Mutanten auf dem Acker

Kühe ohne Hörner, Schweine ohne Schwänze – und fast keine Regulierung: Die Gentechbranche in den USA hat einiges vor.

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  • Antonio Regalado
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Die Homepage der Biotechnologiefirma Recombinetics schreit es hinaus: "Die Geneditierungsrevolution ist da." Jedenfalls wäre dem wohl so, wenn es nicht diese nervigen Regulierungsbehörden geben würde. Das Unternehmen verwendet das Verfahren, eine Art präzise molekulare Schere, um Nutztiere zu kreieren, die nützliche Eigenschaften haben. Die Geneditierung arbeitet dabei anders als die noch umstrittenere transgene Modifikation, bei der DNA anderer Spezies eingefügt wird – hier werden nur Veränderungen am vorhandenen Erbgut vorgenommen.

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Recombinetics und seine Partner haben die Geneditierung bereits verwendet, um Holstein-Rinder ohne Hörner zu erzeugen oder männliche Schweine, die ihre Geschlechtsreife nie erreichen, was verhindert, dass das Fleisch seinen Geschmack verliert.

Das Problem: Die zuständige Aufsicht, die US Food and Drug Administration (FDA), betrachten solche Veränderungen der DNA von Tieren so, als handele es sich um ein neues Medikament. Erhebliche Sicherheitstests werden verlangt. Recombinetics meint, das sei sinnfrei, denn hornlose Kühe, die mittels Geneditierung entstehen, seien doch identisch mit jenen Lebewesen, die man erzielen würde, wenn man Milchkühe mit natürlicherweise hornlosen Rindern kreuzt.

Die Gentechbranche versucht derzeit, ihre Sicht der Dinge der Regierung von US-Präsident Donald J. Trump darzulegen. Damit will sie erreichen, dass künftig nicht mehr die FDA Aufsichtsbehörde ist, sondern das US-Landwirtschaftsministerium (US Department of Agriculture, USDA). Das USDA hat bereits geneditierte Pflanzen zugelassen und erlaubt deren Pflanzung und Verkauf ohne Regulierung – für transgene Pflanzen gilt das nicht. Die Gentechfirmen wollen nun, dass ihre modifizierten Kühe und Schweine unter das selbe Regime fallen.

Die Argumentation geht ungefähr so: Warum ist es erlaubt, geneditierte Sojabohnen zu verkaufen, die nicht durch eine Batterie an Sicherheitstests mussten, geneditiertes Rindfleisch aber nicht?

Einer der Gründe ist die noch immer enorm anachronistische aufgestellte Nahrungsmittelregulierung in den Vereinigten Staaten. Das USDA hat die explizite Mission, Verbesserungen in der Landwirtschaft voranzutreiben. Dort werden der größte Teil des Fleisches, rohe (also unverarbeitete) Früchte und Gemüsesorten sowie verarbeitete (aber nicht rohe) Eier inspiziert. Die FDA, Teil des US-Gesundheitsministeriums, ist wiederum für Fisch (außer Welsen), Wildfleisch sowie genetisch veränderte Tiere zuständig – warum es ja jetzt geht. Um die Regulierung durchzusetzen, müssen sich die Behörden auf Jahrzehnte alte Gesetze stützen, deren Autoren noch keine Ahnung von moderne Gentechverfahren hatten.

Merkwürdigerweise gibt es auch 40 Jahre nach dem Beginn des Biotechnikzeitalters keine Einigung darüber, wie ein besseres regulatorisches System in den USA aussehen könnte. BIO, eine Lobbyorganisation in Washington, arbeitet derzeit an einem White Paper, das entsprechende Vorschläge unterbreiten soll.

Die Firmen sagen, dass sie wollen, dass jedes Tier nach seinem Risiko für den Menschen betrachtet werden soll – und nicht nach der Herstellungsmethode. "Reguliert das Produkt, nicht den Prozess", heißt hier die Devise. Sie wollen nicht, dass genetische Veränderungen eines Tieres automatisch zur Regulierung führt.

