Münzen statt Aktien

Geschäftstüchtige Technologie-Unternehmer entdecken eine neue Möglichkeit zur Kapitalbeschaffung: so genannte Initial Coin Offerings, also öffentliche Angebote für den Kauf von digitalen Münzen.

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Von
  • Sascha Mattke

Im Jahr 1720 war in Großbritannien die South Sea Bubble, eine der ersten dokumentierten Börsenblasen der Geschichte, im vollen Gang. Angefeuert von der Hoffnung auf gigantische Gewinne durch neuen Handel mit Staaten in der Südsee, bezahlten die frühen Anleger enorme Summen für zweifelhafte Papiere. Ein Unternehmer warb mit den Worten "für eine Unternehmung von großem Vorteil, die aber niemand kennt" um Kapital – und schaffte es tatsächlich, innerhalb von fünf Stunden 1000 Aktien unter das aufgeregte Volk zu bringen. Anschließend machte er sich aus dem Staub.

Im Rückblick fällt es leicht, derlei Geschehen als irrational einzuordnen – tatsächlich platzte die Südsee-Blase noch im selben Jahr. Das allerdings ändert nichts daran, dass es auch anschließend immer wieder zu ähnlichen Finanz-Übertreibungen kam. Und auch nach dem Platzen der riesigen Dotcom-Blase Anfang dieses Jahrtausends geht es damit munter weiter: 2017 ist auf dem besten Weg, das Jahr der „Initial Coin Offerings“ (ICOs) zu werden. Einen Gutteil davon könnte man als mehr oder weniger geschickte Versuche ansehen, gutgläubigen Menschen mit Hilfe von großen Worten ihr Geld abzunehmen.

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Dass Initial Coin Offering große Ähnlichkeit mit Initial Public Offering (IPO) hat, dem englischen Ausdruck für einen Börsengang also, ist keineswegs Zufall. Wie bei einem Börsengang geht es auch bei ICOs darum, sich Kapital zu beschaffen, und ebenfalls wie bei einem Börsengang kann sich theoretisch jeder daran beteiligen.

Statt Aktien aber werden bei ICOs lediglich kryptografisch gesicherte "Coins" oder "Token" verkauft. Die können einen gewissen Wert haben, weil sie zum Beispiel für Nutzungsrechte an einem (meist noch zu schaffenden) Produkt stehen. Bei manchen aber erklären die Anbieter dahinter explizit, dass Käufer für ihre Token keinerlei Rechte bekommen. Hier bleibt als Grund für einen Kauf also allein die Hoffnung auf eine zunehmende Bedeutung der neu herausgebrachten Tokens, die ihren Preis steigen lassen würde.

Ebenfalls praktisch aus der Sicht der Emittenten: Für ein ICO brauchen sie nicht einmal unbedingt ein offizielles Unternehmen und müssen sich, weil sie offiziell keine Aktien verkaufen, nicht mit den komplizierten Regelungen dafür auseinandersetzen – auch wenn Rechtsanwälte bereits warnen, allein mit geschickten Formulierungen könne man sich die Wertpapieraufsichtsbehörden nicht unbedingt vom Hals halten. Tatsächlich erklärte die US-Behörde SEC Ende Juli, dass es sich bei den angebotenen Coins und Tokens durchaus um Wertpapiere handeln könne.

Typischerweise läuft ein ICO wie folgt ab: Eine Gruppe veröffentlicht ein Whitepaper, in dem sie ihrem technischen Ansatz und darauf basierende Vorhaben skizziert. Später wird versucht, über soziale Medien und angeblich exklusive Informationen für spezialisierte Nachrichtenmedien und Blogger Aufmerksamkeit zu schaffen. Dann kommt der Verkauf – meist gegen die Digitalwährungen Bitcoin oder Ether können Interessierte ein angebliches Stück Zukunft erwerben.

Der Ansatz funktioniert ausgesprochen gut. Mehrere aktuelle ICOs wurden innerhalb von Minuten beendet, weil alle verfügbaren Token schon verkauft waren. Nach einem Bericht der Marktforschungsfirma Autonomous Research wurden im ersten Halbjahr 2017 bereits 1,2 Milliarden Dollar mit ICOs eingenommen, gut die Hälfte davon allein im Juni. Zum Vergleich: An den US-Börsen gab es im selben Zeitraum klassische Börsengänge mit einem Volumen von rund 22 Milliarden Dollar.

Zwei der größten ICOs in diesem Jahr kamen von EOS.IO, einem Team, das eine skalierbare Blockchain-Technologie für dezentrale Anwendungen aufbauen will und Token für gut 185 Millionen Dollar verkaufte, und von Tezos, einem Start-up, das sogar rund 230 Millionen Dollar für die Entwicklung einer Blockchain mit eingebauten Governance-Mechanismen einnahm. Allerdings sind bei weitem nicht alle ICOs derart erfolgreich. Das Projekt Dao.Casino für neuartige Online-Spielhallen zum Beispiel bekam laut einer Übersicht bis kurz vor ICO-Schluss Ende Juli nur 110 Dollar zusammen.

Sowohl EOS als auch Tezos werden von Beobachten als seriös eingestuft – was nicht heißen muss, dass ihre Token wirklich lukrativ werden. Ansonsten aber gibt es laut Autonomous Research viele "betrügerische" ICOs, die vor allem darauf ausgerichtet sind, "von der Aufregung im Ökosystem" zu profitieren. Wer darauf hofft, vom aktuellen ICO-Boom profitieren zu können, sollte also zumindest sehr genau hinsehen, auf was er sich einlässt.

(sma)