiedergabe, Radio, Einstellungen. Über den Wippschalter steigt man eine Ebene tiefer in das jeweilige System ein, über einen Druck nach oben springt man wieder eine Ebene zurück nach oben und landet letztlich nach mehrmaligem Drücken immer wieder auf der Tachoansicht. Die wichtigsten Informationen bleiben natürlich stets präsent. Geschwindigkeit, Außentemperatur, Uhrzeit und Blick auf die Assistenzsysteme sind immer gegeben, unabhängig davon, wo im Menü ich mich gerade aufhalte.

Motorrad-Infotainment BMW R1250 RT (11 Bilder)

Besonders interessant ist BMWs Implementierung der “mySPIN” Infotainmentplattform von Zulieferer Bosch.
(Bild: Sebastian Bauer)

Wie auch in der Vergangenheit, lässt sich das BMW-System als Kommunikationszentrale nutzen. Helme mit eingebautem Bluetooth-Headset lassen sich mit dem System koppeln. So können über das System Anrufe am per Bluetooth verbundenen Smartphone angenommen oder initiiert werden. Die Headunit dient quasi als BT-Proxy und reicht den Audiostream, ebenso wie bei der Musikwiedergabe, in den verbundenen Helm weiter. Außerdem können zwei Helme gekoppelt und das System damit als Intercom-Ersatz genutzt werden. Im Gegensatz zu früheren Erfahrungen auf der F 750 GS konnte ich keine Qualitätseinbußen in der Audioverbindung feststellen.

Große Neuerung des Systems ist das gewachsene Display, das sehr hoch auflöst und hervorragenden Kontrast bei jedem Wetter liefert. 1920x720 Pixel bieten eine ordentliche Darstellungsqualität und das von BMW zugelieferte System nutzt die großzügige Fläche geschickt aus: Ein Splitscreenmodus ermöglicht die Zweiteilung der Bildfläche mit der primären Ansicht in den linken beiden Dritteln und einer Zusatzansicht im rechten Drittel. Hier können Radio, Medieninformationen, Bordcomputer, Pfeilnavigation oder auch die Kartennavigation dargestellt werden. Ein Eyecatcher ist sicherlich die bildfüllende Kartennavigation auf einem Motorrad. BMW verwendet hierfür, wie in der Vergangenheit auch schon, die BMW Motorrad Connected App.

Diese lieferte bisher per Bluetooth Daten für eine recht gut funktionierende Pfeilnavigation aufs Display, während das Smartphone die Navigationsrechenarbeit übernimmt. Für eine Kartenansicht ist die Datenrate per Bluetooth freilich nicht ausreichend. Die neue RT hat daher ein WLAN-Modul integriert und bedient sich des Google Cast Protokolls, um die vom Handy gerenderte Kartenansicht auf die Headunit zu streamen. Dazu benötigt die App Berechtigungen, sich über andere Apps zu legen und automatisch starten zu können.

In der Praxis funktioniert alles sehr zuverlässig: Sobald Motorrad und Smartphone eine Verbindung hergestellt haben, öffnet sich die BMW Motorrad Connected App und schaltet in den Streamingmodus. Da für die Bildschirmübertragung das Display aktiv sein muss, mutiert die App in eine Art Bildschirmschoner und zeigt lediglich ein blasses Cast-Symbol auf einem schwarzen Bildschirm, das stets seine Position verändert, um Einbrennen von OLED-Displays zu verhindern. Untergebracht wird das Smartphone während der Fahrt in einem clever durchdachten Ablagefach mit Qi-Ladeschale und USB-Anschluss.