Argumente dafür ließen sich durchaus finden, meinen Beobachter. Einige Milchkühe haben zum Beispiel natürlicherweise keine Hörner und es wäre vermutlich schwer, diese von den veränderten Rindern aus dem Recombinetics-Stall zu unterscheiden. (Aktuell gibt es hiervon nur eine Handvoll, die in einem Forschungslabor leben.)

Recombinetics versucht schon eine ganze Weile, die Regeln für die Geneditierung zu vereinfachen. 2016 wolle die Firma die FDA dazu bewegen, ihre hornlosen Tiere als "GRAS" zu titulieren, also aus Zutaten, die "grundsätzlich als sicher" ("generally recognized as safe") gelten. Dabei wurden Salz, Calcium oder die DNA selbst aufgeführt. Da die veränderten Rinder nur ganz leicht veränderte Kuhgene enthalten, so das Unternehmen, gebe es auch "keine wissenschaftlichen und anderen logischen Gründe" dafür, spezielle Sicherheitsmaßnahmen zu verlangen.

Die FDA entschied anders. Zwei Tage vor dem Ende der Präsidentschaft von Barack Obama gab sie bekannt, dass sie beabsichtigt, Geneditierungen so wie neue Medikamente zu behandeln. Laut der Behörde haben solche Veränderungen die Absicht, die Struktur oder Funktion eines Tieres zu beeinflussen. Daher müssten Geneditierungen – genauso wie jedes andere tiermedizinische Medikament – unter dem FDA-Gesetz von 1938 behandelt werden.

In der Branche wurde diese Entscheidung als "verrückt" tituliert – und natürlich schlecht fürs Geschäft. Recombinetics hofft auf ein Geschäftsmodell, bei dem jeder Bauer mit einem besonders guten Zuchtstier ein paar Hautzellen einsenden kann, um dann ein Jahr später eine geklonte Kopie ohne Hörner zu erhalten – oder mit anderen sinnvollen genetischen Eigenschaften, die sich mittels Geneditierung einfügen lassen.

Das funktioniert natürlich nicht, wenn jeder Designerbulle erst einmal durch einen FDA-Zulassungsprozess muss. Der teuerste Angus-Stier aller Zeiten kostete 800.000 US-Dollar. Das klingt viel, ist aber nur ein Bruchteil dessen, was ein fünfjähriger regulatorischer FDA-Prozess auffressen würde. Und die meisten Bullen sind viel billiger.

Aktuell stehen die Chancen schlecht, dass der US-Kongress in dem Sektor tätig wird und die Regulierung der Gentechbranche auf irgendeine Art zusammenführt. Deshalb hoffen Recombinetics und Co. nun darauf, mit der Hilfe von Industrielobbyisten direkt im Weißen Haus vorstellig zu werden. Trump soll beschließen, dass die Aufsicht über die Tiere nicht mehr bei FDA liegt.

Seine wirtschaftsfreundliche Seite hat dessen Team bereits demonstriert. So ist geplant, das Anti-Luftverschmutzungs-Paket Clean Power Plan zu kassieren oder das Pariser Klimaabkommen zu verlassen. Die Netzneutralität hat man bereits abgeschafft, was die Kabelkonzerne lange gefordert hatten. "Unter Trump gibt es diese eine kleine Chance, Veränderungen zu erhalten. Das kann breiten Einfluss haben", sagt Cassie Edgar von der Biotech-Anwaltskanzlei McKee, Voorhees & Sease. die BIO berät. Tammy Lee Stanoch, die im August 2017 Chefin von Recombinetics wurde, sagt, sie habe häufig mit dem Weißen Haus kommuniziert.

Direkte Ankündigungen der Trump-Regierung gibt es bislang allerdings noch nicht. Doch es gibt Aussagen, die wie Musik in den Ohren der Gentechbranche klingen. In einer Rede in Nashville, Tennessee, im vergangenen Januar sagte Trump, die Regulierungsbehörden seien "unbarmherzige Gegner" der Bauern und seine Regierung werde versuchen, die Anforderungen so zurechtzustutzen, dass moderne Biotechnologie nicht mehr blockiert werde und die Farmer innovativ sein und wachsen könnten.

Einen Monat später bohrten Abgeordnete des US-Kongresses, die zuvor vom Lobbyverband BIO gebrieft worden waren, beim USDA-Chef Sonny Perdue nach und wollten wissen, ob eine "regulatorische Übergabe" möglich sei. "Wir würden diese Verantwortung liebend gerne übernehmen", antwortete er. Bei der FDA sagt man, derzeit laufe noch ein öffentliches Anhörungsverfahren zu der eigenen, schärferen Regulierung.

Die Entscheidung der Trump-Regierung dürften weltweite Auswirkungen haben. Schließlich werden Fleisch und andere landwirtschaftliche Produkte international gehandelt. Zum Thema Genmais hatten die Konsumenten schon ihr Wörtchen mitzureden. Was genetisch veränderte Steaks oder Hühnerbrüste anbetrifft, sind sie noch recht ahnungslos. Die FDA hat bislang nur vier verschiedene Biotech-Tiere zugelassen, darunter nur eine Sorte, die man auch essen kann – eine schnell wachsende Lachsart.

Einige Firmen sagen, der striktere Prozess der FDA sei nicht unbedingt schlecht. Das britische Unternehmen Genus versucht derzeit, eine Genehmigung für Schweine zu bekommen, bei denen ein einziges Gen entfernt wurde, dass sie gegen das PRRS-Virus immun machen soll. Es kostet allein die US-Züchter pro Tag mehr als eine Million Dollar. Jonathan Lightner, Forschungschef von Genus, sagt, dass es zwar keine "intuitive Vorgehensweise" sei, die Tiere wie Medikamente zu behandeln, doch diene das mit viel Aufwand gewonnene FDA-Siegel schließlich als gutes Argument, um eine Marktakzeptanz zu erringen – wenn die Schweine dann auf dem Markt sind.

Verbraucherschutzgruppen und Anti-Gentech-Aktivisten wollen unbedingt verhindern, dass die Regulierung bei Tieren geschwächt wird. Jaydee Hanson vom Center for Food Safety gab Recombinetics bereits mit auf den Weg, dass seine Gruppe dann Protestkampagnen auf Milchbauernhöfen plane.

Tiere, die ohne Hörner geboren werden, müssten nicht durch den schmerzhaften und blutigen Enthornungsprozess, der bislang dafür sorgen soll, dass die Tiere sich untereinander (oder ihren Bauern) nicht verletzen. Doch das wäre wohl nur der recht harmlose Anfang im Bereich der Geneditierung. Ein Forscher der University of California in Davis ist derzeit dabei, Bullen so zu verändern, dass sie nur männliche Nachkommen zeugen.

Recombinetics wiederum hofft, eines Tages Schweine ohne Schwänze zu erzeugen, so dass diese nicht abgeschnitten werden müssen, weil die Tiere sich sonst gegenseitig verletzen. Ergo: Die Öffentlichkeit könnte zunehmend mit merkwürdiger werdenden Geneditierungsmöglichkeiten konfrontiert werden.

Für die Industrie sind das nur noch mehr Gründe dafür, das Tier zu regulieren und nicht den Prozess, über den es entsteht. "Man muss sich das von Fall zu Fall ansehen. Man kann nicht einfach "Geneditierung" schreien, weil jemand ein Skorpiongift-Gen einführt oder mit dem Verfahren rein männliche Kühe erzeugt", so Biotech-Anwältin Cassie Edgar. "Es ist kompliziert."

(bsc)